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Hoffnung und Verzweiflung in Aleppo

Gespräche mit Menschen an einer der Frontlinien der Stadt im sechsten Jahr des syrischen Krieges

  • Von Karin Leukefeld, Aleppo
  • Lesedauer: 8 Min.

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»Ich habe Jura studiert, eigentlich sollte ich jetzt in einem Anwaltsbüro arbeiten. Aber der Krieg hat mein Leben verändert. Sie sehen ja, wie wir hier leben.« Der junge Soldat lächelt scheu, als er sich umsieht und seinen Blick über das Lager seiner Gefährten in Ramousseh streifen lässt.

Einen Monat haben die syrischen Soldaten in diesem Vorort von Aleppo gegen die islamistische Gruppierung »Eroberungsfront« gekämpft, die Anfang August mit großer Gewalt angriff. Die Häuser, in denen die Einheiten der syrischen Armee untergebracht waren, sind zerstört. Die langgestreckten Gebäude der Militärakademie weisen deutliche Kampfspuren auf.

Nun haben sich die Soldaten im Schatten der Ruinen niedergelassen. Misstrauisch verfolgen ihre Augen, wie das Filmteam des US-Senders CNN mit der Kamera abfahrende Panzer verfolgt. Laut dröhnen die Motoren auf, als die schweren Fahrzeuge beschleunigen und hinter einer riesigen Staubwolke verschwinden. »Ohne die Russen wären die hier alle längst tot«, sagt der Reporter wie nebenbei, dann folgt er der Kamerafrau, um einen der Offiziere zu befragen.

Was er von den ausländischen Journalisten denke, die derzeit die Situation in und um Aleppo beobachteten, fragt die Autorin den Soldaten, der aus einem Dorf auf den syrischen Golan stammt. »Ich möchte nur, dass sie die Wahrheit berichten«, sagt der junge Mann. In der Vergangenheit sei das nicht der Fall gewesen.

Der Angriff der Islamisten sei sehr plötzlich gekommen, berichtet Abu Ali, der befehlshabende Kommandeur mit leiser Stimme, nachdem das CNN-Team sich verabschiedet hat. Der Angriff sei so enorm gewesen, dass sie sich zurückziehen mussten. Viele Soldaten seien getötet worden, sie hätten die Leichen erst nach der Rückeroberung von Ramousseh bergen können.

Der Waffenstillstand werde von der Armee befolgt, auch wenn er persönlich die Entscheidung für falsch halte, sagt der Offizier. »Jede Nacht fliegen hier Mörsergranaten von den Islamisten herein, sie halten sich nicht an die Abmachung.« Er wisse, dass der internationale Druck auf die Regierung groß sei, »doch was sollen wir tun? Uns den Islamisten ergeben? Niemals.« Auf die Frage, ob er die westliche Berichterstattung über die syrische Armee verfolge, nickt Abu Ali und sagt nach kurzem Zögern: »Sie bezeichnen uns als «Assads Armee», aber das sind wir nicht. Keiner hier kämpft für einen Mann, wir alle kämpfen für unser Land, für Syrien. Alle Soldaten und Offiziere der syrischen Armee kämpfen für unser Land. Das sollten sie schreiben.«

Ramousseh liegt im Süden von Aleppo. Hier befinden sich Wasserreinigungsbecken, ein Zementwerk, hier ist eine landesweit bekannte große Reparaturwerkstatt für die Pullman-Überlandbusse, die zu den wichtigsten Transportmitteln in Syrien gehören. Etliche davon, die hier repariert werden sollten, stehen zerschossen und ausgebrannt vor den Werkstätten. Manche Wracks wurden von den Soldaten mit Kränen auf die Verteidigungswälle gehievt, die sie gegen Angreifer errichtet haben.

