Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Charmante Unsympathen

Die TV-Serie »You're the Worst« zeigt den romantischen Alltag zynischer Narzissten

  • Von Waldemar Kesler
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor einem Jahr tat die Comedyserie »You’re the Worst« etwas beinahe Revolutionäres: Sie brach mit den Regeln der romantischen Fernsehunterhaltung und ließ in der zweiten Staffel ihre weibliche Hauptfigur Gretchen erklären, dass sie seit Jahren an einer schweren Depression leidet. Dabei sind Gretchen und ihr Konterpart Jimmy ohnehin mit einer Hypothek belastet, was ihre Sympathiewerte angeht: Beides sind eigentlich bindungsunfähige, sozial auffällige Narzissten mit einem selbstzerstörerischen Hang zu Drogen und Alkohol. Aber während sie dadurch für die allermeisten zu einer Zumutung werden, machen ihre charakterlichen Mängel sie füreinander attraktiv, weil sie einander verstehen.

Die teilweise glänzend geschriebenen Dialoge und die knisternde Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern Aja Cash und Chris Geere ließen die Serie in der ersten Staffel zu einem Überraschungserfolg werden. Umso mutiger war es von ihrem Schöpfer Stephen Falk (der auch als ausführender Produzent an »Orange Is the New Black« und »Weeds« mitwirkte), seine funktionierende romantische Sitcom mit der Krankheitsgeschichte zu belasten. Statt die typischen Beziehungskonflikte wie Eifersüchteleien, ehemalige Partner oder unterschiedliche Ordnungsvorlieben durchzudeklinieren, zeigt »You›re the Worst« die Hilflosigkeit gegenüber der Krankheit des Partners, ohne dem ernsten Teil den Witz der Serie zu opfern. Romantische Unterhaltung will uns normalerweise weismachen, dass jeder Topf seinen Deckel findet. Im Fall von Gretchen und Jimmy sehen wir, wie fragil Beziehungen sind, selbst wenn es ein (in diesem Fall ziemlich einzigartiges) Fundament dafür gibt.

In der gerade laufenden dritten Staffel stellt sich die Frage, ob die beiden nach der überstandenen Krise ins Fahrwasser der Normalität zurückfinden. Gretchen ist damit beschäftigt, sich mit ihren inneren Widerständen gegen eine Gesprächstherapie auseinanderzusetzen und ihrer Therapeutin nachzustellen. Jimmy erhält derweil von einem Verlag den Auftrag, seinen zweiten Roman zu schreiben, der nicht weniger als ein erotisches Meisterwerk werden soll. Als Gretchen proaktiv ihr Leben in den Griff zu bekommen versucht und als Maßnahme dazu im Gegensatz zu sonst die Post liest, öffnet sie aus Versehen auch einen Brief an Jimmy. Darin steht, dass sein Vater gestorben ist, zu dem er ein sehr belastetes Verhältnis hatte. Gretchen ist erst emotional damit überfordert, Jimmy die traurige Nachricht zu überbringen. Als der dann aber nicht wie erwartet darauf reagiert, bemüht sie sich, ihm zu einer Katharsis zu verhelfen, damit seine Gefühle nicht bei der bevorstehenden Kreuzfahrt der beiden ausbrechen. Sie hat damit Erfolg, aber anders als geplant: Jimmy erkennt, dass er sich nach dem Tod seines Vaters befreit fühlt.

Bislang wirkt die Staffel ein wenig plätschernd. Das mag daran liegen, dass die humorigen und emotionalen Höhepunkte der Serie auf den Exzessen und Krisen der charmanten Unsympathen beruhten. In der dritten Staffel sind Gretchen und Jimmy allerdings bei ihrem Zusammenleben bei einer Selbstverständlichkeit angelangt, die ihnen selbst unheimlich ist. Umso schmerzhafter ist es zu sehen, welche enormen Schwierigkeiten sie nach wie vor dabei haben, dem anderen die beziehungstypischen Zuneigungsgesten zu zeigen, ohne sie ironisch auszuhebeln: einander ohne sexuelle Hintergedanken in den Arm zu nehmen etwa, um Trost zu spenden. Vermutlich zeigt sich aber gerade in diesem plätschernden Alltag, ob eine zynisch abgebrühte Liebe möglich ist.

1. Staffel verfügbar u.a. bei Amazon und iTunes, 3. Staffel bei FX

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln