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Der Unsinkbare

Witali Mutko schien zu wanken, doch Russlands Sportminister bleibt wohl auch Fußballboss

  • Von Denis Trubetskoy
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein leichtes Jahr ist 2016 für Witali Mutko, den Zar des russischen Sports, sicher nicht. Laut dem Untersuchungsreport von Richard McLaren, der als Grund für den Ausschluss vieler russischer Sportler von den Olympischen Spielen in Rio diente, soll der 57-jährige Sportfunktionär und Russlands langjähriger Sportminister an der Spitze des russischen Dopingsystems stehen. Außerdem wird der Korruptionsverdacht bei der Vergabe der Fußball-WM 2018 immer stärker. Auch da wird der Name Mutko logischerweise häufig genannt, denn er ist nicht nur Präsident des russischen Fußballverbandes, sondern auch der Verantwortliche für die Vorbereitung der Heim-WM sowie Mitglied der FIFA-Exekutive. Und: Die russische Nationalmannschaft lieferte bei der EM in Frankreich eine äußerst miserable Vorstellung.

In den meisten Ländern wäre all das mehr als Grund genug, um Mutko zu entlassen. Vor Olympia in Rio de Janeiro schien es, als ob auch die persönliche Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin Mutko nicht mehr würde retten können. Die beiden kennen sich zwar bereits seit ihrer gemeinsamen St. Petersburger Zeit in den 80er und 90er Jahren bestens, doch die Kritik am 57-Jährigen war einfach zu groß - von innen und von außen. Russland tickt in solchen Fragen aber anders. Letztlich wurden ausgerechnet die Olympischen Spiele zur letzten Rettung: Auf dem Papier hat Russland mit 56 Medaillen das schlechteste Ergebnis der Geschichte erzielt - in Abwesenheit von Leichtathleten, Gewichtheber und anderer Topathleten wurde die Ausbeute zu Hause jedoch frenetisch gefeiert.

Endlich konnte Mutko aufatmen: Zumindest in Russland steht er nicht mehr unter Druck. Am Sonnabend soll er nun als Präsident des russischen Fußballverbandes RFU wiedergewählt werden. Vor einem Jahr hat er diesen Posten, den er bereits zwischen 2005 und 2009 besaß, von seinem Vorgänger Nikolai Tolstych übernommen. Tolstych stand unter heftiger interner Kritik und musste schließlich vorzeitig zurücktreten. Mutko steht nun also für eine reguläre Amtszeit zur Wahl - und zweifelt nicht an seinem Sieg. »Ich fürchte keine Konkurrenz. Ich bin mir sicher: 90 Prozent der Delegierten werden für mich abstimmen«, sagt Russlands mächtigster Sportfunktionär vor der Wahlkonferenz der RFU.

Die Zahl 90 Prozent ist von Mutko nicht frei erfunden, sondern hat einen faktischen Hintergrund. Denn es sind etwa 90 Prozent der Regionalverbände, die seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen der RFU gemeinsam vorgeschlagen haben. Doch eine reine Formsache ist die Wahl dennoch nicht. Immerhin muss der Sportminister drei Gegenkandidaten besiegen: Die beiden Fußballfunktionäre Sergej Prjadkin und Igor Jefremow - und keinen geringen als Waleri Gasajew, der zu Recht als Mutkos Hauptkonkurrent gilt. Der 62-Jährige ist einer der besten russischen Trainer aller Zeiten: Unter seiner Führung erlebte ZSKA Moskau die erfolgreichste Ära seiner Geschichte - und gewann 2005 den UEFA Cup.

Gasajews Karriere als Fußballfunktionär ist jedoch weniger erfolgreich als die des Trainers. Während seine Idee, eine gemeinsame Meisterschaft Russlands und der Ukraine zu organisieren, eher wegen der objektiven politischen Gründen scheiterte, war seine Zeit als Präsident von Alanija Wladikawkas ein einzigartiges Desaster. Wegen der schweren Schulden ist Alanija, ein Traditionsverein und russischer Meister von 1995, im Februar 2014 von der russischen Fußballkarte vorübergehend verschwunden. Trotzdem bleibt Gasajew, bei den Fans unter dem originellen Spitznamen »Pjos« (auf Deutsch: Hund) bekannt, noch immer ein großes Gewicht im russischen Fußball.

Verbal greift Gasajew den klaren Favoriten Mutko hart an. »Ich weiß nicht, was die RFU überhaupt macht«, sagt der aus Nordossetien stammende Ex-Trainer. »Die Regionen bekommen vom Verband jährlich nur 500 000 Rubel, das ist zu wenig. Außerdem könnten wir für den Verkauf der Fernsehrechte der russischen Liga ins Ausland 200 Millionen Euro bekommen - und nicht 27 wie heute.« Die Kritik Gasajews pariert Mutko souverän. »Er erzählt Märchen. Es kann doch nicht sein, dass wir morgen aufstehen und plötzlich 200 Millionen aus dem Ausland haben«, betont Mutko. »Ich will nicht, dass Leute wie er aus der RFU eine Lachnummer machen. Gasajew hat doch bereits in Wladikawkas gezeigt, was er drauf hat. Dort ist nach ihm gar nichts geblieben.«

Was wie ein harter Wahlkampf aussieht, ist allerdings möglicherweise keiner. Russische Medien sind sich zumindest sicher: Gasajew sei keine wirkliche Opposition, sondern eher ein bekanntes und erfahrenes Gesicht als Option für den Fall, dass Mutko doch gehen soll. Danach sieht es im Moment jedoch nicht aus. Vielmehr zeigt sich Witali Mutko wieder als der Unsinkbare des russischen Sportsystems - auch dank seiner persönlichen Beziehung zu Wladimir Putin. Die Zeichen stehen klar: Mutko soll mindestens bis zur WM 2018 an der Spitze des russischen Sports bleiben. Doch das russische Sportsystem und auch der russische Fußball müssen immer noch ihre große Krise überwinden. Witali Mutko macht da keine gute Figur - und darf sich trotz seiner sicheren Wiederwahl am Sonntag doch nicht allzu erleichtert fühlen.

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