Werbung

Ein Kind, kein Aktenvorgang

Von der Arbeit des Jugendamts gibt es zwei Vorstellungen: MitarbeiterInnen entscheiden in einem Akt der Willkür, Familien auseinanderzureißen oder, wenn etwas schief geht, fehlte die Kontrolle. Christin Odoj begleitete zwei Mitarbeiterinnen in Berlin-Wedding.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Am Ende stehen zwei Müllsäcke auf halber Treppe. Als würde sie es sich noch mal anders überlegen und ihn mit seinen Sachen wieder reinlassen. Das hofft Issam*, aber jetzt sitzt er erst mal draußen auf dem Bordstein, steckt sich eine Zigarette an und wartet. Drinnen, in der Zweiraumwohnung im Berliner Wedding hat sich Emina* mit ihrer Tochter auf den kleinen Balkon verzogen und fragt sie, was sie gerade in der Schule durchnehmen. Irina Jahn und Sylvia Linke vom Jugendamt Mitte stehen in der Küche und überlegen, wie es jetzt weitergehen soll. Jahn hat, als Issam zur Tür rein kam, vorsichtshalber und ohne groß drüber nachzudenken, die Messer versteckt. Berufsneurose. Er hat geschrien und gespuckt. »Immer nur Stress mit den Frauen.« Emina pöbelte zurück, dann sammelte Issam seine Klamotten zusammen und schmiss ihr die Wohnungsschlüssel vor die Füße. Linke und Jahn entscheiden, die Polizei zu rufen. Der Mann, so steht es in der grünen Akte, die die beiden vor einer Stunde auf den Tisch bekamen, ist gewalttätig, auch gegenüber seiner Freundin. Beim letzten Mal, als die Polizei kam, musste Issam fixiert werden, weil er sich so heftig dagegen gewehrt hatte, die Wohnung zu verlassen, in der er nicht lebt. Vor Kurzem schlug er Emina. So hart, dass sie ein Hämatom am Kopf davontrug. Die Polizei verbot ihm, bis Ende des Monats noch einmal die Wohnung zu betreten. Emina ließ ihn trotzdem immer wieder rein. Er kümmere sich so liebevoll um die kleine Nida*. Sie sagt Papa zu ihm und er macht ihr oft Geschenke, meistens Süßigkeiten. Angefasst hat er sie nie. Außerdem ist er der Einzige, der Emina helfen kann, die 3000 Euro aufzutreiben, die ihr Mann im Libanon für eine rechtmäßige Scheidung verlangt. Vor ihm ist sie geflüchtet, weil sie ihn nicht aus Liebe, sondern wegen eines Versprechens heiratete.

Irina Jahn und Sylvia Linke sind ein eingespieltes Team im Jugendamt Mitte, Abteilung Regionale Sozialpädagogische Dienste (RSD), zuständig für die sogenannten Kinderschutzfälle. Sie sind dazu gesetzlich verpflichtet, zu reagieren, wenn die Polizei bei ihnen häusliche Gewaltfälle meldet, die Kita wegen immer wieder auftretender blauer Flecke anruft, ein Nachbar eine Kindeswohlgefährdung vermutet oder, wenn Eltern, manchmal auch die Kinder selbst, sich bei ihnen melden, weil sie nicht mehr weiter wissen.

An diesem Tag haben Jahn und Linke Tagesdienst, jeder Sache, die gemeldet wird, müssen sie nachgehen. Eminas Fall landete morgens bei Linke, weil die Polizei einen Verstoß gegen die Wegweisung per Fax meldete. »Eigentlich müsste man sofort hinfahren«, sagte Jahn, als sie Eminas Geschichte im Protokoll las. Aus dem Libanon floh sie mit Nida erst nach Baden-Württemberg, dort spürten sie Brüder ihres Mannes auf, bedrohten sie. Sie floh weiter in die Anonymität Berlins. Lernte Issam kennen und ist im achten Monat von ihm schwanger. Vor einem Jahr ist sie schon einmal in ein Frauenhaus vor ihm geflüchtet. Weitere Hilfe vom Jugendamt wollte sie nicht annehmen, weshalb der Fall damals abgelegt wurde. Nida, auf die es hier ankommt, hat ihr erstes Schuljahr geschafft. Auf ihrem Zeugnis sind 29 Fehltage im zweiten Halbjahr vermerkt, davon neun unentschuldigt. Die Klassenlehrerin schrieb in der Beurteilung: »Nida ist verträumt, leicht ablenkbar. Seit einiger Zeit hat sie die Mitarbeit fast eingestellt.«

