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Super-Maus(s) in der Steuerfalle

Dubioser Geheimagent wegen Millionen-Hinterziehung angeklagt - doch da ließe sich noch mehr finden

»Die 2. große Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Bochum verhandelt ab dem 26. September 2016 in dem Verfahren II-2 KLs 365 Js 335/12 (8/16) gegen M. wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung.« Die Staatsanwaltschaft wirft dem 76-Jährigen Vergehen in den Jahren 2002 bis 2013 vor. Der öffentlich zugänglichen Mitteilung sind acht weitere Sitzungstermine angefügt.

Trockener konnte man das Verfahren gegen den Mann, den die Anklage mal Werner Mauss, mal Claus Möllner, Dieter Koch oder Richard Nelson nennt, nicht ankündigen. Je nach Pass ist der Angeklagte verheiratet oder ledig. Als Geburtsorte kommen wahlweise Essen, Hagen, Wuppertal in Betracht.

Den Gerichtssaal betrat der kleine Mann am Montag mit einem blauen Parka. Die Kapuze sollte vor Kameralinsen schützen. Angeblich hat der selbst ernannte Geheimagent Abgaben in Höhe von 15,24 Millionen Euro hinterzogen. Hinzu kommt eine Soli-Schuld von 800 000 Euro. Die Ermittler kamen dem Angeklagten durch eine Steuer-CD aus Liechtenstein auf die Spur. Die hat sich das Land Nordrhein-Westfalen 2012 fünf Millionen Euro kosten lassen. Enthalten sind Daten der Schweizer UBS-Bank. Die UBS wird nicht von ungefähr im Volksmund »Untited Bandits of Switzerland« genannt.

Sollten die Vorwürfe der Staatsanwälte zutreffen, so dürfte der Angeklagte nicht auf eine Bewährungsstrafe hoffen. Ein paar Jahre Gefängnis wären unvermeidbar. Sollte so das Ende des deutschen 007-Supermans aussehen? Schwer denkbar, Mauss hat doch immer irgendwo ein Schlupfloch gefunden. Seine Anwälte argumentieren, ihr Mandant habe die unter anderem auf den Bahamas geparkten Summen nur als Treuhänder verwaltet, daher seien ihm die Guthaben wirtschaftlich nicht zuzurechnen.

Woher das Geld kommt? Von einem internationalen Geheimbund, lässt Mauss verkünden. Um seinen Kampf gegen den Terrorismus unkompliziert zu unterstützen, hätten verschiedene ausländische Gönner Millionen überwiesen. Nein, Deutschland habe sich nicht beteiligt. Im Gespräch sind stattdessen mehrere andere westliche Staaten. Unter anderem wird auf einen einstigen israelischen Verteidigungsminister verwiesen sowie auf den Vatikan.

Ausgerechnet der Vatikan soll den deutschen Agenten gesponsert haben? Ja, lässt der durchstechen, schließlich habe er Papst Benedict vor einem Giftattentat der kolumbianischen Drogenmafia bewahrt. Wann das war? Mauss bleibt ungenau, sagt nur, dass der Papst unmittelbar danach zurückgetreten ist.

Alles Unsinn, entgegnet ein Vatikansprecher. So steht Aussage gegen Aussage. Wie auch in den anderen Fällen, denn Mauss beruft sich auf seine Pflicht zu Verschwiegenheit, schließlich liefen seine geheimen Operationen weiter.

Was man gewiss bezweifeln darf. Mauss lebt in der Geschichte - also in seinen vielen möglicherweise gut, zumindest aber spannend erfundenen Geschichten. Als »ziviler Mitarbeiter des Bundeskriminalamts« habe er in den 1970er und 80er-Jahren üble Verbrecher gejagt. Ein- wie Ausbrecher, Kunstdiebe. Dann wurde es zunehmend politischer. Er war in die Affäre um das »Celler Loch« verwickelt, das Niedersachsens Ministerpräsident in die Gefängnismauer sprengen ließ, um einen Vorwand für die RAF-Terroristen-Hatz zu haben. Er war beteiligt am Auffinden der Dioxinfässer von Seveso. Illegale Lauschangriffe, gezinkte Reisekostenabrechnungen und vorgetäuschte Raubüberfälle gehörten angeblich zu den Spezialitäten von Mauss, der sich auch mit der Hisbollah angelegt oder verständigt haben will. Er verhandelte in Südamerika über Geiselfreilassungen und wurde 1996 in Kolumbien medienträchtig festgenommen. Bevor er nach Intervention »von ganz oben« freikam.

Die Steuerfahnder haben auf dem UBS-Datenträger unter anderem Einlagen eines Claus Möllner entdeckt. Insgesamt 37 Millionen Euro. Der Name ist in mehrfacher Weise interessant. Er taucht auch in den »PanamaPapers« auf, die jüngst geleakt wurden. Da gibt es eine Farbkopie des Möllner-Reisepasses. Das Foto zeigt eindeutig Werner Mauss. Der Pass ist ausgestellt im Jahr 2014.

Es gibt gesetzliche Vorgaben, die sagen, wer einen Tarnausweis bekommen darf. Das betrifft beispielsweise Leute, die in einem Zeugenschutzprogramm versteckt werden. Mauss aber tritt ganz offen auf. Auch Undercover-Beamte bekommen Tarnidentitäten. Auch das trifft auf Mauss nicht zu. Er schwört, dass er seine Dienstleistungen für deutsche Behörden im Jahr 2000 beendete. Wer also stellte warum den echten Pass auf den falschen Namen aus?

»Möllner« ist zudem interessant, weil er die Vollmacht für zahlreiche Firmen mit zum Teil fantasiereichen Namen hat. Ihnen gemeinsam ist, dass sie aus nur einem Briefkasten bestehen. So wie »Nolilane«. Die Firma hat ihren Sitz in Panama und hält ein Anwesen im Südwesten Deutschlands: Wohnhaus, Reithalle, ein kleiner Flugplatz. Mauss, der Pferdenarr, ist dort »Dauergast«.

Nun sage keiner, dass mit den Stiftungen und heimlichen Konten von Mauss sei eine neue Erkenntnis. Als die Geldversteckoase Liechtenstein Ende der 90er Jahre aufflog, weil ein Angestellter des Finanzgurus Herbert Batliner auf eigene Rechnung arbeitete, waren diverse Mauss-Anlagen bekannt geworden. Schon damals gab es eine Firma namens »Nolilane N. V.« in Curaçao, die gemeinsam mit einer »Transacta Valores S. A.« aus Panama Immobilienbesitz unter anderem in Altstrimmig im Hundsrück und in Frankfurt am Main hatte. Die zuständigen Behörden, so sagte Mauss damals, seien über die Stiftung und die damit in Verbindung stehenden Gelder informiert. »Selbstverständlich werden auch die hierauf entfallenden Steuern gezahlt.«

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