Denkmalschutz statt Fußball

  • Von Claudia Götze, Erfurt
  • Lesedauer: 3 Min.

Es riecht nach Leinöl. Das alte Fachwerkensemble strahlt Gemütlichkeit aus. Im Vergleich zu vielen anderen alten Gebäuden hat das sogenannte Knorrsche Haus im thüringischen Uder (Kreis Eichsfeld) Glück: Mittlerweile versuchen 63 Männer und Frauen, es vor dem Verfall zu retten.

Sie engagieren sich in einem Freundeskreis für die »Urzelle der Gemeinde«, wie Andreas Uhlich das älteste Fachwerkhaus in dem 2700 Einwohner zählenden Ort nennt. »Es ist wichtig, sich auf seine Wurzeln zu besinnen«, sagt der 48-jährige Vereinschef. Die Wurzeln der Ritterfamilie Knorr reichen bis ins 11. Jahrhundert zurück.

Bisher ist etwa die Hälfte der Sanierung geschafft. Das Fachwerk ist bearbeitet, der Dachstuhl gerichtet und die Dächer sind gedeckt. Rund 350 000 Euro wurden für die Firmenleistungen bezahlt. »Was trotz Förderung in Eigenleistung möglich ist und wofür Zeit ist, machen wir«, erklärt Ulrich Wölm. Der 66 Jahre alte Mann stammt aus dem niedersächsischen Göttingen und wollte das Haus einst selbst kaufen. Aber das wäre für eine Privatperson ein Fass ohne Boden gewesen, räumt er mittlerweile ein.

Vereine kämen dagegen an Fördermittel aus der Dorferneuerung oder an Lottomittel heran. Wie Wölm ist auch Roland Schneider von Anfang an dabei. »Ich war auf der Suche nach einer Freizeitbeschäftigung«, erklärt der 55-Jährige. Anders bei Markus Wehr: Der gebürtige Uderaner lebt mittlerweile im Nachbarort Arenshausen. Weil er in seinen Geburtsort zurückkehren und bauen wollte, hat er frühzeitig Anschluss an einen Verein gesucht. Auf Fußball oder Feuerwehr habe er keine Lust, erklärt der 44-Jährige.

Landesweit gibt es zahlreiche ähnliche Beispiele, wie alte Gebäude durch privates Engagement vor dem Verfall gerettet wurden. Sie standen am 11. September beim Tag des offenen Denkmals im Mittelpunkt. Rund 700 historische Baudenkmale in Thüringen öffnen ihre Tore für Besucher. Das Haus in Uder ist dieses Mal nicht dabei: Die dortige Baustelle sei zu gefährlich für Besucher, heißt es.

Allerdings soll sie bald verschwinden. In nur dreieinhalb Jahren leistete der Freundeskreis nach eigenen Angaben etwa 5000 bis 6000 Stunden ehrenamtliche Arbeit. Das »Altenteil«, einstiges Domizil für Tagelöhner und alte Leute, sei bereits fertiggestellt, erzählt der Vereinsvorsitzende Uhlich. Dort sind eine Pilgerwohnung und Sanitäranlagen untergebracht. Auch die Arbeiten am Laubengang aus Beton und Metallgeländer seien abgeschlossen. Wie ein Balkon thront er im Hof und hat bereits das erste Konzert überstanden.

In zwei bis drei Jahren soll das Haupthaus fertig sein. Dann wird es ein historisches Trauzimmer sowie den Verwaltungssitz von Uder aufnehmen. Darauf freut sich schon der Bürgermeister Gerhard Martin. Die Amtsstube des CDU-Politikers befindet sich derzeit noch im Feuerwehrgerätehaus. So schnell wie möglich möchte er in den Fachwerkhof gegenüber der kleinen Dorfkirche ziehen. Auch schon unfertig hat das Knorrsche Haus seine Bedeutung für die Kommune unter Beweis gestellt: Ohne Strom, Wasser und Heizung gab es dort bereits unter anderem Lesungen, Workshops, Konzerte und Adventsmärkte. dpa/nd

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