Kein Herz und lauter Schläge

Edward Albee ist tot

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Es sind die Vergeltungslüste, die uns aufeinander zutreiben. Jemandem etwas zurückgeben heißt: nicht schenken, sondern schlagen. Das Leben gibt gern zurück - es liebt schlagende Beweise für seine Existenz. Meist fängt alles sehr harmlos an. Da ist zum Beispiel ein Sonntag im New Yorker Central Park, und da sind zwei Bänke. Da sitzt lesend Peter, und da kommt, schlendernd, listig beiläufig, Jerry. Peter: ein sehr ordentlicher Mensch; Jerry, im Kapuzenlook, mit Beutel: ein Streuner. Der Streuner verwickelt den Ordentlichen ins Gespräch, verwickelt ihn in weit mehr, nämlich in sein Leben. Am Schluss steht Existenz auf dem Spiel. Das letzte Wort spricht ein Messer. »Die Zoogeschichte« von Edward Albee, 1959 am Westberliner Schiller-Theater uraufgeführt.

Menschen im Zoo. Schaut hin, denkt die Gitter mit, wenn da von Freiheit die Rede geht. »Wer hat Angst vor Virginia Woolf?« - sein 1960 geschriebenes, berühmtestes Stück. Nach einer Party spätnachts, frühmorgens holt ein Paar sich noch ein junges Paar ins Haus. Was vor und mit den Gästen folgt, ist eine gnadenlose, von langjährigem Einstudieren in den Instinkt und den Reflex übergegangene Vernichtung. Jeder stößt jeden in den tiefen schwarzen Brunnen seiner seelischen Abwässer. Ein ewig laufendes Repertoire-Theater der gegenseitigen Auslöschung (fünf Oscars für die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton). Kampf gegen das Bitterste, was Natur aufzubieten hat: dass Schmerz nachlässt. Also: neu zuschlagen, immer wieder, immer tiefer. Der Wohlstand als Hohlstand. Darin es nur widerhallt von besagten Schlägen. Bloßgelegt wird, was in tausend Fällen nur stiller Wunsch ist. Ausgeschrien wird, was in tausend Fällen beschönt wird.

Und da wäre noch Martin, Hauptheld in »Die Ziege oder Wer ist Sylvia?« Ja, dieser Mann liebt eine - Ziege. Albee schildert nicht schlechthin eine Abnormität im Mannesleben ganz aus Karriere, Stil und gediegener Glätte. Nein, hier geschieht ein Auswurf am Ende des Bürgerlichen. Amerika öffnet sich dem Wahnwitz des letztmöglich Tabubrechenden aus dem Eigenheim heraus. Die Hingabe an die Tierseele als Metapher für das ganz andere Leben, für den ganz anderen Weltbegriff. Gott Pan lebt, die Dinge kehren in ihre Unschuld zurück. Lohengrin und der Schwan, Shakespeares Titania und der Esel, nun Martin und Sylvia.

Albee, dreifacher Träger des Pulitzer-Preises, hat Strindberg und Tschechow auf den Sunset-Boulevard geführt. Sodom im sozialen Hoch- und Mittelstand. Die eheliche Welt als bevorzugte Metapher: zwei Seelen und kein Gedanke, kein Herz und lauter Schläge. Liebesgeflüster, auf volle Lautstärke gedreht, hört sich an wie ein Dialog zwischen einer Kreissäge und einem Pressluftbohrer. Das Weib ist die Krone der Schöpfung; allerdings nur, sagt er, solange der Mann sie trägt. Ich habe dich, sagt er, auf Händen getragen. Stimmt, sagt sie, du hast mich nie auf eigenen Füßen gehen lassen ...

Nun ist Edward Albee, 1928 geboren, einer der großen Dramatiker US-Amerikas, im Alter von 88 Jahren auf Long Island, New York, gestorben.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung