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Dokumente der Seele

Im Antiroman »Wischera« berichtet Warlam Schalamow von seinen Lehrjahren im Gulag

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 4 Min.

Fast zwanzig Jahre verbrachte der russische Schriftsteller Warlam Schalamow (1907-1982) in Gefängnissen, Zwangsarbeitslagern und in der Verbannung. Kindheit, Studium und ein Alter in Armut und Krankheit bildeten die eine Hälfte seines Lebens, die andere verlief in zwei Etappen unter den extremen Bedingungen des Stalinschen Zwangsarbeitssystems.

Mit der zweiten Etappe, die ihn ab Januar 1937 für siebzehn Jahre in die Hölle von Kolyma im äußersten Nordosten Sibiriens führte, dürften viele Leser seit dem Erscheinen deutscher Übersetzungen der zwischen 1954 und 1973 entstandenen »Erzählungen aus Kolyma« (von denen in der Sowjetunion bis zum Tode des Autors nicht eine einzige Zeile veröffentlicht werden durfte) vertraut sein. Nach ersten, noch unvollständigen Ausgaben bei Langen-Müller (1975), Ullstein (1983), Volk & Welt (1990) und Oberbaum (1996) brachten Matthes & Seitz von 2007 bis 2011 die sechs Zyklen der »Erzählungen aus Kolyma« in den vier Bänden »Durch den Schnee«, »Linkes Ufer«, »Künstler der Schaufel« und »Die Auferweckung der Lärche« in der kongenialen Übertragung durch Gabriele Leupold und kommentiert von Franziska Thun-Hohenstein heraus.

Weniger bekannt war bis jetzt die erste Etappe des Gulag-Aufenthalts, über die nun der Antiroman »Wischera« Auskunft gibt. 1924 zog es den Sohn eines Geistlichen aus Wologda nach Moskau, wo er 1926 ein Jurastudium (»Sowjetisches Recht«) begann, Gedichte schrieb und intensiv am geistig-kulturellen Leben avantgardistischer Künstlergruppen teilnahm. Am meisten faszinierten ihn die Positionen der »Linken Front der Kunst«, die Majakowski, Ossip Brik und vor allem Sergej Tretjakow vertraten, sowie die Prosa Boris Pilnjaks, in der er eine Fortsetzung der Schreibweise Andrej Belys sah. Politisch schloss sich Schalamow der »Linken Opposition« um Trotzki an, die nach seinem Verständnis eine »Leninsche Opposition« war.

Weil er Lenins »Testament« (Lenins Brief an den XII. Parteitag 1922, der vor einem Machtmissbrauch durch Stalin warnt) verbreitet hatte, wurde er im Februar 1929 verhaftet, in eine Einzelzelle des Butyrka-Gefängnisses gesperrt und zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt.

Bis Oktober 1931 arbeitete er in einer Holzfabrik am Fluss Wischera im Nordural, die zum Bereich des »Solowezker Lagers zur Besonderen Verwendung«, des ersten Straflagers der UdSSR, gehörte. Vorzeitig entlassen, übte er bis zur Rückkehr nach Moskau 1932 eine Tätigkeit beim Bau des Chemiekombinats Beresniki aus. »Wischera« umfasst neunzehn Skizzen und Erzählungen. Den zeitlichen Rahmen bilden zwei Texte über das Butyrka-Gefängnis, der erste datiert mit 1929, der andere ist ein später hinzugefügter Bericht über die zweite Verhaftung 1937. Elf Beiträge tragen als Überschriften die Namen von Orten und Personen, die Eckpunkte der Lehrjahre Schalamows im Gulag markieren.

Mit dem Aufbau eines Papierkombinats an der Wischera und eines Chemiewerkes in Beresniki, in denen die Häftlinge als billige Arbeitskräfte eingesetzt wurden, entwickelte sich das Lager zu einem Ort der »Umschmiedung«, wie die Zwangsarbeit Anfang der dreißiger Jahre verschleiernd genannt wurde. Der Betrieb solcher »Arbeitsbesserungslager« wurde auf eine »geschäftsmäßige Basis« umgestellt.

Auch der gerade 22 Jahre alte Schalamow, politisch ein Gegner Stalins, aber ein loyaler Bürger der Sowjetunion, ließ sich überreden, als Vorarbeiter an der Verwaltung des Lagers Wischera mitzuwirken, gehörte wie andere Insassen, die kleinere Aufgaben übernahmen, zu dessen »Rädchen und Schräubchen«. Ihm blieb nicht verborgen, dass die großen Chefs, wie Matwej Berman (ab 1932 Leiter des Gulag), Eduard Bersin (1932/37 Leiter der Straflager an der Kolyma) oder Alexander Majsuradse (ab 1932 Leiter der Registrierungs- und Verteilungsabteilung der nordöstlichen Arbeitslager), durchweg Funktionäre des NKWD waren, die wenig später in Kolyma die Ausbeutung der Häftlinge organisierten. Die meisten von ihnen wurden im Zuge des Großen Terrors 1938/39 selbst als »Volksfeinde« oder »Spione« angeklagt und erschossen.

Bitter resümiert Schalamow in der Erzählung »Im Lager gibt es keine Schuldigen« gegen Ende des Buches: Das Lager »ist ein Abdruck unseres Lebens, und nichts anderes kann es sein ... Hier gibt es nichts, das es in Freiheit nicht gäbe, in seinem Aufbau, sozial wie geistig.«

Der Antiroman »Wischera« entstand zwischen den 1950er und 70er Jahren, in denen Schalamow auch an den »Erzählungen aus Kolyma« arbeitete und seine Vorstellungen von einer »neuen Prosa« zu begründen suchte. Er war fest davon überzeugt, das Lager sei eine negative Erfahrung für alle - Natschalniks, Häftlinge und Leser. Über das Lager sollten nur Menschen schreiben, die in der Behandlung dieses Themas keine literarische Aufgabe sehen, sondern einem sittlichen Imperativ folgen, Teilnehmer am Drama des Lebens sind, »Pluto, der der Hölle entsteigt, und nicht Orpheus, der in die Hölle hinabsteigt«. Nur so erscheine das selbst Durchlittene auf dem Papier als »Dokument der Seele«.

Der Roman sei tot (Schalamow meinte damit den »antipuschkinschen moralpredigenden beschreibenden Roman«, wie er in einem Brief an seinen Freund Julij Schrejder formulierte). In Abgrenzung von Lew Tolstoi und noch mehr von Alexander Solschenizyn sollte die »neue Prosa« auf jede Form der Belehrung, Biografien, Charaktere mit Vergangenheit und Zukunft sowie Beschreibungen aller Art verzichten. Nur wenn der Schriftsteller »mit dem eigenen Blut« schreibe, erwerbe er auch »das Recht zu urteilen«.

Warlam Schalamow: Wischera. Antiroman. Aus dem Russ. von Gabriele Leupold. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein. Werke in Einzelbänden, Band 6. Matthes & Seitz. 272 S., geb., 22,90 €.

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