Unmittelbar hinter Ramousseh beginnen die Wohnviertel von Aleppo. Aus dem Stadtteil Salahaddin konnte die Armee die gegnerischen Milizen verdrängen. Manche der Wohnhäuser sind zur Hälfte zerstört, in der anderen Hälfte leben Menschen, weil sie keinen anderen Platz haben. Beschädigte Busse sind entlang der Straße geparkt und werden neuerdings von Inlandsvertriebenen bewohnt, die vor dem Angriff der »Eroberungsfront« am Rande von Ramousseh gelebt hatten. Andere mehrfach Vertriebene leben in Moscheen, in Parks. Tausende sind in Gebäuden der Universität von Aleppo untergebracht.

Der Basar von Aleppo, einst ein magischer Ort, liegt in Trümmern.

»Gehen Sie zügig, folgen Sie den Anweisungen der Soldaten, die Sie begleiten. Das ist kein Spaziergang«, mahnt der diensthabende Offizier in der Altstadt von Aleppo. Sein Büro ist ein Hauseingang in einem zerschossenen Gebäude, ein Tisch, Stühle. Einige der Soldaten sind seit vier Jahren hier im Einsatz und haben ihre Familien seitdem nicht gesehen.

Raschen Schrittes geht der Soldat Joseph voran durch enge Gassen, steigt durch zerbrochene Wände, eine Treppe hinauf, eine hinunter, biegt um Ecken, überquert Höfe, eilt vorbei an einem vertrockneten Brunnen. Früher seien hier der Baumwollmarkt gewesen, der Manadil-Markt, wo die Frauen ihre schwarzen Schleier kauften, und der Goldmarkt.

Jahrtausendelang zog dieser magische Ort Händler und Kunden an, heute liegt der Basar von Aleppo in Trümmern.

Geschützt durch ein hohes, mit großen Tüchern bespanntes Gerüst wird im Laufschritt eine Straße überquert. Die Tücher schützen vor den Augen und Kugeln von Scharfschützen, wie der Soldat erklärt. Auf der anderen Seite des Gerüsts, nur wenige hundert Meter entfernt, liegt die Große Omayyaden-Moschee von Aleppo, im Herrschaftsbereich der bewaffneten Gruppen. Unterhalb der mächtigen Zitadelle von Aleppo halten wir vor den Trümmern des Carlton-Hotels an. Im Mai 2014 war es von Kämpfern der Islamischen Front mit einer gigantischen Explosion komplett zerstört worden. Unter den Trümmern liegen noch Tote, sagt der Soldat. Sie könnten nicht geborgen werden, weil die Front unmittelbar hinter dem zerstörten Hotel beginne.

Nur 30 Prozent der historischen Altstadt seien - wie die Zitadelle - unter Kontrolle der syrischen Armee, fährt er fort. Im restlichen Teil werden mehr als 4000 Kämpfer vermutet, »von den extremistischsten Gruppen«. Er selber sei hier, weil sein Bruder hier getötet worden sei. Er müsse ihn rächen, sagt Joseph. Das sei er seiner Mutter schuldig.

Das »Krankenhaus der Hoffnung« hat keine Ersatzteile für seine Technik.

Nicht weit von der südlichen Frontlinie entfernt liegt das Al-Rajaa-Krankenhaus, das »Krankenhaus der Hoffnung«, das von den Franziskanern in Aleppo unterhalten wird. Dr. Emile Katti ist leitender Chirurg, auf seinem Handy sind schreckliche Verletzungen dokumentiert, die er und das engagierte Team in den vergangenen Jahren erfolgreich operieren konnten. Ein Kind, das von mehreren Raketensplittern fast zerfetzt wurde, eine Frau, in deren Oberschenkel der Rest einer Rakete steckt. »Das sind die Folgen vom Beschuss der bewaffneten Opposition«, sagt Dr. Katti. »Warum berichten die Medien darüber nicht?«

