Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Satiriker_Innen*

Wie die »Bild«-Zeitung einen feministisch gemeinten Satireantrag der Flensburger LINKEN zum »GENDER-GAGA« umdeutete

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Momentan gibt es wohl keine wissenschaftliche Disziplin, die von konservativen Zeitgenossen so sehr unter Beschuss genommen wird, wie die Geschlechterforschung. Gegenüber Deutschlandradio Kultur warnte der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff jüngst, im Zentrum des Gender-Bashings stehe »eine entrüstete, hochmütige, nicht selten chauvinistische, stets pauschale Diffamierung der Geschlechterforschung«. Inzwischen gehöre dieses nur in den seltensten Fällen akademisch begründete Herumhacken zur Pflichtübung aller Rechtspopulisten.

Nicht nur in den Reihen von AfD-Anhängern wird mit der Warnung vor dem »GENDER-GAGA« eifrig der einfältige Volkszorn geschürt: Allen voran die Bild-Zeitung hat in dieser Woche eine Geschichte aus der norddeutschen Lokalpresse hervorgeholt, die alle Zutaten für eine Provinzposse hätte - würde sie denn stimmen. »Die Linke will männliche Geräte-Namen abschaffen«, titelte Bild.de. Auslöser für den vermeintlichen Aufreger war ein angeblicher Antrag der Flensburger LINKEN im Stadtrat, Arbeitsgeräte »künftig geschlechtsneutral zu benennen«. Aus »der Bleistiftanspitzer« sollte demnach im Sinne einer neutralen Sprache etwa »die BleistiftanspitzerIn« werden. Bild-Autor Ralf Schuler kann solchen »Sprach-Irrsinn« keinesfalls zulassen, stellt in einem Kommentar sogar einfach mal eben klar: »Es gibt Mann und Frau. Dabei wird es bleiben.«

Vielleicht hätte Schüler den Ergänzungsantrag gründlich lesen sollen, aber dann hätten wohl weit weniger Leser einen Wutanfall über die »Irre Gender-Posse im Flensburger Rathaus« bekommen. Schon der Titel »Von Damen, Frauen und anderen Wesen« hätten ein Hinweis sein können, bei den LINKEN nachzufragen, wie ernst es die Stadträte wirklich meinen. Die Kollegen von shz.de haben recherchiert, also in Flensburg einfach nachgefragt und die gesamte Vorgeschichte erzählt, die von »Bild« einfach unterschlagen wurde: Die LINKEN-Fraktionsvorsitzende Gabriele Ritter erklärt, dass dieser Ergänzungsantrag lediglich als Reaktion auf einen Antrag der freien Wählergemeinschaft »Wir in Flensburg« (WiF) gedacht war. Deren Weltbild blieb irgendwo im vergangenen Jahrhundert stecken. »WiF« fordert, den bisher üblichen Begriff »Ratsfrau« durch »Ratsdame« zu ersetzen. Aus Sicht Ritters ein Affront, mussten für die Durchsetzung der »Ratsfrau« doch vor nicht allzu langer Zeit erst endlose Debatten geführt werden, um die überholte Bezeichnung »Ratsherrin« abzulösen. Die Idee, künftig von »ComputerInnen« zu sprechen, war demnach ein satirische Reaktion, die die LINKE am Mittwoch übrigens zurückzog. Außerhalb explizierter Spaßparteien wie die PARTEI wird Satire von Politiker_innen* offenbar als solche nicht verstanden oder, im noch schlimmeren Fall, absichtlich missverstanden, weil es nicht in die Agenda passt.

Diesen Eindruck erweckt die »Bild«-Zeitung, die natürlich auf die »neuen« Hintergründe reagierte. In einer aktualisierten Fassung ihres Onlinebeitrags heißt es nun: »Die Linke ruderte indessen zurück, will den Antrag nun als Satire verstanden wissen.« Das wollten die Genossen von Anfang an, man hätte halt nur zur TelefonhöhrerIn greifen müssen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln