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Billiglöhne trotz Tourismusbooms

In Mecklenburg-Vorpommern werden viele Menschen schlechter bezahlt als in Süddeutschland

  • Von Martina Rathke, Rostock
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Gewerkschaft NGG kritisiert die Entlohnung von Mitarbeitern in der Hotel- und Gaststättenbranche in Mecklenburg-Vorpommern. »Der Tourismus spielt in diesem Bundesland in der Königsklasse, doch die Mitarbeiter werden nach Kreisklasse entlohnt«, sagte der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Gaststätten und Genussmittel in dem nordostdeutschen Bundesland, Jörg Dahms, der Deutschen Presse-Agentur. Die Unzufriedenheit der in den Tourismusregionen lebenden Menschen sei nachvollziehbar. Dass aber aus dieser Unzufriedenheit heraus in manchen Fällen die AfD gewählt wurde, sei nicht zu verstehen.

Der Tourismus steuert in diesem Jahr auf neue Rekordzahlen zu. Vor allem in den touristischen Boomregionen Vorpommerns hatte die rechte AfD bei der Landtagswahl zum Teil ein Drittel der Stimmen auf sich vereinen können. Vertreter der Branche sahen das Wahlergebnis nicht vorrangig in Ressentiments gegenüber Fremden begründet, sondern auch als Reaktion auf die Strukturausdünnung der Region. Dahms ergänzte: Die Erfolge, die in der Tourismusbranche erarbeiten würden, kämen bei den Mitarbeitern nicht an.

Am Mittwoch hatte der Tourismusexperte Mathias Feige bei der Vorstellung des Tourismusbarometers die Branche ermahnt, nicht nur auf die Zufriedenheit der Gäste, sondern auch der Bewohner in den touristischen Regionen zu schauen. Nur bei einer »ganzseitigen Zufriedenheit« von Gästen und Einheimischen könne sich die Region gut entwickeln.

In Mecklenburg-Vorpommern verdienen ein Koch oder eine Restaurantfachkraft mit einer abgeschlossenen Ausbildung im ersten Berufsjahr laut Tarifvertrag 1545 Euro brutto im Monat. In Bayern stehen bei denselben Berufsgruppen im ersten Berufsjahr 2105 Euro beziehungsweise 1931 Euro auf dem Lohnzettel.

Der Arbeitgeberverband Dehoga wies die Kritik der Gewerkschaft zurück. Mitarbeiter partizipierten an den Erfolgen der Branche in Mecklenburg-Vorpommern. Gerade zum 1. September habe es eine zweiprozentige Lohnsteigerung gegeben, sagte Dehoga-Präsident Guido Zöllick. »Die Branche ist bereit, das zu zahlen, was an Wirtschaftskraft in den Betrieben vorhanden ist.« In Mecklenburg-Vorpommern gebe es eine ganz andere Situation als in Bayern. Viele Betriebe an der Küste seien ohne hohe Eigenmittel erbaut worden. Dies sorge für eine hohe Kreditbelastung. Auch würden hier aufgrund des Saisongeschäfts niedrigere Umsätze erzielt als in anderen Regionen.

Die Gewerkschaft zeigte sich selbstkritisch. Die vergleichsweise geringen Löhne seien unter anderem in der Schwäche der Gewerkschaft begründet. Von den landesweit 34 000 Beschäftigten der Branche sind nach Angaben von Dahms nur 800 gewerkschaftlich organisiert. »Weil die Gewerkschaft so schwach ist, müssen wir uns jeden Tarifvertrag beim Dehoga erbetteln.« Zudem habe die NGG die Wirkung der Ausdünnung von Strukturen in Vorpommern unterschätzt. »Dass eine Kinderstation im Kreiskrankenhaus Wolgast erhalten bleibt, war für die Mitarbeiter der Hotel- und Gaststättenbranche wichtig.« Da hätte die Gewerkschaft sich stärker einbringen müssen.

In den vergangenen Jahren seien viele Versuche, Betriebsräte in den Hotels der Tourismushochburgen zu gründen, gescheitert. Als Ursache nannte Dahms den befürchteten Verlust des Arbeitsplatzes, die Kleinteiligkeit der Betriebe, aber auch Unwissenheit. »Kein Arbeitnehmer muss Angst haben«, sagte Dahms. Die Hotel- und Gaststättenbranche sei auf gut qualifizierte Mitarbeiter angewiesen.

Die niedrigen Löhne seien sicher nur ein Zahnrad im Getriebe der Unzufriedenheit, sagte Dahms. Dazu kämen unbezahlte Überstunden oder auch Probleme bei der Kinderbetreuung. Die Gewerkschaft will in den Wintermonaten in den Tourismushochburgen Vorpommerns über die Gründung von Betriebsräten informieren. Dort, wo es keine gewerkschaftlichen Strukturen gebe, seien die Arbeitsbedingungen auch schlechter. dpa/nd

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