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Ein bisschen wie »friendly fire«

Ein Angriff gegen den Islamischen Staat traf die Truppen der syrischen Regierung - verhängnisvolles Versehen?

Kampfflugzeuge der US-geführten Koalition haben am Samstag Stellungen der syrischen Armee in der Nähe der Stadt Deir ez-Zor im Nordosten Syriens angegriffen. Dabei sollen 90 Soldaten getötet und rund 100 weitere verwundet worden sein. Die Luftangriffe, an denen zwei F-16-Kampfjets und zwei A-10-Erdkampfflugzeuge beteiligt gewesen sein sollen, wurden eingestellt, nachdem russische Militärs informiert hatten, dass es sich bei den Attackierten um Einheiten der syrischen Armee handelt. Doch da hatten Kämpfer des Islamischen Staates (IS), die in dieser Gegend dominant sind, offenbar bereits die Gunst der Stunde genutzt und zum Angriff auf die Assad-Soldaten angesetzt. Dank der fehlgeleiteten Luftangriffe ihrer Gegner erzielten die Ex- tremisten Geländegewinne. Die Regierungstruppen mussten sich zurückziehen und zwei strategisch wichtige Hügel nahe dem Flughafen räumen. Bei einer Gegenoffensive am Sonntag, die angeblich von der russischen Luftwaffe unterstützt wurde, habe man einen Teil des Gebietes zurückgewonnen, hieß es in Damaskus.

Bereits am Samstag hatte es ein verbales Gefecht bei einer von Russland beantragten Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats gegeben. Die Vertreter Moskaus und Washingtons hatte sich gegenseitig beschuldigt, die ausgehandelte und bis zu dem Angriff relativ beständige Waffenruhe zu gefährden.

Russlands UN-Botschafter Witali Tschurkin verließ die Sitzung kurz nach Beginn und erklärte, hinter dem russisch-amerikanischen Abkommen zur Beendigung der Kampfhandlungen in Syrien stehe nun »ein sehr großes Fragezeichen«. Er mutmaßte, dass das genau das Ziel des Angriffs gewesen sein könnte. Seine US-amerikanische Amtskollegin Samantha Power attestierte Russland ihrerseits Scheinheiligkeit und Effekthascherei, weil Moskau die Sondersitzung des höchsten UN-Gremiums beantragt hatte. Dieses Vorgehen sei »selbst für russische Verhältnisse« einzigartig. Stattdessen solle sich die russische Regierung darauf konzentrieren, die Umsetzung des gemeinsam und im guten Willen ausgehandelten Abkommens für Syrien voranzubringen.

An dem Vorfall ist vieles noch rätselhaft. Die Stadt Deir ez-Zor, in deren Umland es ergiebige Ölquellen gibt, liegt im Osten Syriens unweit der Grenze zu Irak. Sie gehörte zu den ersten, in denen es vor vier Jahren ein Aufbegehren gegen das Regime von Bashar al-Assad gab. Doch schon bald wurden die Oppositionellen vom Islamischen Staat abgelöst. Nach siebenmonatigen Kämpfen hatte der IS im Juli 2014 die sogenannte Freie Syrische Armee aus dem Gebiet vertrieben und ein grausames Regime errichtet. Angeblich hat der IS mehr als tausend Angehörige des sunnitischen Clans der al-Shaitat hingemetzelt, die sich nicht unterwerfen wollten. Die Armee des Regimes in Damaskus kontrollierte seither gerade noch zehn Prozent der Region. Darunter den Flugplatz. Auf dem - so verschiedene Geheimdienstquellen - zahlreiche Kämpfer der von Iran unterstützten Hisbollah stationiert sind. Ob unter den Toten auch solche Kämpfer sind, ist unklar.

Ranghohe US-Vertreter äußerten rasch ihr Bedauern über den Angriff, den man natürlich nicht unter der Rubrik »friendly fire« abbucht, weil die USA - anders als Russland - Assads Truppen nicht als Bündnispartner im Kampf gegen Terrorismus ansehen. Washington übte dennoch auf Umwegen Schadensbegrenzung. Das Weißen Hauses übermittelte dem Kreml eine Mitteilung, in der der unbeabsichtigte Tod syrischer Regierungssoldaten bedauert wird. Damaskus bleibt dennoch bei seiner Beurteilung der Lage: Die USA unterstützen die Feinde Assads!

Auch US-Botschafterin Power unterstrich mehrfach, es sei »nicht die Absicht« gewesen, syrisches Militär zu treffen. Die USA bedauerten »den Verlust von Menschenleben« und würden den Vorfall untersuchen. Man sei davon ausgegangen, dass es sich um Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat gehandelt habe, ergänzte das US-Zentralkommando. Die USA würden sich weiterhin an die Bedingungen der Waffenruhe halten und zugleich - gemäß der Vereinbarung - den IS bekämpfen. Die US-Militärs verwiesen auf die »komplexe« Situation in Syrien mit verschiedenen militärischen Kräften und Milizen. Doch: »Koalitionskräfte würden keine syrische Einheit wissentlich und absichtlich angreifen.«

Auch Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, schloss nicht aus, dass die Attacke ein Versehen war. Ursache sei die bisherige Weigerung der USA, ihr militärisches Vorgehen gegen terroristische Gruppen in Syrien mit Russland abzustimmen.

Das soll sich in den kommenden Tagen eigentlich ändern. Wenn die am vergangenen Montag begonnene Waffenruhe eine Woche lang hält, wollen die USA und Russland eine Art Koordinationskommando einrichten, um den Kampf in Syrien besser zu koordinieren. So steht es in der Vereinbarung, und bis zu dem Angriff bei Deir ez-Zor standen die Chancen dafür nicht schlecht.

Doch nicht nur die USA, die die Anti-IS-Koalition führen und deren Flugzeuge zumindest an dem Angriff beteiligt waren, entschuldigten sich. Auch die australische Regierung kondolierte den Familien der syrischen Soldaten, die bei dem Luftangriff getötet worden sind. Man habe geglaubt, den IS zu treffen. Niemals, so versichern Beamte in Canberra, würde Australien etwas tun, was den IS unterstützt.

Welche Rolle Australien bei dem Angriff spielte, ist unklar. Das Land ist mit seiner »Operation Okra« an den Anti-IS-Angriffen in Irak beteiligt. Eingesetzt sind 780 Luftwaffensoldaten. Sie betreiben einen fliegenden Tanker, sechs F-18A »Hornet« sowie einen dem fliegenden AWACS-System vergleichbaren E-7A-Gefechtsstand. Denkbar ist, dass von Bord der Angriff gesteuert worden ist.

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