Werbung

Kafka kaspert

Rebell und Melancholiker: Dem Schauspieler und Regisseur Alexander Lang zum 75.

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Geister. Sie spielen das lustigste Stück: Wie schwer ist es, ein Mensch zu sein? Huschende Figuren ganz in Weiß vor dunklem Urgrund; sie leuchten kurz auf wie Sternschnuppen, auf irrenden Wegen vom Nichts ins Nichts. Die Groteske tänzelt in die Katastrophe, die Tragödie in die Farce. In Schwerin inszenierte Alexander Lang vor Jahren August Strindbergs »Ein Traumspiel«. So war es in all seinen Inszenierungen: Traten die Gestalten auf, so wuselten sie durch Gefangenschaften im Reich ihrer Angst. Bilderbögen aus lauter Daseins-Bruchstücken; und wie in einem Traum geschahen wirbelnde Gleichzeitigkeiten im zeitlosen Raum, in raumloser Zeit. Theater als Schranzen-Schaukasten. Oder irgendwas zwischen Kafka und Kleinem Prinzen.

Langs Schauspieler, Langs Ver-Körperungskunst: Man konnte mit jeder Szene beweisen, dass dieser Regisseur am geschichtsgeilen Menschen verzweifelt, und doch stimmte auch das Gegenteil: Die Körpersprache entstammte einer geradezu unschuldigen Kindheitsphase der Menschheit, sie war gleichsam vormoralisch, sie kasperte - und wenn die Grausamkeit schon keine Hoffnung zu lehren vermochte, so doch ein Lachen über die Lächerlichen. Lang misstraute stets einem Realismus, der das Theater als Welterklärungsmodell vernutzt. Seine Spielbudenwelt war immer künstlich bis ins Letztnotwendige, und oft war just dies: das beglückend Höchstmögliche.

Einzigartig 1978 jener Aufstand dreier Schauspieler am Deutschen Theater Berlin, die sich ihre Regie selbst schufen. Alexander Lang, Roman Kaminski, Christian Grashof erarbeiteten eine der atemberaubendsten Interpretationen Heiner Müllers (»Philoktet«). Und der DT-Regisseur Lang war geboren - sein Arena-Ambiente, seine Manege-Magie. Athol Fugards »Die Insel«. Dann Brecht: »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe« - wieder Grashof. Als Vorform eines schmiegsam-schmierigen Arturo Ui. Grashof glänzte bei Lang als clownesker Stilist, er war der entfesselte Wotan, war Herzog Theodor von Gotland; ein federnd-flatternder Komiker, der uns Zuschauer mit Wehmutszittern toll vergessen ließ, warum wir ihn so komisch fanden.

Höhepunkt jener Gemeinsamkeit mit Lang: dessen »Dantons Tod«, 1981. Das bleibt grandios für alle Zeiten. Grashof als Danton und Robespierre zugleich. Ein furioser Parcoursritt der Regie über den schmalen Grat, auf dem sich widerstreitende Geschichtskonzepte zum tödlichen Konflikt zuspitzen: Stets gehören Fortschritt und Reaktion, Utopie und Guillotine zusammen; extremes Links gebiert extremes Rechts und umgekehrt; just auch die Vernunft kann mithalten in jedem Architektenwettbewerb um das tiefste, fieseste mörderischste Verlies. Den Furchtlosen gehört die Revolution, dann aber wird die Revolution fürchterlich - weil sie die Furcht vor sich selber nicht los wird. Am Deutschen Theater war unversehens das Scheitern der DDR zu sehen - ein unzensiertes Wahrheits-Wunder auf der Bühne. Alle jubelten, und manche ahnten wohl nicht einmal, warum. Theater wider jeden ideologischen Eisengeist, rot wie der Rost.

Als kraftvoller Harlekin hat Alexander Lang am Traditionstempel DT die Ästhetik der Ausmalung, der psychologischen Tiefgründe aus den Kulissen getrieben. Er ist mit grotesker Schärfe gegen die deutsche Pathosallergie bei traditionellen Stoffen zu Felde gezogen. Johannes R. Bechers »Winterschlaf« versetzte er mit einem Vorspiel Heiner Müllers (»Wolokolamsker Chaussee«): Rotarmisten, die sich vorm Kriegstod fürchten - Intendant Dieter Mann setzte das gegen besorgte Mythenwächter hinter Berliner Funktionärsschreibtischen durch.