Zu Hausbesuchen gehen die MitarbeiterInnen immer zu zweit, bei Kinderschutzfällen gilt das Vier-Augen-Prinzip. Am Anfang wissen Jahn und Linke nicht, die seit einem Jahr immer zusammen zu den Familien fahren, was sie erwartet, wen sie antreffen. Vielleicht müssen sie eine schwierige Entscheidungen treffen, Kind und Mutter zur Sicherheit woanders unterbringen, das soll und will niemand allein beurteilen.

Linke, Anfang 40, hat ein freundliches, offenes Gesicht, ihre Augen vorurteilsfrei, aber nicht naiv. Sie atmet oft, wenn sie etwas Wichtiges vorhat, tief aus. Das mag wie ein Motivationsritus wirken, ist aber, wenn man sie eine Weile beobachtet hat, vielmehr eine wohlgesetzte Pause zwischen den ständigen Themen- und Schicksalssprüngen, die täglich auf sie wirken. Wochen nach dem Besuch bei Nida und Emina will sie zwischen zwei Gesprächsterminen eine Frau zurückrufen, die ihr auf den Anrufbeantworter gesprochen hat. Ausatmen, es klingelt. Die Frau will Hilfe, sie kommt mit der pubertierenden Tochter nicht mehr zurecht. Ihr Mann, Alkoholiker, versäuft das ganze Geld. Für Einkäufe bleibt kaum noch etwas übrig. Die Wohnung verkommt, sie leidet an Depressionen und hat seit Wochen nicht aufgeräumt. In der Familie hilft ihr niemand. Linke weiß spätestens jetzt, dass hier ein Hausbesuch dringend nötig ist. Sie hört lange zu, bietet der Frau dann an, dass sie sofort im Amt zum Gespräch vorbeikommen kann. Am besten mit der ganzen Familie. Am anderen Ende wird verneint. Linke fragt, ob die Frau die Tafel kennt. Bis jemand mit der Familie gesprochen hat, will sie sicher sein, dass die Tochter regelmäßig isst. Ausatmen. Weil sie am nächsten Tag einen Termin beim Familiengericht hat, organisiert Linke kurzerhand eine Kollegin, die bei der Frau vorbeischauen soll.

Seit sechs Jahren ist Linke beim RSD in Berlin, drei Jahre in Neukölln, drei Jahre in Wedding. »Menschen lassen sich nicht in Akten packen«, sagt sie, wenn man sie fragt, wie das gehen soll, gute Arbeit zu machen und gleichzeitig immer mehr Familien betreuen zu müssen, in denen oft nicht nur ein Kind Hilfen vom Jugendamt bekommt. Es ist dieses Bild von der biestigen Jugendamtsmitarbeiterin, die im Kontrollwahn nach schnellen Lösungen sucht und dann Kinder von ihren Familien trennt, das dem Jugendamt noch immer anhaftet. Linke kennt sie, die Foren im Internet, in denen sich Väter und Mütter über Mitarbeiter beschweren. Mittlerweile guckt sie dort nicht mehr rein. »Kein Kollege nimmt, weil er sich nicht anders zu helfen weiß, in einer einsamen Entscheidung ein Kind einfach so aus einer Familie«, sagt sie. Kinder von ihrem Elternhaus zu trennen, ist die Ultima Ratio, das will niemand, sagt Linke. Der Gesetzgeber hat dafür hohe Hürden gesetzt. Immer ist die Familiengeschichte vorher durch mehrere Hände gegangen. Es gibt Helfer-Runden, an denen Sozialarbeiter, LehrerInnen und Vertreter ambulanter oder stationärer Einrichtungen teilnehmen. Jugendamtsmitarbeiter organisieren untereinander Fallteambesprechungen, um bei schwierigen Fragen den Rat ihrer KollegInnen einzuholen. Es gibt Clearingverfahren, bei denen Eltern zusammen mit ihren Kindern und dem Jugendamt ausmachen, was sie tun können, um eine Trennung zu verhindern. Am Ende muss bei einer Inobhutnahme vor Gericht nachgewiesen werden, dass alle anderen Maßnahmen erfolglos geblieben sind oder anzunehmen ist, dass sie zur Abwendung von Gefahr für Leib und Leben nicht ausreichen.

