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Kein zweites Rom

Virginia Raggi, Bürgermeisterin der italienischen Hauptstadt, will eine Olympiakandidatur für 2024 nicht mittragen

Die erste Frau, die es in 2769 Jahren an die Spitze der Stadt Rom geschafft hat, machte am Mittwoch ernst: Wie im Kommunalwahlkampf versprochen, verkündete Virginia Raggi den Verzicht Roms auf eine Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele und die Paralympics 2024: »Es ist unverantwortlich, Olympische Spiele in Rom auszutragen«, sagte die 38-jährige Anwältin, die für die populistische Partei »Bewegung Fünf Sterne« (prominentestes Mitglied: Komiker Beppe Grillo) im Juni die Stichwahl gewonnen hatte.

Zwar muss Roms Stadtrat am Dienstag noch über einen Ausstieg aus der Bewerbung abstimmen. Doch da »Fünf Sterne« dort über die absolute Mehrheit verfügt, gilt das Nein der Ewigen Stadt Stadt als sicher. Premier Matteo Renzi und die Landesregierung könnten die Kandidatur theoretisch noch fortsetzen, doch gegen den Willen der ausrichtenden Stadt dürfte er die Bewerbung kaum weiter vorantreiben wollen. Die Sommerspiele von Rom 1960 werden wohl auf absehbare Zeit keine Neuauflage erleben.

5,3 Milliarden Euro hatte Italiens Nationales Olympisches Komitee (CONI) in seinem ersten Bewerbungspapier als Kosten für 2024 angesetzt, weniger als die Hälfte der Summe, die vier Jahre zuvor beim Anlauf für die Spiele 2020 veranschlagt worden waren. Das entsprach den Vorgaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dessen Präsident Thomas Bach in seiner Agenda 2020 weniger Gigantomanie und mehr Nachhaltigkeit fordert. Für die Spiele 2020, die nun in Tokio ausgetragen werden, war Rom noch von mehr als 13 Milliarden Euro ausgegangen, ehe 2012 der damalige Regierungschef Mario Monti die Bewerbung zurückzog.

Doch die Bürgermeisterin, die im Wahlkampf die Ausrichtung von Olympia in Rom abwechselnd »unethisch« oder gar »ein Verbrechen« genannt hatte, traut der olympischen Bewegung nicht über den Weg: »Olympische Spiele sind ein Blankoscheck, den die Städte, die sie austragen, zahlen müssen«, sagte Virginia Raggi am Mittwoch. »Olympia ist ein Traum, der zum Albtraum wird. Wir mögen Sport, nicht aber die Olympischen Spiele der Lobbys.«

Bereits für die Ausrichtung der Spiele 1960 hatte sich Rom schwer verschuldet, auch die Fußball-WM 1990 und die Schwimm-WM 2009 bescherten der Stadt mit dem Bahnhofsterminal Ostiense und dem 300 Millionen Euro teuren, nie fertiggestellten Schwimmstadion (»Citta dello Sport«) zwei kaum nutzbare Riesenimmobilien. »Wir haben gerade erst die letzte Rate der Fußball-WM 1990 abbezahlt«, so Raggi, deren Stadt 13 Milliarden Euro Schulden drücken. Raggi stand bei ihrer jüngsten Entscheidung unter großem innerparteilichen Druck, nachdem Fünf-Sterne-Idol Beppe Grillo sich in seinem Blog noch einmal deutlich gegen Olympia in Rom ausgesprochen hatte. In ihrer Partei werden heftige Machtkämpfe ausgefochten, einige Stadträte sind zurückgetreten, andere mussten gehen, auch der Kampf gegen Korruption gelingt den als Erneuerern angetreten Fünf-Sterne-Politikern nur bedingt.

Das Nationale Olympische Komitee Italiens protestierte gegen die Entscheidung: Raggis Nein sei »für ganz Italien peinlich«, erklärte NOK-Präsident Giovanni Malagò. Er hatte den Römern zuvor die übliche Story vom riesigen Nutzen der Olympischen Spiele aufgetischt: So sollte »Roma 2024« 177 000 Arbeitsplätze und Verbesserungen der Verkehrsinfrastruktur bringen - bei Nutzung von 70 Prozent bereits vorhandener Sportanlagen. Malagò droht Raggi nun mit einer Schadenersatzforderung beim Rechnungshof, die sich auf bis zu 20 Millionen Euro belaufen, wie italienische Medien behaupten. Noch halte das NOK an der Bewerbung fest, betonte Malagò.

Für das Internationale Olympische Komitee, das sich bis gestern Nachmittag noch nicht zum Thema geäußert hatte, bedeutet das Nein aus Rom einen weiteren Kratzer an seinem Hochglanzprodukt Olympische Spiele. Für 2024 bewerben sich nun nur noch die Favoriten Paris (1900 und 1924 bereits Olympiagastgeber) und Los Angeles (1932 und 1984) sowie Außenseiter Budapest. Die Absage Roms widerlegt dabei die These jener Olympia-Optimisten, die behaupten, nur für das teure Winterolympia mit seinen neu zu errichtenden Schanzen, Bobbahnen und Eishallen sei es schwer, Bewerber zu finden. Bei der Vergabe der Winterspiele 2022 hatten die Bewohner von Graubünden (Schweiz), München sowie die verantwortlichen Politiker in Oslo, Kraków und Stockholm ihren jeweiligen Bewerbungskomitees die Zustimmung verweigert, weswegen das IOC 2015 nur noch die Wahl zwischen Peking und Almaty (Kasachstan) hatte und sich für die chinesische Hauptstadt entschied.

Nun wird auch das Milliardenspektakel Sommer-Olympia immer schwerer vermittelbar: In Hamburg stimmten die Bewohner gegen Olympia in ihrer Stadt, in Boston, das ursprünglich für das NOK der USA (USOC) ins Rennen gehen sollte, hatte der Bürgermeister ebenso seine Zustimmung versagt wie in Rom. Während der Deutsche Olympische Sportbund nach der Abwahl Hamburgs auf alle weiteren Bemühungen verzichtete, schwenkte das »United States Olympic Committee« nach der Boston-Absage recht schnell auf Los Angeles um.

Das USOC hat ein ganz besonderes Interesse am Erhalt der Marke Olympia, das weiterhin auch in westlichen Demokratien ausgerichtet werden soll. Weil die US-Fernsehsender einen Großteil der Fernsehmilliarden zahlen, die das IOC für die Spiele kassiert, erhält USOC auch einen besonders hohen Anteil an den Ausschüttungen des IOC. Allein 2014 bekam das USOC laut IOC-Finanzbericht umgerechnet 130 Millionen Euro, die restlichen 203 NOK hingegen insgesamt nur 165 Millionen Euro. Die Olympiaausrichter Sotschi und Rio de Janeiro wurden immerhin mit insgesamt 530 Millionen Euro bedacht.

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