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Schmalz mit Salz

Freddy Quinn 85

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Auch ich stapfte durch brennend heißen Wüstensand. Lag vor Madagaskar, und wir hatten die Pest an Bord. Das klang!, das riss dich aus den Biederkeiten. Ich war mir nicht zu schade, kitschig zu sein. Es gibt eine Unerschütterlichkeit des Sehnens, die im Schlager ihr geniales Medium behält. Harmonie, schöne Schmerzen eines großen Kummers und die Rauschbilder einer heilbaren Welt - sie vermögen zu jener Dreieinigkeit zu verschmelzen, die das Reale wunderbar wünschend überschreitet.

Wir benötigen ihn doch, den Kitsch - zur Unterhaltung unseres heimlichen Begehrens. Manfred Franz Eugen Helmuth Nidl aus dem niederösterreichischen Niederfladnitz war einer der Großen des Gewerbes: Freddy Quinn, 1931 geboren, als uneheliches Kind einer Österreicherin und eines irischen Kaufmanns - zur See gefahren ist er nie, die See aber schuf ihn. Heimweh und grüne Täler. »Viele Jahre schwere Fron, harte Arbeit, karger Lohn.« Der Bariton aus Samt schmierte Schmalz aufs westdeutsche Unbewusste, das nicht länger über die Vergangenheit stolpern, sondern schnellstmöglich in den Wohlstand rutschen wollte. Rutschen durfte. Freddy Quinn, das war Schmalz, gewürzt mit dem Salz der Ozeane. Er war der traurige, glückliche Wanderer zwischen den Klischees. Der Junge von Sankt Pauli. Ich hörte Rock Hudson und sah in Freddy die deutsche Kopie. Im Kino sah ich Burt Lancaster und Tony Curtis in »Trapez«, und der kostümglitzernde deutsche Barde schien mir den Hollywood-Spielern grandios nachgestaltet. 1965 bot ihm Bert Kaempfert »Blue Spanish Eyes« an. Er lehnte ab - und Al Martino sang den Welthit, den auch Quinn hätte haben können. Wirklich lächerlich machte er sich freilich mit dem Flop »Wir«, einem Lied gegen die rebellische Jugend der späten Sechziger.

»Junge komm bald wieder«, »Die Gitarre und das Meer«, »Unter fremden Sternen« - Freddy Quinn war der Bote jenes Horizonts, den nur das schnulzige Matrosenlied aufmachen kann. Jahrelang ist er so erfolgreich gewesen wie auch Schmähgegenstand der Kulturkritik - eifrig hat man sich abgearbeitet an den Melancholiehymnen vom müden Legionär, und menschenfreundlich konnte doch nicht sein, was in den Soldier-Songs schwelte. Als habe man vergessen, dass Kinder, wenn sie »Räuber und Gendarm« spielen, unbedingt Räuber sein wollen - im Unbotmäßigen keimt die geilste Lust; das Räudige lockt und nicht das, was früh einen Vorgeschmack aufs Pflichtsoll der eigenen Lebensstrecke gibt.

Singend zur See zur fahren, es verheißt: so weit draußen zu sein, dass die Welt verschwindet. Just dies hat sie verdient! Fast zwei Jahrhunderte nachdem Hegel in Jena mit Napoleon die »Weltseele« zu Pferde vorbeireiten sah, entstand das Lied vom Pferdehalfter, das an der Wand hängt. So enden Ideen. Deutsche Geschichte: zum Wiehern. Das Lied vom Pferdehalfter, das Ronny sang, hätte auch Freddy singen können. Wahrheit und Banalität, die siamesischen Zwillinge. 2004 legte Quinn das Mikrofon beiseite: Der Junge kommt nie wieder! Nur der totale Rückzug hat Charakter. Heute wird der Mann mit der Lederjacke 85 Jahre alt.

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