Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Vermittler im Jahrhundertkonflikt

Israels ehemaliger Staats- und Regierungschef Peres mit 93 Jahre gestorben

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 3 Min.

Bis zum Schluss war Schimon Peres politisch aktiv gewesen: Für das von ihm gegründete Peres Center for Peace bemühte er sich um einen Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern; immer wieder vermittelte er auch zwischen den oft fest gefahrenen Positionen in der stark zersplitterten politischen Landschaft Israels. »Wenn Peres etwas sagt, dann hört man besser zu«, sagte Regierungschef Benjamin Netanjahu vor einem Jahr, während andere halb im Scherz, halb im Ernst die Frage erörterten, ob Peres es noch mal versuchen werde, als Premierminister.

Denn seine Gesundheit, seine Agilität waren in Israel über Jahre hinweg von einer nahezu mystischen Aura umgeben; erst wenige Monate vor seinem Tod hatte er erstmals mit ernsten gesundheitlichen Problemen zu kämpfen: Zunächst waren es Herz-Rhythmus-Störungen, dann musste ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt werden. Wenige Tage später erlitt er dann einen schweren Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte.

Peres wurde am 2. August 1923 als Szymon Perski in Wiszniew in Polen geboren und hatte im Verlauf seiner Karriere alle wichtigen Ämter des Staates inne: Er war zwei Mal Regierungschef, 47 Jahre lang Abgeordneter in der Knesset, gehörte als Minister zwölf Regierungen an, und war von 2007 bis 2014 Staatspräsident.

Zu seinen größten politischen Errungenschaften gehörten die Friedensverhandlungen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) Anfang der 90er Jahre. Zusammen mit dem damaligen Justizminister Jossi Beilin hatte Peres, der damals Außenminister war, mit Jasser Arafat die Osloer Verträge ausgehandelt. Arafat, Peres und der damalige, 1995 in Israel ermordete Premierminister Jitzhak Rabin, der erst zum Schluss von den Geheimerhandlungen in Norwegen erfuhr, erhielten dafür den Friedensnobelpreis.

Ein anderer Teil seines Wirkens spielte sich im Verborgenen ab: Während des Unabhängigkeitskrieges war Peres Chef des Seedienstes der Haganah, dem Vorläufer der heutigen Marine. Als Generaldirektor im Verteidigungsministerium schloss er 1957, lange vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur BRD, ein – geheimes – Abkommen mit deren Verteidigungsminister Franz Josef Strauß.

Überdies gilt er als Vater des israelischen Atombombenprogramms, dessen Existenz Israel bis heute nicht bestätigt hat – eine Position, die ebenfalls auf Peres zurück geht: »Wir waren eine bedrohte Nation, ohne das wir etwas hatten, mir dem wir zurück drohen konnten; das mussten wir ändern«, sagte er 2014 der Tel Aviver Zeitung »Jedioth Achronoth«. Aus seiner Sicht sei der Bau des Reaktors in der Nähe der südisraelischen Stadt Dimona »der erste Schritt auf dem Weg nach Oslo« gewesen.

Politisch war Peres, trotz seiner jahrzehntelangen politischen Aktivitäten weniger erfolgreich: Fünf Mal war er Spitzenkandidat der Arbeitspartei; nur einmal gelang es ihr mit ihm, stärkste Fraktion zu werden: 1984. Damals wurde die Arbeitspartei zwar stärkste Fraktion, schaffte es aber nicht, eine Regierung unter ihrer Führung zu bilden. Peres musste mit der Likud-Partei von Jitzhak Schamir koalieren, und sich mit Schamir auf dem Sitz des Regierungschefs abwechseln – ein Deal, der in der heutigen politischen Landschaft mit ihren knappen Mehrheiten eher mit Neid denn als Niederlage gesehen wird.

Über einen solchen Schatten zu springen habe nur Peres gekonnt, sagt Jitzhak Herzog, Vorsitzender der Zionistischen Union, einem Bündnis der Arbeitspartei mit der zentristischen Gruppierung HaTnuah. So schaffte es Peres auch, mit Jitzhak Rabin zusammen zu arbeiten, mit dem ihm eine jahrzehntelange Rivalität um die Führung der Partei verband: »Wir haben um Konzepte und die Menschen gekämpft,« so Peres 2014: »Mal war der eine, mal der andere vorn. Aber es gab immer eine Vision.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln