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Töten und fressen

Von der Stasi empfohlen: der Sound des DDR-Undergrounds der 80er Jahre

Eigentlich, so sollte man meinen, ist über Herrn Biermann und seine Ausbürgerung aus der DDR alles gesagt. Doch der Mann, der früher unter Klampfenbegleitung etwas tat, das leider bis heute von vielen als »mutig vorgetragene Kritik des Künstlers gegenüber den Mächtigen im Unrechtsstaat DDR« (Pressetext zur Ausstellung) missverstanden wird, und der heute kaum eine Gelegenheit auslässt, als willfähriger Bundesverdienstkreuzempfänger oder Grüßaugust im Bundestag zu posieren, steht schon wieder im Mittelpunkt einer Ausstellung, die derzeit im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien zu begutachten ist. »Ende vom Lied« heißt sie und versteht sich als Ergänzung zur derzeit auch in Berlin zu sehenden großen Kunstausstellung im Martin-Gropius-Bau (»Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989«).

Die am kommenden Sonntag endende Schau zeigt ihrem eigenen Selbstverständnis zufolge Werke »von Künstlern und Künstlerinnen, die in der DDR gelebt haben (…) und sich für die Frage interessieren, wie man sich als Mensch mit kreativem Potential kritisch gegenüber Unrecht verhält und wie Kunst Zeichen setzen kann gegen Systeme der Angst«. Um auf diese Frage an dieser Stelle eine Antwort zu geben: Man kann das auch anders und mit überzeugenderen Ergebnissen tun als der Mann, dessen künstlerische Fähigkeiten sich darauf beschränken, die vermeintliche eigene Wichtigkeit hinauszuposaunen und dazu »eine Art Halbstarkenflamenco aus dem gemarterten Instrument« (»Taz«) zu zerren.

Am besten zeigt das die begleitend zur Ausstellung erschienene Compilation »Ende vom Lied«, auf der eine große Zahl halbvergessener Punk- und Postpunk-Bands aus der DDR versammelt ist, die bei aller Vielfalt, was die musikalischen Verfahrensweisen angeht, etwas gemeinsam zu haben scheinen: eine Perspektive auf das Leben, die nicht gerade von Optimismus und überschäumender Lebensfreude durchdrungen ist. Was die DDR-Szene der 80er Jahre wiederum mit der bundesrepublikanischen Postpunk- und Undergroundszene der späten 70er und frühen 80er verband: Ein allgemeiner Unmut über die Beschränktheit und triste Neobiedermeierlichkeit der Gesellschaft traf aufs Glücklichste auf ausgelassene Experimentierfreude: Vom Chansonhaften bis zum ruppig-rumpeligen Kellerpunk ist hier alles Mögliche zu hören.

»Rote Leiber werden über euren Köpfen stehen (...) Totgeburten, keine Welt / Werden euch töten und fressen«, singt etwa Ina Pallas vom Trio Grabnoct. »Nachts um halb Drei hole ich mir einen runter! / Sturm im Gepäck!«, lauten wiederum die beständig wiederholten Textzeilen des Liedes »Sturm im Gepäck«, das wir dem Bandkollektiv Der Demokratische Konsum zu verdanken haben, dessen Mitglieder, so ist dem überaus informativen Booklet zu entnehmen, »als obskure Kunstmiliz in einem abenteuerlichen Drill aus Uniformteilen der Roten Armee durch Ost-Berlin liefen«. Da wäre man gern dabei gewesen! Dazu passt auch, dass nicht wenige Bands einander bei der ironisch gemeinten Namensgebung zu übertrumpfen suchten (Der Schwarze Kanal, Der Demokratische Konsum, Planlos, Expander des Fortschritts). Sehr schön und lobenswert!

Various Artists: »Ende vom Lied. East German Underground Sound 1979 - 1990«. Compiled by Henryk Gericke (Play Loud! Productions). Die Ausstellung ist noch bis 18.9. im Künstlerhaus Bethanien zu sehen, Kreuzberg, tgl. 14 - 19 Uhr, Eintritt frei.

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