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Einer der berühmten Fortyeighters

Neu aufgelegt: Die Lebenserinnerungen des deutschen Demokraten und US-Brigadegenerals Carl Schurz

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Er ist vielleicht der Bedeutendste, auf jeden Fall aber der Bekannteste der berühmten Fortyeighters, der deutschen Politemigranten von 1848 in Amerika. Bekannter, so heißt es, sei er in seiner zweiten Heimat, den Vereinigten Staaten von Amerika, wo es Carl Schurz bis zum Senator und Innenminister brachte. Weniger bekannt hingegen in seinem Geburtsland Deutschland, in dem er im »großen Erweckungsjahr« 1848 als junger Mann bewaffnet für Demokratie und Republik gefochten hat. Seine Lebenserinnerungen, niedergeschrieben rund ein halbes Jahrhundert nach der Revolution und in zwei Bänden 1906 und 1907 erstmals erschienen und hier erneut vorgelegt, gehören allerdings auch in Deutschland zu den immer wieder aufgelegten Publikationen. Eine Internetrecherche, die sicher nicht alle Ausgaben erfasste, zählt in den letzten hundert Jahren mehr als 20 unterschiedlich umfangreiche Auflagen.

Geboren und aufgewachsen in einer nicht gerade wohlhabenden Lehrerfamilie im Rheinland, wurde der gerade 19-jährige Bonner Student, der in seinem Lehrer, dem Kunstgeschichtsprofessor Gottfried Kinkel, ein Vorbild fand, 1848 zu einem begeisterten Anhänger der Revolution und setzte sich für eine demokratische Republik ein. Als sich die reaktionären Mächte im Frühjahr 1849 weigerten, die vom Nationalparlament in Frankfurt am Main beschlossene Reichsverfassung anzuerkennen, griff er zur Waffe und reihte sich in die Reihen der Verteidiger dieser Verfassung ein. Er entkam bei der Kapitulation der insurgierten Festung Rastatt vor den Preußen nur mit Glück dem drohenden Todesurteil - durch Flucht über den Rhein nach Frankreich und in die Schweiz. Unter falschem Namen kehrte er aber wieder nach Deutschland zurück, um unter Lebensgefahr seinen zu lebenslanger Haft verurteilten Lehrer aus dem Zuchthaus Spandau zu befreien. Es gelang 1850, und er flüchtete mit Kinkel zusammen über Rostock per Segelschiff nach England, wo er bis zu seiner Abreise in die USA 1952 in den Wirren der politischen Emigration eine keineswegs nur untergeordnete Rolle spielte.

Die Erlebnisse und Erfahrungen dieser Jahre hat Schurz im ersten Band seiner durchweg spannend geschriebenen Autobiografie festgehalten. Sie zeichnet sich aus durch Lebendigkeit, Klarheit, Anschaulichkeit und Direktheit, aber auch erstaunliche Detailtreue und weist den Autor als einen mitreißenden Erzähler aus. Seine eingestreuten Kurzbiografien, ausführliche Porträtskizzen bedeutender Persönlichkeiten wie knappe Charakterisierungen weniger bedeutender, einfacher Leute, auf die er traf, sind meisterhaft. Die Kapitel über die Reichsverfassungskampagne bieten einen Einblick in das Geschehen, der sich mit Friedrich Engels’ Geschichte dieses Abschnitts der Revolution von 1850 vergleichen lässt. Die drei Kapitel, die der Befreiung von Kinkel gewidmet sind, lesen sich wie ein Krimi.

Wenn es um Urteile über die Chancen und das Scheitern der Revolution geht, dann wird man in dem ein halbes Jahrhundert danach Geschriebenen jedoch einen milderen, abgeklärteren Blick auf die Revolution feststellen können. »Die Wünsche der liberalen Massen«, so meint Schurz, »gingen nicht hinaus über die Herstellung der nationalen Einheit und die konstitutionelle Monarchie auf breiter demokratischer Grundlage.« (I/143 f.) Erst die vorrückende Konterrevolution habe radikalisiert. Und es sei vor allem der Egoismus der Fürsten gewesen, der die Einigung des Landes verhindert habe. Der Frankfurter Nationalversammlung hält er - ähnlich wie Marx, den er nicht mochte und dessen Arroganz zu tadeln er nicht vergisst (I/149 f.) - vor, versäumt zu haben, sich die materielle Macht zur Durchsetzung ihrer Forderungen zu schaffen.

Der zweite Band, den Schurz in Englisch verfasste, zeichnet seinen Aufstieg vom Journalisten und Notar zu einem prominenten Politiker der USA nach. Seinen demokratischen Idealen von 1848 blieb er treu. Als Brigadegeneral und Divisionskommandeur kämpfte er an der Seite von Abraham Lincoln im amerikanischen Sezessionskrieg der 1860er Jahre für die Abschaffung der Sklaverei, wurde 1869 in Missouri zum Senator gewählt und schließlich 1877 zum Innenminister berufen, dessen Amtszeit 1881 endete. Einen dritten Band zu schreiben, der die Zeit seiner Amtstätigkeit zwischen 1869 und 1881 umfassen sollte, war ihm nicht mehr vergönnt. Er starb 1906, kurz vor seinem Tod noch von seinem Freund Mark Twain besucht. Eine wissenschaftliche Biografie dieses Mannes ist bis heute noch ungeschrieben, was verwundern mag.

Die vorliegende Ausgabe der Lebenserinnerungen von Schurz ist vom Schriftsteller (und Alt-Achtundsechziger) Uwe Timm mit einem bemerkenswerten, ins Werk einführenden Essay versehen, dem ein offenbar vom Herausgeber, dem Kassler Amerikanisten Daniel Göske, verfasstes Nachwort folgt. Die Ausgabe verfügt über drei Vorzüge. Sie enthält im Unterschied zu manchen früheren deutschen Ausgaben, die lediglich Teile oder Ausschnitte darboten, erstens den vollständigen Text. Geboten werden dem anspruchsvollen Leser zweitens im umfangreichen Anhang ergänzende Erläuterungen zu Ereignissen, Vorgängen wie Persönlichkeiten. Schließlich und drittens liefert das Nachwort Ergänzendes zur Entstehungs- und Editionsgeschichte und zur Verbreitung des Werks. Eine »Lebenstafel zu Carl Schurz« und ein (Personen-) Register machen die Bände ausgesprochen benutzerfreundlich.

Carl Schurz: Lebenserinnerungen. Bd. I: Bis zum Jahre 1852; Bd. II: Von 1852 bis 1870. Hg. von Daniel Göske. Mit einem Essay von Uwe Timm. Wallstein Verlag, Göttingen. 514 S. und 725 S., geb., im Schuber, 39 €.

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