Das Krankenhaus ist groß, sauber, eine ganze Etage ist gerade renoviert worden. Doch viele der medizinischen Geräte aus Westeuropa funktionieren nicht. Es gibt keine Ersatzteile, weil sie aufgrund der EU-Wirtschaftssanktionen gegen Syrien nicht geliefert werden. Wenn doch welche ankommen, kommen die Teile erst nach vielen Monaten über Libanon, was den Preis enorm in die Höhe treibt. »Und dann fehlen uns die Facharbeiter, die die Ersatzteile montieren können«, sagt Dr. Katti. »Unsere gut ausgebildeten Leute haben uns verlassen.«

Als kürzlich ein Mädchen mit schwersten Verletzungen eingeliefert wurde, war keine Zeit, um Blut ihrer seltenen Blutgruppe aus einer anderen medizinischen Einrichtung zu holen. Spontan erklärte sich einer der Ärzte in der Notaufnahme, der geeignet war, zu einer Spende für das Kind bereit.

Das Mädchen überlebte. »Hier fragt niemand nach dem Glauben des anderen, wir sind wie eine Familie«, sagt Dr. Katti und öffnet die Tür zu einem Aufenthaltsraum, in dem die Ärzte zusammensitzen. »Am Abend, wenn es ruhiger wird, bleiben sie hier, reden, spielen Karten, trinken einen Tee.« Wenn die nächsten Notfälle eingeliefert werden, stehen alle wieder an ihrem Platz.

Die christliche Gemeinschaft in Aleppo sei klein geworden, sagt der Franziskanerbischof von Aleppo, Georges Abu Khazen, der das Lateinische Vikariat leitet. Im östlichen Teil der Altstadt seien die Kirchen zerstört, die Christen von dort geflohen. »Die jungen Leute nehmen ihre Kinder und lassen die Eltern zurück. Wenn ein Elternteil stirbt, wird das Leben schwer, für den, der bleibt.« Im Seniorenheim »Haus der Freude«, das direkt neben dem Lateinischen Vikariat liegt, werden 52 alte und hilfsbedürftige Menschen - Männer und Frauen - von Schwestern des Mutter-Teresa-Ordens versorgt. Sie kommen aus Bangladesh und Indien, um den Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags eine Stütze zu sein. An diesem Septembernachmittag sind die alten Männer auf dem Hof, um eine kühle Brise zu erhaschen. Manche spazieren, andere sitzen auf ihren Stühlen und unterhalten sich leise. »Woher kommen Sie?«, fragt ein alter Herr freundlich in gutem Oxford-Englisch. »Herzlich willkommen! Werden Sie wiederkommen?«

Neben dem Seniorenheim und dem Hospital Al-Rajaa haben die Franziskaner einen großen Wohn- und Freizeitkomplex in einer ihrer ehemaligen Schulen eingerichtet. Der Unterricht wurde christlichen Gemeinden 1967 in Syrien untersagt, doch die Gebäude und Grundstücke wurden ihnen gelassen. Im Mai war eines der Gebäude von einer Rakete getroffen worden, sagt der Franziskanermönch Firas Lutfi. Sie schlug in einem Aufenthaltsraum ein, in dem alte Menschen zusammensaßen, deren Heim in einem anderen Teil der Stadt zerstört worden war. Eine Frau überlebte den Angriff nicht. Der Krieg zerstöre und verletze die Menschen äußerlich und innerlich, sagt Lutfi. Die Menschen seien depressiv, einsam, selbst junge Leute versuchten, sich das Leben zu nehmen, weil sie keinen Ausweg sähen. »Es muss endlich Frieden geben.«

Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, will der junge Architekt Elias Fannoun 100 Olivenbäume als Zeichen des Friedens auf »Terra Santa« pflanzen. Die Kampagne habe noch eine andere Botschaft, sagt Jamil Hammami, ein junger Unternehmer, der die Sache unterstützt. »Jeder Baum wird einem Menschen aus Aleppo gewidmet, der - freiwillig oder gezwungenermaßen - die Stadt verlassen hat«, erklärt er. »Jeder Aleppiner soll wissen: Egal, wo du heute lebst, deine Wurzeln sind in Aleppo.«

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