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Sprung aus den Wolken

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 2 Min.

Als Kind träumte ich wild und war einige Male drauf und dran, Hals über Kopf umherzuwandeln, worauf ich aus dem Bett fiel; die Füße noch von der Decke umschlungen, kopfüber auf die nahen Holzdielen, die Hände irgendwo. Das war während der schönen Zeit, als es noch keine Lesebühnen im heutigen Sinne gab, bei denen ich ab und zu mitwirke. Aus-dem-Bett-fallen und auf-der-Bühne-stehen gingen noch nicht miteinander einher.

Doch als das Millennium angesagt war, schubste ich eine Freundin spontan aus meinem Bett; damals, als ich mit den Jungs der allwöchentlich absolvierten Chaussee der Enthusiasten den Friedrichshain rockte. Siegesgewiss wollten wir den Prenzlauer Berg mit einem Ableger beglücken, nämlich mit unserer Hammershow. Der Helmholzplatz war zwar gut bevölkert, doch unser Lokal eher nicht. Die drei Mächte, bestehend aus Tresentrinkern, Lesungsgästen und Autoren, waren jeweils sechsköpfig. Zum Glück standen einige klobige Sitzgelegenheiten in unserem Auftrittshinterstübchen, so dass es nicht so leer wirkte.

Wer glaubte damals daran, dass aus unseren Reihen einmal 22 bis 33 relativ erfolgreiche Bücher kommen würden, unter anderem von Jochen Schmidt und Stephan Serin; geschweige denn, dass Alex beim Fernsehen für Furore sorgen könnte?

Nach einem Halbjahr traten wir mit unserer Best-Of-Sause die Flucht nach vorn an und gründeten das Kantinenlesen, das als Gipfeltreffen einiger Lesebühnen ins Rennen ging. Es gab Anlaufschwierigkeiten, weil der Widererkennungswert fehlte. Mit wem würde man auf der Bühne sitzen? Könnte es passen? Käme Publikum? Insgesamt ging es bergab. Doch nach einem Jahr übernahm Dan Richter das Ruder, er moderierte, las und sang. Endlich hatte diese Bühne ihr Gesicht, der Zuspruch ist seit anderthalb Jahrzehnten recht stabil. Das Kantinenlesen findet seit jeher in der Alten Kantine auf dem Gelände der Kulturbrauerei statt. Ein Novum, denn alle anderen Lesebühnen wechselten aus verschiedenen Gründen ab und an ihre Domizile.

Ich freue mich, trotz meines Enthusiastenausstiegs kurz nach meiner Schubsaktion gegenüber Sandra ab und zu beim Kantinelesen mitmachen zu dürfen. An diesem Sonnabend werde ich gesund und motiviert erscheinen, sofern ich nicht aus dem Bett gefallen bin.

Diese Gefahr besteht seit einigen Tagen verstärkt, da ich aus meinem Umgestaltungswahn heraus von meinem Hochbett die seitlichen Barrieren, die mich vor dem Herunterfallen bewahren sollen, entfernte; denn ich falle auch nicht aus dem Bett, wenn sich die Matratze kaum höher als die Scheuerleiste befindet. Heikel ist, dass ich beim Hochbett die Leiter vom Fuß- ans Kopfende montierte und ich das traumwandlerische Aufstehen unbedingt vermeiden muss.

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