Wie ist das aber, diese Arbeit im ständigen Spannungsfeld zwischen zu viel und zu wenig Kontrolle? Immer verbunden mit Eingriffen in das Leben fremder Menschen? In einer Außenwelt, die ihre Arbeit irgendwo zwischen staatlicher Willkür und der nächsten Schlagzeile über Amtsversagen einordnet? »Ich will wertschätzend sein«, sagt Jahn. »Ich will, dass die Menschen die Hilfe bekommen, die ihnen zusteht, auch wenn mir vielleicht einige der Lebenswege fremd sind.«

Dass nicht jede Hilfe sofort greift, Familien manchmal lange auf Beratungsgespräche warten müssen, wollen weder Linke noch Jahn bestreiten. Im Jugendamt Mitte ist es normal, dass ein Mitarbeiter 85 Fälle bearbeitet. Egal, wen man hier fragt, weniger als 80 nennt niemand. Die Gewerkschaft GEW fordert seit Jahren eine Reduktion auf unter 30, um sauber arbeiten zu können. In einer Familie hat Jahn drei Hilfsmaßnahmen geplant, erzählt sie, alle warten noch auf die Genehmigung und das seit Dezember. »Qualitativ ist das unter aller Kanone«, sagt sie. Ihre Ordner in den Schränken und auf dem Schreibtisch unterscheidet sie in »aktiv« und »superaktiv«. »Wir können nur Feuerwehr spielen, bei den Fällen, die am lautesten ›hier‹ rufen, der Rest wird so lange nach hinten geschoben, bis daraus wahrscheinlich auch Kinderschutzfälle werden.« Oft bleibe sie hinter ihrem eigenen Anspruch zurück, sagt Jahn. Wenn ein Fall akut ist, so wie Nidas, dann muss sie Gespräche verschieben, obwohl die Familie, die sie an dem Tag eingeladen hat, seit Wochen auf den Termin wartete. In den letzten sechs Jahren haben 17 neu eingestellte SozialarbeiterInnen im RSD in Jahns und Linkes Abteilung wieder aufgegeben. Momentan sind fünf Stellen im Haus unbesetzt, weil sich kaum jemand bewirbt, der geeignet ist.

An diesem Tag nun sitzen Emina und Nida inzwischen im Wartezimmer des Jugendamtes. Linke und Jahn wollen für die beiden Plätze in einem Frauenhaus organisieren. Die Wohnung sei kein sicherer Ort mehr, beschließen sie. Emina willigt ein. Aus ihrer Akte wissen sie, dass die Gefahr besteht, dass der Kindsvater Nida in den Libanon zurückholen will. Bis weit nach 18 Uhr telefonieren Linke und Jahn alle Einrichtungen ab. Nirgends ist ein Platz frei. Die 41 Zufluchtswohnungen mit 117 Plätzen und die 326 Frauenhausplätze in Berlin sind über das Jahr zu 92 Prozent ausgebucht. Eigentlich sollen die Frauen nur ein paar Wochen bleiben, mittlerweile sind es im Schnitt sechs Monate, weil die meisten auf dem regulären Wohnungsmarkt keine Bleibe finden. Am frühen Abend haben Nida und Emina Glück, sie bekommen einen Platz in einer Kriseneinrichtung in Reinickendorf. Im Gegensatz zu Frauenhäusern werden die Kinder hier rund um die Uhr von Therapeuten und Sozialarbeitern betreut. Jahn ist froh, sie hielt ein Frauenhaus, wo die beiden auf sich allein gestellt wären, von Anfang an nicht für die richtige Lösung.

Linke und Jahn haben jetzt, nach fast zehn Stunden Dienst, Feierabend. Beratungsgespräche, Gerichtsberichte, das alles ist heute liegen geblieben. Wuchernde Aktenberge, sie lieben Notfälle.

*Namen geändert

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!