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It's the Care-Arbeit, stupid

Zur linken Debatte über die Folgen der Digitalisierung: Anna Stiede über »Das freundliche Monster Fortschritt« und die Sphäre der Reproduktion

Während der eiserne technische Fortschrittsglaube von denen einen mit ökologischer Kritik und Datenschutzbedenken in Frage gestellt wird, sehen andere im Akzelerationismus schon den Kommunismus aufscheinen. In Zeiten von weltweiten Kriegen und faschistoiden Tendenzen hierzulande erleben wir zugleich auch einen technologisch getriebenen zeithistorischen Umbruch des Kapitalismus. Wie reagiert die Linke darauf?

In den sich verändernden (Re)Produktionsverhältnissen sind sie wenn nicht völlig sprachlos so doch aber weitgehend handlungsunfähig. Tom Strohschneider, der unlängst in dieser Zeitung dazu aufgerufen hat, »darüber zu reden, wie die emanzipatorischen Potenziale neuer Technik ›befreit‹ werden könnten«, hat durchaus recht. Aber der Appell greift zu kurz.

Um uns als Linke Technik in einem progressiven Sinne anzueignen, muss auch gefragt werden, was Millionen von Menschen dazu veranlasst, ihr soziales Leben vermittelt über technische Geräte im digitalen Raum auszuleben - und was sie stimuliert, ihre Zeit auch noch mit Spielen wie Pokémon Go zu verplempern. Eine Erklärung könnte sein: Der neue Zeitgeist vereinnahmt auch den Bereich der persönlichen Sorge. Während in der »analogen Welt« das gemeinsame Soziale zerfällt und überall Defizite in der gegenseitigen Hilfe, in der Pflege, in der Betreuung und Bildung sichtbar werden, erfahren Menschen über neue digitale Welten offenbar eine neue Art der Verbundenheit. Sie füllen die aufgerissenen Lücken auf Instagram und Facebook, holen sich dort eine Art kurzweilige Befriedung ihrer persönlichen Sehnsüchte: Emotionen können mit der Welt geteilt werden, das Bedürfnis nach gutem Essen oder einer günstigen Reinigungskraft wird über Angebote in Apps erfüllt. Alles lässt sich im stressigen Alltag ganz einfach über das Smartphone ordern.

Zugleich entstehen durch unser Agieren in den digitalen Welten - wir laden Filme hoch, wir generieren Daten, wir »produzieren« Inhalte - Gebrauchswerte, für die sich aber immer weniger auch ein Tauschwert realisieren lässt. Die Debatten darüber sind längst auch in den großen Feuilletons angekommen. Wie auch Paul Mason (»Postcapitalism«) oder der italienische Postoperaist Franco »Bifo« Berardi konstatieren, ruft das nach einer stärkeren Hinwendung der Linken zu »alten« feministischen Thesen über die Rolle der Reproduktionsarbeit.

Außerdem können auch die neuen Möglichkeiten, die die Digitalisierung für politische Vernetzung, für Austausch, demokratische Verfahren und antikapitalistische Mobilisierung und widerständische Praxen bereithält, nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Fortschritt weiterhin auf die Natur und die menschliche Arbeitskraft ausbeutenden Bedingungen beruht. Simon Poelchau rief kürzlich die »beschissenen« Arbeitsbedingungen der Cloudworker*innen auf. Schauen wir uns die Arbeitsbedingungen der Essens-Lieferant*innen, der Babysitter*innen oder Reinigungskräfte an, kommen wir wohl kaum zu besseren Ergebnissen.

Wenn linke Bewegungen, Organisationen und Parteien sich also nicht im Technikpessimismus festbeißen wollen, was wahrlich kein kluger Ansatz wäre, müssen sie sich in die Höhle des Löwen begeben - und selbst erfahren, was dran ist an der Jagd nach den freundlich daher kommenden Pokémon- Monstern, nach den Bedürfnissen, die da in Netzwerken und via Apps scheinbar befriedigt werden, sie müssen sich die Arbeitsbedingungen der Essenslieferant*innen anschauen und Perspektiven der Organisierung der Cloudworker*innen mitentwickeln.

Vor allem aber sollten Ansätze in Betracht gezogen werden, in denen Formen der konvivialen, also lebensfreundlichen, kollektiven Techniknutzung diskutiert und ausprobiert werden. Hinweise dazu liefern etwa die Care-Expertin Andrea Vetter oder pädagogische Ansätze wie sie in der italienischen »Reggio-Pädagogik« existieren, mit der kommunale Kindertagesstätten reformiert wurden.

Sowohl die Produktionsverhältnisse als auch der individualisierte Konsum neuer digitaler Waren sorgen in der Tendenz eher für vertiefte soziale Spaltung - und unter den gegebenen Verhältnissen eben (noch) nicht für eine Stärkung des Gemeinsamen, des Solidarischen, des Öffentlichen. Die Techno-Welt von San Francisco spricht da Bände: eine neue Ökonomie genügt sich ganz selbst, es entstehen kaum noch Anschlussökonomien wie dies bei der »traditionellen« industriellen Produktion üblich war. Die von hoch bezahlten »digitalen Jobs« angetriebene Gentrifizierung vertreibt diejenigen, die »von Berufs wegen« das Soziale zusammengehalten haben: Pfleger*innen, Lehrer*innen, Verkäufer*innen, Sozialarbeiter*innen. Progressive, auch feministische Aspekte werden von Unternehmen als gewinnversprechende »Produkte« angeeignet, mit denen sich Kasse machen lässt.

In Zeiten solcher Umbrüche kann die (Selbst)Sorge als soziale, lokale und verbindende Praxis eine politische Brücke sein - eine Eigenschaft, die sie in der Form des bloß privatisierten Einzelvergnügens nicht hat. Befreiung liegt nicht in der Flucht in digitale Welten, in der individualistischen Ablenkung, Suche nach günstigen, schnell Verfügbaren »Angeboten«. Sondern im gemeinsamen Lernen, in der Suche nach jenem Leben, in dem ein Mehr an Muße auch als kollektive Praxis möglich ist.

Das schließt eine digitale Befriedigung von Bedürfnissen überhaupt nicht aus. Es wird aber darum gehen, diese nach politischen Kriterien der Solidarität, der Umverteilung, des Kooperativen, der demokratischen Selbstbestimmung, des Feminismus immer wieder neu weiterzuentwickeln. Und es wird auch darum gehen, den aktuellen Trend der Reichtumsmehrung umzukehren und Gewinne in Richtung derer umzuverteilen, die sie in Wahrheit erwirtschafteten - die Carearbeiter*innen.

Anna Stiede ist freie Autorin und politische Bildnerin, lohnarbeitet im Kollektivbetrieb, lebt in Berlin und kam im Zuge ihres Interesses an sozialen Kämpfen gegen Austerität und Krise viel in Europa rum. Neben ihrem Interesse an sozialen Bewegungen, Arbeitskämpfen und Solidarischen Ökonomien arbeitet sie zu feministischen Krisenanalysen und antifaschistischer Erinnerungspolitik.

Die Schreibweise mit * dient einer gendergerechten Sprache. Warum das sinnvoll ist, wird hier erklärt.

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