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Über alle Berge

Auf alten Schmugglerpfaden im österreichischen Montafon. Von Anja Reinbothe-Occhipinti

  • Von Anja Reinbothe-Occhipinti
  • Lesedauer: 7 Min.

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Regen. Nebel. Kälte. »Passt«, sagt Wanderführerin Carmen Schuchter. Wie kann sie derart euphorisch sein? Bei diesem Wetter möchte man keinen Hund vor die Tür lassen.

»Schmugglerwetter«, korrigiert Carmen das Geheimnis ihrer guten Laune. »Nur bei schlechtem Wetter oder bei Dunkelheit zogen Schmuggler früher los. Beides gab ihnen Schutz vor Zöllnern, ließ sie unentdeckt bleiben.« Carmen führt Touristen auf den alten Schmugglerfaden des Montafons, einer Gegend im österreichischen Vorarlberg, unweit des Bodensees.

Im 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das Schmuggeln für die Menschen hier eine wichtige Einnahmequelle. Wahrscheinlich betrieben sie es auch vorher schon, aber erst seit etwa 1890 existieren Aufzeichnungen darüber. »Die Bevölkerung war sehr arm und wollte etwas dazuverdienen, um ihr karges Leben angenehmer zu gestalten«, erzählt Carmen. In fast jeder Familie gab es jemanden, der schmuggelte. »Bei uns war es der Opa meines Mannes«, verrät die ausgebildete Wanderführerin. »Offiziell wissen durfte es natürlich niemand.«

Im Süden grenzt das Gargellener Gebiet im Montafon an die Schweiz. Von hier aus war der Weg ins Nachbarland über die Berge immer näher als durchs Tal. Auf einem viel begangenen Saumpfad, der heute eine zertifizierte Schmugglerroute ist, wurden Waren an Zöllnern vorbei von Vorarlberg ins Schweizer Prättigau geschleust. Und umgekehrt.

Gargellen liegt am Ende eines Hochtals in einer Seehöhe von 1450 Metern. Romantisch wirkt das Örtchen, aber man kann sich gut vorstellen, dass das Klima entsprechend rau ist. Lange Winter sind normal. An diesem Morgen ist das 150-Seelen-Dorf eingehüllt in eine löchrige Nebeldecke. In etwa zehn Minuten bringt die Gargellener Bergbahn die Wanderer hinauf zum 2130 Meter hoch gelegenen Schafbergplateau. Immer wieder verschwinden die Bergriesen ringsum im Nebel. Plötzlich taucht im Rücken die Spitze des Schmalzbergs aus der weißen Wolkenwand auf.

»Hier entlang«, geleitet Carmen Schuchter ihre Gäste zum Schmugglerpfad. In der kahlen Felslandschaft, die Baumgrenze bei etwa 1800 Metern ist längst überschritten, führt ein breiter Weg um den Bergrücken herum zum anderthalb Stunden entfernt liegenden ersten Etappenziel, dem St. Antönier Joch.

Ein letzter Blick vom Schafbergplateau, in einer Bergsenke strahlt der Gandasee. Darüber erhebt sich der Felsgigant Madrisa. Kurz öffnet sich der weiße Vorhang und gibt den Blick auf den höchsten Berg im Montafon mit 2770 Metern frei. Carmen läuft auf einen fast unscheinbaren Pfad zu, der nach links abzweigt und sich später in Serpentinen direkt auf das 2379 Meter hohe St. Antönier Joch schlängelt. Auf den engen, steilen Grenzpfaden mussten die »Warenschleuser« früher stets auf der Hut sein, und wenn es darauf ankam, schnellen Schrittes verschwinden. Trittsicher und schwindelfrei sollte man auch heute auf der Tour sein. Mit Tieren im Schlepptau wäre es erst recht kein leichtes Unterfangen. Bis zu 400 Stück Vieh trieben die Schwärzer, wie Schmuggler auch genannt wurden, jährlich über die Pässe und Joche in die Schweiz.

»Beliebt waren drüben zudem Butter, Fleisch, Speck, Kleidung, Schuhe, Tabakpfeifen und Kuhglocken«, erklärt der Montafoner Friedrich Juen, der gerne auf den alten Schleichwegen wandert. »Nach Österreich wurden Salz, Mehl, Zucker eingeschleust, auch Tabak, Schokolade, Seife, Waschpulver und vor allem Kaffee. Eben alles, was es nicht gab oder nur zu überteuerten Preisen.«

Friedrich ist der Nachfahre eines bekannten Schmugglers. Meinrad Juen hieß er. Er war der Bruder von Friedrichs Großvater. Kennengelernt hat er ihn nie: »Er starb 1954, ich wurde erst 1968 geboren.« Die Geschichten über Meinrad aber hat Friedrich schon als Kind aufgesaugt. Er erzählt sie so lebendig, als hätte man einen der letzten Schmuggler höchstpersönlich an der Seite. Darüber muss der Hobby-Ortshistoriker lachen und berichtet, »dass der letzte Schmuggler in Bludenz lebt und um die 90 Jahre alt ist«.

