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Lippenleserin fordert Untertitelung von TV-News

Jede Nachrichtensendung, egal auf welchem Programm / Tag der Gehörlosen: Julia Probst kritisiert schlechte Schulpolitik und Bundesteilhabegesetz

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Berlin. Zum Tag der Gehörlosen spricht sich die Lippenleserin Julia Probst für eine Eins-zu-eins-Untertitelung von Nachrichten im Fernsehen aus. »Es sollte jede Nachrichtensendung, egal auf welchem Programm, mit Gebärdensprache sein«, sagte Probst der Deutschen Presse-Agentur. Nach Ansicht der 34-Jährigen, die bei der WM 2014 bekannt wurde, weil sie twitterte, was Joachim Löw seiner Nationalelf zurief, sollte auch jede Bundestagsdebatte mit Gebärdensprache und Untertitel gesendet werden. Bisher geschehe dies nur für die Kerndebattenzeit. »Das ist so, als würde man Hörenden einfach während einer Sitzung den Ton ausdrehen.« In Deutschland leben 80.000 gehörlose Menschen. Der Tag der Gehörlosen am letzten Sonntag im September soll auf ihre Belange aufmerksam machen.

Frau Probst, über welche Vorurteile gegenüber Gehörlosen ärgern Sie sich?

Ich ärgere mich immer wieder, wenn Leute sich wundern: »Ach, Sie sind gehörlos? Wieso können Sie dann sprechen?« Die allermeisten Gehörlosen können sprechen, die meisten wollen es aber nicht, weil sie ihre eigene Stimme nicht mögen und zudem die Gebärdensprache als Muttersprache haben. Aber am meisten tut mir das Vorurteil weh, dass Gehörlose zurückgeblieben seien. Das ist nicht der Fall, denn Gehörlosen wird durch die schlechte Schulpolitik der Zugang zum normalen Erwerb von Bildung entzogen.

Können Sie auch über gewisse Vorurteile lachen?

Am meisten kann ich darüber lachen, wenn man mich fragt: »Gehst du überhaupt auf Konzerte?« Klar tue ich das, warum auch nicht? Die von meiner Lieblingsband kennen das schon, wenn ich ganz vorne stehe in der Nähe des Basses. Oder wenn man mich fragt, ob ich überhaupt tanzen kann. Klar kann ich das. Mir sagte mal ein Mann, ich wäre die beste Tanzpartnerin, die er je hatte - ich ließe mich so schön führen und schaffe es, irgendwie im Takt zu bleiben, was er sich nicht erklären könne.

Wenn Sie Bundeskanzlerin wären: Wo sehen Sie Handlungsbedarf, um die Lage von gehörlosen Menschen zu verbessern?

Es sollte jede Nachrichtensendung, egal auf welchem Programm, mit Gebärdensprache sein. Ich fände es gut, wenn alles eins zu eins im Fernsehen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern untertitelt wird. Außerdem sollte jede Debatte im Bundestag barrierefrei mit Gebärdensprache und Untertitel gesendet werden. Bisher wird nur die Kerndebattenzeit barrierefrei gesendet. Alles andere nicht. Das ist so, als würde man Hörenden einfach während einer Sitzung den Ton ausdrehen.

Berücksichtigt das derzeit diskutierte Bundesteilhabegesetz die Rechte von Gehörlosen ausreichend?

Das Gesetz ist kein Quantensprung. Es ist ein Spargesetz, weil es die Rechte von Menschen mit Behinderung massiv einschränkt statt sie im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention vollumfänglich zu gewährleisten. Die 5/9-Punkte-Regelung sagt, dass man fünf von neun Kritikpunkten erfüllen muss, um Leistungen zu kriegen. Aber wir Gehörlosen sind eigentlich nur in einem Punkt betroffen: Kommunikation. Wir brauchen Gebärdensprachdolmetscher oder Kommunikationsassistenten. Nach dem Gesetz haben wir bei besonderen Anlässen einen Anspruch darauf. Letztendlich entscheidet ein Sachbearbeiter darüber, was ein besonderer Anlass ist.

Welche Bedeutung hat der Tag der Gehörlosen für Sie persönlich?

Er soll Bewusstsein schaffen, aber so richtig hat er noch nicht gezündet. Ich habe noch nie einen Hörenden sagen hören: »Hey, heute ist der Tag der Gehörlosen!« Ich vermisse eine Aktion der Fernsehsender oder der Öffentlichkeit zum Tag der Gehörlosen - zum Beispiel alle Nachrichtensendungen bei den Hauptsendern mit Gebärdensprache und Untertitel.

Was machen Sie an diesem Sonntag?

Erfreulicherweise fällt der Tatort Münster dieses Jahr mit dem Tag der Gehörlosen zusammen, also werde ich am Abend ganz sicher auf meinem Sofa sitzen und allen sagen: »Ich bin von 20.15 Uhr bis 21.45 Uhr nicht ansprechbar.« Aber das wissen vermutlich inzwischen alle, was für ein Tatort-Junkie ich bin.

Julia Probst, 34, lebt in Hamburg. Seit Juni 2016 arbeitet sie als Referentin des Vorstands vom Gehörlosenverband Hamburg. Bis Juni 2014 war sie Mitglied der Piraten-Partei. Probst setzt sich im Netz für die Rechte von gehörlosen Menschen ein.

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