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Gewöhnungsbedürftig

Die Deutsche Islamkonferenz wird zehn Jahre alt, den Islam hat sie Deutschland nicht näher gebracht

Imame ausbilden, Migranten integrieren, Terror abwehren und Hass vorbeugen, ein beachtliches Programm stand vor zehn Jahren vor der Deutschen Islamkonferenz, die die Gesellschaft mit dem Islam und umgekehrt die Islamischen Verbände mit der Gesellschaft versöhnen wollte. Dabei ging es zu wie in öffentlich-rechtlichen Talkshows zum Thema Islam auch. Wo über den Islam diskutiert wird, ist Konfliktpotenzial garantiert. Die Islamkonferenz aber übertraf sie wirklich alle: Da knallten Türen, wurden Teilnehmer aus dem Studio geworfen, während es andere aus Protest selbst verließen. Mehrmals stand die ganze Sendung kurz vor dem Abbruch. Kein Wunder, hatten die Moderatoren von Terrorismus bis Islamfeindlichkeit doch gleich alle heißen Themen auf einmal diskutieren lassen.

Das Format, in dem bayerischer »Law and Order«-Politiker auf erzkonservativen Islamverbandsvertreter und Islamhasser auf selbstbewusste Muslima traf, hätte in die deutsche Fernsehgeschichte eingehen können. Das Problem nur: eigentlich waren die Talkshow-Gäste gekommen, um im Stillen Probleme zu lösen, statt sie öffentlich auszutragen.

Tatsächlich hatte die Deutsche Islamkonferenz (DIK) vor zehn Jahren ganz vielversprechend angefangen: Von einer »historischen Begegnung« schrieb »Der Spiegel«, als das Innenministerium am 27. September 2006 ins Schloss Charlottenburg lud und rund 30 islamische Verbandsvertreter und zahlreiche Einzelpersonen, die irgendwas mit Islam zu tun hatten, dem Ruf folgten. Der »Zentralrat der Muslime« setzte sogar noch einen drauf und adelte das von Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) initiierte Treffen als »Meilenstein im christlich-islamischen Dialog«. Nichts weniger als das hatten sich die Teilnehmer auch vorgenommen: das Setzen von Meilensteinen.

Gleichberechtigung von Mann und Frau, Trennung von Kirche und Staat, Umgang mit religiösen Symbolen, Moscheebau, Extremismusprävention, Sicherheit, Islamismus, das Islambild in den Medien, Bildung ... Oder, um es kurz zu machen: Auf der Agenda stand in den Anfangsjahren der Konferenz so ziemlich alles, was auch den Talkshow-Redakteuren der Öffentlich-Rechtlichen regelmäßig zum Thema Islam einfällt.

Und ähnlich wie bei Anne Will und Co. geriet das eigentliche Thema oft zur Randnotiz. Stattdessen bestimmten Animositäten der Gäste das öffentliche Bild der Konferenz und die Frage: »Wer repräsentiert eigentlich die Muslime in Deutschland«. Progressive kritisierten den hohen Anteil an Konservativen. Konservative empfanden die Aleviten als zu zahlreich. Die Frommen kritisierten die Kulturmuslime. Und Muslime gleich welcher Herkunft fragten, was eigentlich Islamgegner wie die türkische Soziologin Necla Kelek in der Konferenz zu suchen hatten. »Die Integration der Muslime zu erleichtern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu wahren«, hatte Wolfgang Schäuble als Losung ausgegeben. Doch allzu oft gelang es den Teilnehmern nicht einmal, den eigenen Zusammenhalt zu wahren.

Doch so zerstritten sich die Teilnehmer nach außen oft gaben, so konstruktiv konnten sie hin und wieder hinter verschlossenen Türen miteinander umgehen. Das zeigt sich an den Erfolgen der Islamkonferenz: In ihrem Auftrag erstellte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2010 die erste umfassende Studie über »Muslimisches Leben in Deutschland«. Eine Reihe von Empfehlungen der DIK zum Islamischen Religionsunterricht führte zur Einrichtung der ersten universitären Zentren für Islamische Theologie in Deutschland. Dass heute islamische Lehrer, Theologen und Imame in Deutschland ausgebildet werden, ist ein Erfolg der Islamkonferenz.

Dass die letzten dieser Erfolge nun schon ein paar Jahre zurückliegen, zeigt allerdings noch eine weitere Parallele zu den Fernseh-Talkshows: Auch die Islamkonferenz war und ist immer nur so gut wie ihre Moderation. Hatte Wolfgang Schäuble trotz aller Streitigkeiten um die richtige Zusammensetzung zu seiner Amtszeit die Teilnehmer stets noch auf ein gemeinsames Ziel einschwören können, wurden die Zeiten unter seinem Nachfolger Thomas de Maizière (CDU) härter.

Hatte sich Schäuble in der Gretchenfrage aller Islamdebatten noch zum Islam bekannt (»Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas, er ist Teil unserer Gegenwart und Teil unserer Zukunft«), fiel de Maizières Urteil weit weniger eindeutig aus: »Wenn man sagt, ein Teil, dann heißt das aber auch, es ist nicht das Ganze«. Dass es im Zweifel der Innenminister und nicht die Muslime selbst sind, die über die Ausgestaltung dieses Teils bestimmten, bewies de Maizière im März 2010. Wegen vermeintlicher islamistischer Tendenzen schloss er den Islamrat von der Konferenz aus und damit den zweitgrößten islamischen Verband der Republik, was der »Zentralrat der Muslime« zum Anlass nahm, die Show gleich mit zu verlassen.

Den Tiefpunkt erlebte die Konferenz allerdings unter Hans-Peter Friedrich (CSU). »Dass der Islam zu Deutschland gehört«, lasse sich auch »aus der Historie nirgends belegen«, hatte dieser im Frühjahr 2011, gleich zu Amtsbeginn, gesagt und dies auch die Islamkonferenz spüren lassen. Aus einem mehr oder weniger gleichberechtigten Debattierklub für alles, was irgendwie mit Islam zu tun hat, machte Friedrich eine »Sicherheitspartnerschaft«. Sein einziges Thema, Terrorabwehr, konnte der Minister überwiegend mit sich selbst diskutieren, die islamischen Verbände blieben der DIK fern.

Es dauerte schließlich bis 2014, bis Thomas de Maizière, erneut zum Bundesinnenminister berufen, der tot geglaubten DIK einen Rebrush verpasste. Weniger politisch sollte die DIK werden, sich stattdessen auf Religionsfragen im engeren Sinne beschränken. »Gerade jetzt ist es entscheidend, dieses Format zu nutzen, aber auch weiterzuentwickeln«, sagte de Maizière am vergangenen Donnerstag anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Islamkonferenz. Ein Kommentar erneut wie über eine Fernsehsendung. Die nächste Folge soll nun im Spätherbst ausgestrahlt werden. Thema: Islamischer Wohlfahrtsverband und Seelsorge. Freunde öffentlich-rechtlicher Talkshow-Unterhaltung wissen, was so eine Ankündigung bedeutet. Die einst umstrittenste Islam-Talkshow der Republik verschwindet irgendwo im Nachtprogramm der Dritten.

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