Mit ein paar Handgriffen macht Friedrich aus einem Jute- einen Schmugglersack. Einen Zipfel stülpt sich das Urgestein über den Kopf und erklärt: »Zwischen 20 und 30 Kilo schleppten die Schmuggler so auf dem Rücken.« Die Last, die sie stundenlang (er)tragen mussten, kann man nur nachempfinden, wenn man sich den Rucksack mit Proviant und Steinen vollpackt oder ein Kleinkind in der Wanderkraxe aufbürdet.

Der Weg schlängelt sich mittlerweile über vom Regen rutschiges Gestein. Die Schmuggler kannten die Gegend natürlich wie ihre Westentasche, betont Friedrich und erzählt, wie gewieft sie zudem waren: »Die Kaffeebohnen transportierten sie ungeröstet, damit der Geruch den Zöllnern nicht in die Nase stieg. Und um eine falsche Fährte bei Matsch und Schnee zu legen, nagelten einige Schmuggler ihre Sohlen verkehrt auf die Schuhe. So lief der Zöllner dem Schmuggler nicht nach, sondern von ihm weg.«

Am Grenzkamm, dem Antönier Joch, schimmern grüne Bergrücken durch den Nebel. Die Augen wandern weiter nach links, wo die Gargellner Köpfe sein müssten, ein Klettersteig, und wieder rüber nach St. Antönien in der Schweiz.

»Grenzüberschreitende Kontakte gab es schon immer viele. Das fing bereits beim Schafehüten an«, sagt Friedrich Juen. »Meinrad war Hirte. In den Bergen traf er Herden und Hüter aus der Schweiz. Man tauschte das, was man zufällig dabei hatte und so begann indirekt der Tauschhandel.« Um die 15 Jahre war Meinrad alt, als er daraus ein lukratives Geschäft machte und sich Gehilfen anschaffte. Sie schickte er übers Antönier Joch und Gafierjoch in die Schweiz.

Flach bewachsene Bergrücken und rockige Felstürme vereinen sich auf dem Weg zu Letzterem zu einer faszinierenden Welt. Kurz und knackig geht es auf einen Bergsporn hinauf, dann wieder sanft fallend auf einen breiten Geländebalkon. In einer windgeschützten Mulde schimmert der Gafiersee, über den gewaltige Kalkstöcke von Sulz- und Drusenfluh wachen. Gratentlang verläuft die Strecke dann über steinreichen Boden, teils nur 30 Zentimeter breit, zum nahen Gafierjoch in 2415 Metern Höhe.

Ginge man weiter in Richtung Klosters, würde man zum Schlappiner Joch kommen. Dort klafft nahe der Tilisuna-Hütte das Gaffiloch im Boden, zu Deutsch Kaffeeloch. Kaffee stand dabei stellvertretend für alle Schmugglerwaren. Das Versteck fungierte als Postfach, erklärt Friedrich: »Wenn man sich nicht mit Kontaktmännern zum Austausch traf, wurde die Ware auf der Schweizer Seite im Gaffiloch deponiert. Österreicher holten sie hier ab und hinterließen in den Gesteinsritzen Geld.« Andersrum genauso. »Kein Zöllner kannte das Gaffiloch!«, triumphiert Friedrich.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs flüchteten viele Deutsche und Österreicher über die Schmugglerwege in die Schweiz. Schmuggler lotsten Juden über das Schlappiner Joch auf sicheres Gebiet. »Bis zu 47 Menschen verhalf Meinrad nach drüben. «

Den Nazis war Meinrad ein Dorn im Auge. Sie fanden seine Adresse bei einer jüdischen Familie in Wien. Er musste für zweieinhalb Jahre untertauchen, blieb aber in Gargellen, erzählt Friedrich. Dennoch glorifiziert er Meinrad nicht: »Als Held würde ich ihn nicht bezeichnen. Er hat es für Geld gemacht, war ein guter Geschäftsmann. Ähnlich wie heutige Schlepper. Mit dem Unterschied, dass Meinrad nicht skrupellos war.«

Hunderte Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und politisch Verfolgte flohen ohne fremde Hilfe in die Schweiz. Auch der in der Ukraine geborene österreichische Schriftsteller Jura Soyfer versuchte es. Am 13. März 1938, einen Tag nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, wollte er auf Skiern in die Schweiz fliehen. In Gargellen wurde er festgenommen, ins Konzentrationslager Dachau gebracht, dann nach Buchenwald, wo er mit 26 Jahren an Typhus starb.

Aus seinen literarischen Texten und denen von anderen Weggefährten entstand die Montafoner Theaterwanderung »Auf der Flucht«. Im Sommer 2016 wurde sie im vierten Jahr aufgeführt. Auch Friedrich Juen ist stets mit von der Partie und schlüpft in die Rolle von Meinrad. Im Stück werden in theatralischen Streiflichtern dramatische Grenzüberquerungen während der NS-Zeit ins Szene gesetzt. Das Publikum durchstreift während der »Aufführung« gemeinsam mit den Darstellern das Gebirge auf den Schmugglerpfaden.

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