Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Der Zorn der Bediensteten

Mit zwei Gerhart-Hauptmann-Stücken startet das Theater an der Parkaue in die Spielzeit

Gedrängel in der Kastanienallee. Kraftvoll startete das Theater an der Parkaue seine neue Spielzeit am Spielort Prater. Lässt sich wegen der Sanierung an der Lichtenberger Park᠆aue dort nur auf einer Bühne spielen, hat sich das Theater derweil in Prenzlauer Berg unübersehbar gemacht. Unüberhörbar an diesem Abend auch mit der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot.

Zwei Stücke von Gerhart Hauptmann eröffneten die Saison als Spektakel »Glanz und Dreck« vor ausverkauftem Haus. Mit den 90-Minuten-Fassungen »Vor Sonnenaufgang« und »Die Ratten« richtet sich die Aufmerksamkeit auf Anfang und Ende des Naturalismus in der deutschen Theatergeschichte. Das gesamte Ensemble war im Spiel und zeigte sich in Bestform. Fortan werden beide Produktionen für Zuschauer ab 16 Jahren einzeln zu sehen sein.

Für das Sozialdrama »Vor Sonnenaufgang«, das bei seiner Uraufführung 1889 am Berliner Lessingtheater einen Skandal ausgelöst hatte, übernahm Intendant Kay Wuschek die Regie. Gut inszenierte er die dumpfe Atmosphäre, die über dem Gutshof im schlesischen Witzdorf liegt. Durch Kohlefunde zu Geld gekommen, leben Bauer Krause und seine Familie im übergestülpten Neureichenglanz. Mag ein Lüster über ihnen hängen, Stil erlangten sie nicht. Ebenso wenig wie Glück. Der Alkohol frisst sie auf. Krause lässt keine Zeit verstreichen, seinem überraschend eintreffenden mittellosen Jugendfreund Loth Schnaps anzubieten, um selbst lostrinken zu können.

Dieser Loth aber ist Antialkoholiker. Wissenschaftliches Interesse führte ihn in das Dorf. Er will Ursachen des Unmuts armer Leute erforschen, die so »freudlos und gehässig« wirken. Davon will Krause nichts wissen, obwohl er nicht bis zu grimmig durch den Ort ziehenden Bergleuten müsste. Zorn könnte er bei klarem Blick schon in den Gesichtern seiner Bediensteten sehen. Der Regisseur lässt dies kurz und eindringlich durch Diener Eduard zeigen, der hier - männlich gekleidet mit rosa Kittel - zugleich Hausmädchen Mimi ist. Wuschek hat die Zahl der Rollen mehr als halbiert, was den Blick auf die Figuren verstärkt. Intensiv ist der Ausbruchversuch von Krauses Tochter Helene aus erster Ehe dargestellt, die sich mit ihrer Liebe zu Loth einen Ausweg verspricht. Doch der macht sich angesichts deutlicher Degeneration und Kindstode bei den Krauses davon. Tragisches Ende vor Sonnenaufgang.

Schmückte Ausstatterin Dorothee Curio das Bauernhaus mit ein paar fürs Neureiche glitzernden Utensilien, bleibt die wie ein abwärts kippender offener Karton wirkende Bühne kahl bei der 22 Jahre später entstandenen, bekannteren Tragikomödie »Die Ratten«. Auch hier geht es inhaltlich abwärts. Doch in Katrin Hentschels Inszenierung weht ein anderer Wind. Handlungsort ist eine Mietskaserne nahe dem Alexanderplatz. Die Bewohner haben Herz und Schnauze. Nunmehr geht es in Berliner Tempo und Dialekt weiter - in heutiger schriller Kleidung.

Bei aller kriminellen Energie und Tragik ist das Stück - wie das erste ausgezeichnet gespielt - kurzweilig, wenn gleichfalls mit tragischem Ende. Unglück verbindet hier, selbst wenn sich der Eine oder Andere in seltsamem Stolz zeitweise als etwas Besseres sieht. Not kennt kein Gebot. Da nimmt man sich eben das Neugeborene von einer, die noch tiefer im Dreck sitzt.

Das Drumherum machte das »Spektakel« aus. Vorher, nachher, in der Pause. Im »Kabinett« eine Treppe höher leisteten Schauspieler Aufklärung aus der Naturalismus-Zeit. Dekoriert mit »erjagten Tieren«, gemäß Helenes Klagen im ersten Stück über ständiges »Jagen und Trinken« der reichen Bauern. Keine Schnapsidee: Gut gefüllte Gläser entlarvten hier wie unten auf der Straße die Anziehungskraft des Alkohols. Doch hier predigte man nicht nur Wasser. Es gab welches.

Mitgefühl, ließ sich im Kabinett unter anderem hören, bringe den Fortgang der Gesellschaft in Gefahr. Ist nicht passiert. Erbost über die Enge auf dem Gehweg in ihrer Straße zieht mir eine geschäftige Dame murrend ihren Rollkoffer hart über die Füße, während Schauspieler den von Hauptmann genutzten Vortrag »Die Alkoholfrage« des Physiologen Gustav von Bunge wiedergeben, mit dem er 1886 Aufsehen erregte. Wie sich schnell herausstellte, ist der noch aktuell. Hundertprozentig.

Weitere Vorstellungen: »Vor Sonnenaufgang« wieder ab 29.9., »Die Ratten« ab 30.9., jeweils 18 Uhr, Prater, Kastanienallee 7, Prenzlauer Berg

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln