Christin Odoj 24.09.2016 / Wochennd

Ein Kind, kein Aktenvorgang

Von der Arbeit des Jugendamts gibt es zwei Vorstellungen: MitarbeiterInnen entscheiden in einem Akt der Willkür, Familien auseinanderzureißen oder, wenn etwas schief geht, fehlte die Kontrolle. Christin Odoj begleitete zwei Mitarbeiterinnen in Berlin-Wedding.

Am Ende stehen zwei Müllsäcke auf halber Treppe. Als würde sie es sich noch mal anders überlegen und ihn mit seinen Sachen wieder reinlassen. Das hofft Issam*, aber jetzt sitzt er erst mal draußen auf dem Bordstein, steckt sich eine Zigarette an und wartet. Drinnen, in der Zweiraumwohnung im Berliner Wedding hat sich Emina* mit ihrer Tochter auf den kleinen Balkon verzogen und fragt sie, was sie gerade in der Schule durchnehmen. Irina Jahn und Sylvia Linke vom Jugendamt Mitte stehen in der Küche und überlegen, wie es jetzt weitergehen soll. Jahn hat, als Issam zur Tür rein kam, vorsichtshalber und ohne groß drüber nachzudenken, die Messer versteckt. Berufsneurose. Er hat geschrien und gespuckt. »Immer nur Stress mit den Frauen.« Emina pöbelte zurück, dann sammelte Issam seine Klamotten zusammen und schmiss ihr die Wohnungsschlüssel vor die Füße. Linke und Jahn entscheiden, die Polizei zu rufen. Der Mann, so steht es in der grünen Akte, die die beiden vor einer Stunde auf den Tisch bekamen, ist gewalttätig, auch gegenüber seiner Freundin. Beim letzten Mal, als die Polizei kam, musste Issam fixiert werden, weil er sich so heftig dagegen gewehrt hatte, die Wohnung zu verlassen, in der er nicht lebt. Vor Kurzem schlug er Emina. So hart, dass sie ein Hämatom am Kopf davontrug. Die Polizei verbot ihm, bis Ende des Monats noch einmal die Wohnung zu betreten. Emina ließ ihn trotzdem immer wieder rein. Er kümmere sich so liebevoll um die kleine Nida*. Sie sagt Papa zu ihm und er macht ihr oft Geschenke, meistens Süßigkeiten. Angefasst hat er sie nie. Außerdem ist er der Einzige, der Emina helfen kann, die 3000 Euro aufzutreiben, die ihr Mann im Libanon für eine rechtmäßige Scheidung verlangt. Vor ihm ist sie geflüchtet, weil sie ihn nicht aus Liebe, sondern wegen eines Versprechens heiratete.

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