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Wenn zwei Legenden streiten

Sportlich läuft es für Real Madrid gut, für Unruhe vor dem Champions-League-Spiel in Dortmund sorgt ein Wechsel

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

Dolores Aveiro reagierte schnell. Keine halbe Stunde nach dem Abpfiff im Estadio de Gran Canaria twitterte die Mutter von Cristiano Ronaldo ein Bild ihres Sohnes, versehen mit vier Worten: »Nunca abaixe a cabeça«. Das Foto zeigt Cristiano Ronaldo mit versteinerter Miene, er saß auf der Bank. »Lass niemals den Kopf hängen«: Die mütterliche Fürsorge sollte das bockige Kind aufmuntern.

Was war passiert? Real Madrids Trainer Zinedine Zidane hatte Ronaldo am Samstagabend nach 72 Minuten im Spiel gegen UD Las Palmas ausgewechselt. Ronaldo war stinksauer. Und der extrovertierte Portugiese lebte auch diesmal seine Emotionen voll aus: Nur widerwillig reichte er seinem Trainer die Hand, würdigte ihn dabei keines Blickes und verbreitete fortan schlechte Stimmung von der Bank aus. In den sozialen Medien und den spanischen Zeitungen ist es derzeit das Thema Nummer eins. Von verständnisvoll bis spöttisch: Je nachdem wie man zu Real Madrid und dem Superstar steht, fallen die Kommentare aus.

Gemessen am Grad der Aufregung um die Auswechslung und der großen Unruhe danach, erlebt Zinedine Zidane wohl gerade die schwierigste Phase seiner neunmonatigen Trainerzeit in Madrid. Aus sportlicher Sicht gab es bislang auch kaum einen Grund, den 44-Jährigen in Zweifel zu ziehen. Real ist saisonübergreifend seit 19 Pflichtspielen ungeschlagen. Nach dem großen Erfolg mit dem Sieg im Finale der Champions League gegen den Stadtrivalen Atletico Madrid, wurde gegen den FC Sevilla auch noch der europäische Supercup gewonnen. Und in der Primera Division verpassten es die Königlichen am vergangenen Mittwoch nur knapp, dem Erzfeind FC Barcelona einen Rekord zu entreißen: Nach 16 Ligasiegen in Folge - wie Barca 2011 -, reichte es gegen Villarreal nur zu einem Remis. Aktuell führt Real Madrid die Tabelle vor Barcelona und Atletico an.

So wundert es nicht, dass über Zidane auch nach dem Spiel auf Gran Canaria fast durchweg wohlwollend gesprochen und geschrieben wird. Die spanische Sportzeitung »AS« befragte ihre Leser. Das Ergebnis: Mehr als 80 Prozent schlugen sich in der Auseinandersetzung der beiden Vereinslegenden auf die Seite des Trainers. Gegen dessen Begründung ist auch gar nichts einzuwenden: »Wir haben am Dienstag ein wichtiges Spiel, ich wollte ihn schonen«, rechtfertigte Zidane die Auswechslung. Selbst, dass Real danach noch den 2:2-Ausgleich durch Las Palmas - samt hämischer Reaktion Ronaldos - hinnehmen musste, änderte nichts an der Einschätzung durch Fans und Medien.

Wie schwierig das Verhältnis tatsächlich ist und welch sensibler Umgang mit dem Superstar in Madrid gepflegt wird, verdeutlicht eine andere Aussage Zidanes. Ronaldo habe gut gespielt, wie immer. Tatsache ist, dass der Portugiese nach seiner Knieverletzung aus dem EM-Finale noch weit von seiner Bestform entfernt ist, ihm fehlt derzeit fast alles: sein Antritt, seine Torgefahr, seine Präzision und Präsenz im Spiel.

Trotz der guten Zahlen des Vereins zum Saisonstart zeigt sich, wie abhängig Real von Ronaldo ist. Im ersten Gruppenspiel der Champions League gegen Sporting Lissabon führte er Madrid nur mit einem Freistoßtor in der vorletzten Minute auf die Siegerstraße. Zuvor hatte der Gegner das Spiel bestimmt. Auch die beiden Unentschieden zuletzt in der Liga zeigen, dass es bei den Königlichen ohne einen gut aufgelegten König nicht wirklich läuft. Die defensiven Schwächen werden derzeit nicht von einer überragenden Offensive kaschiert.

Auch wenn Cristiano Ronaldo an diesem Dienstag wieder von Beginn an auflaufen wird, leichter wird es für Real nicht. Denn der Gegner heißt Borussia Dortmund. Der BVB gewann die letzten vier Heimspiele gegen die Madrilenen - druckvolles Pressing, schnelles Offensivspiel, das liegt Real überhaupt nicht. Aufregung und Unruhe würden im Falle einer Niederlage mit Sicherheit zunehmen. Deren Auslöser hingegen wird schnell vergessen sein. Und auf längere Sicht, werden die wenigsten wohl die Schuld bei Cristiano Ronaldo suchen: Wer in 352 Pflichtspielen 367 Tore für Real Madrid geschossen hat, muss keine Auseinandersetzung fürchten. Ausgewechselt wurde er übrigens in seinen sieben Madrider Jahren bislang 33 Mal. Wie auch immer: Zinedine Zidane wird wissen, dass die wirklich schweren Zeiten als Trainer noch vor ihm liegen.

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