Langs Eigenart schuf im Deutschen Theater eine Ensemble-Insel. Er hatte ein sehr eigenes Kraftfeld aufgebaut, fast hermetisch, er faszinierte mit Ausschließlichkeitsansprüchen. Man konnte zusehen, wie er sich an Feinden im eigenen Hause geradezu aufrichtete, sich mit gleißenden Bildern skepsisschwarz abschottete. Es festigte sich mehr und mehr der Eindruck, da habe sich einer so trotzig wie verloren eingepuppt. Er sah sich wohl umzingelt von Biederkeit - und ging Mitte der achtziger Jahre in den Westen. Weltoffenheit? Am offensten allüberall sind Fallen, denn: Sie wollen zuschnappen. Alexander Langs Fallen hießen: Intendanzen am falschen Ort, zu falscher Zeit (Hamburg, Westberlin).

Irgendwann wurde seine Kunst immer trauriger. Verschlüsselter Leerlauf. Ein heimatlos gewordener Künstler. Was einst Format war, erstarrte zur Form. Dann aber, weit nach dem Ende der DDR, am Maxim Gorki Theater Gorkis »Nachtasyl«! Die Verelendung war in seiner Inszenierung keine des fehlenden Brotes, sondern eine des Herzens. Alle liebten falsch, spielten falsch, redeten falsch. Aber für Momente, die sich einbrannten, waren diese Menschen des falschen Lebens plötzlich im richtigen Theater: Sie schauten sich selber zu, und hinter den düsteren Stirnen sah man den hellen, denkenden Schmerz.

Im Regisseur Lang, dem Plakatmaler aus Erfurt, 1941 geboren, lebte immer der Schauspieler Lang. Er war, wie es Peter Zadek beschrieb: »Ein wirklicher Schauspieler kommt auf die Bühne, er sagt etwas, und plötzlich denkt man, gleich kommen irgendwelche Ärzte und schleppen ihn ins Irrenhaus. Das muss man fühlen bei einem ehrlichen Schauspieler, der immer auch etwas brutal Verhemmtes hat.« Das hatte Lang. Verrückt war er nicht perlend, sprudelnd, im Gegenteil, er rückte sich in Zeitlupe weg von der sogenannten Realität, er knautschte, er schlenkerte, er nölte. Von Schiller zu Volker Braun, also vom Ferdinand zum Kipper Paul Bauch: vom Kopf, der an zu niedrige Himmel stieß, zum Arbeiterutopisten, der sich ein Büchergebirge unter die Füße wuchtete, um dem sternigen Weltall näher zu sein.

Er hat die Schlaksigkeit in den Kunststand erhoben; es klaffte zwischen dem Spieler und dem Gespielten stets so ein strichdünner Spalt; durch den sah man, wie ein großer trauriger Junge in einem überbunten Kinderzimmer sitzt. Böse und listig gestimmt, das alles zu versenken. Das war die Theaterwelt des Alexander Lang, der seinen Figuren diese unverkennbare thüringische Dialekteinfärbung mitgab - so dass sich alles Hohe, das sie sagen wollten, mit allem Niederen, das sie erleben mussten, zu einer seltsam müde rebellischen Melancholie kurzschloss. Bei Dresen, bei Stillmark und Erforth. Sehr viel später bei Wilson (»Lulu«) und Thomas Langhoff (»Nachtasyl«) am Berliner Ensemble. Er beherrschte die clowneske Verschrobenheit und das Spiel der scheinbar falsch verschraubten Glieder. Filme wie »Graf Yorck von Wartenberg«, »Solo Sunny« oder »Leichensache Zernik« bereicherte er mit seinem versunkenen Ernst, seiner ungelenken Würde, seiner still präsentierten Distanz.

Er ist der vereinsamte Extremist. Die Zeit, die ihn als Novum pries, hat ihn später verraten. Er ist der Turner, dem aufgegeben war, in stocksteifer Norm-Zelle zu überwintern. Er ist dann ein aufbauender Regisseur für Studenten geworden - gibt es größere Zuversicht ins Theater? An diesem Sonnabend wird der bedeutend eigentümliche Alexander Lang 75 Jahre alt.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen