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So unabhängig wie nie

Gregor Gysi will 2017 noch einmal zur Bundestagswahl antreten. Als Direktkandidat in Berlin

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 3 Min.

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Nein, weg war er nun wirklich nie. Vielleicht war es sogar anders herum - seit Gregor Gysi sich aus dem Amt des Fraktionschefs verabschiedet hat, empfanden viele den kleinen, großen Mann der Linkspartei präsenter als zuvor. Und das seit dem Bielefelder Parteitag auch noch ohne die Fesseln, die jedes Spitzenamt bei der LINKEN mit sich bringt: Kompromisse suchen, ausgleichen, in der Öffentlichkeit der eigenen Partei hinterherfegen, wenn die mal wieder Scherben hinterlassen hat.

Bei Gysi war es anders. Bielefeld, die Rückzugsankündigung, das war für ihn so etwas wie ein Startschuss: in die fünfte Karriere, so unabhängig wie nie. Mit 68.

Rechtsanwalt der Opposition in der DDR. Da gab es keine Unabhängigkeit von Staatspartei und ihren Institutionen. Retter und Vorsitzender der PDS nach der Wende. Da hatte er die Verantwortung für ein ganzes, verschwindendes Land und seine »Staatsklasse«, der der Staat abhanden gekommen war, so sah er das damals. Jahrelanger Fraktionschef im Bundestag. Da legte ihm jene »bunte Truppe« die Fesseln des Parteipolitischen an. Mitkonstrukteur einer fusionierten Linkspartei. Da musste man Kompromisse mit den Gewerkschaftern und Ex-Sozialdemokraten aus dem Westen machen, und das war viel schwerer, als mancher angenommen hatte.

Aber nun seit einem Jahr: der Elder Statesman der Linkspartei, der Mann, der sich für die großen Linien zuständig hält, der Mahner, der sein letztes großes Projekt verfolgt: die Linkspartei aus einer Festlegung auf die Oppositionsrolle hinauszuführen. Rot-Rot-Grün gilt dem Berliner als entscheidender Beitrag gegen den Rechtsruck. In seiner Partei sieht das mancher anders. Aber Gysi ist jetzt unabhängig.

Und so ist es immer auch eine komplizierte Beziehung geblieben zwischen ihm und der Linkspartei. Eine, in der große Verehrung und unterdrückte Verärgerung nebeneinander existieren können - in beide Richtungen. Die LINKE weiß, wie sehr sie den Wahlkämpfer, den Rhetoriker, den Wählerliebling braucht, der auch jenseits der Grenzen der eigenen Anhängerschaft ankommt. Und sie weiß, dass Gysi nerven kann in einem politischen Sinne, der produktiv sein könnte, wenn die, die genervt werden, etwas mit der Kritik anzufangen wissen.

Vor dem jüngsten Parteitag hatte er die LINKE als »saft- und kraftlos« bezeichnet. Das machte tagelang Schlagzeilen, obwohl andere Politiker der Partei sich weit deutlicher über den Zustand geäußert hatten. Aber sie waren nicht Gysi. Die Wähler würden der Partei »die Gestaltungskraft absprechen, weil wir auf Bundesebene den Eindruck vermitteln, nicht in die Regierung zu wollen«, das war das, worauf er hinauswollte.

Dem »Berliner Kurier« - das Verhältnis des Linkenpolitikers zu dieser lokalen Boulevardzeitung ist eine ganz eigene Geschichte - hat Gysi seine Entscheidung wieder für den Bundestag zu kandidieren jetzt mit den »Bitten und Signalen« begründet, die ihn aus seinem Wahlkreis in Treptow-Köpenick erreicht hätten. Dann kommt ein Satz aus dem Standardformulierungskasten der Politiker: »Dem kann und will ich mich nach reiflicher Überlegung nicht entziehen«, sagt da einer, der seine Rolle auch als dienende erkannt haben möchte, als eine uneigennützige, als eine, in der es um von anderen eröffnete, erbetene Verantwortung geht.

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