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Für einen allumfassenden Frieden

Kolumbien braucht ein Abkommen der Gegenwart mit einem Blick für die Zukunft

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Umgeben von einigen hundert Menschen im Bolívar-Park von Ibagué in Kolumbien, die um mich herum Versammelten betrachtend, frage ich mich, was der Frieden für ein Land bedeutet, das seit seiner Gründung von so grausamen Kriegen betroffen ist. Einer der schlimmsten internen Konflikte, der über 50 Jahre gedauert hat, kommt hier zu seinem Ende. Diesen Sonntag wird in Kolumbien in einem Referendum über die Annahme des Friedensvertrages abgestimmt.

Es ist ohne Zweifel ein historischer Augenblick. Schwierig in seinen tatsächlichen Auswirkungen zu verstehen, erfordert sein so herbeigesehntes Ergebnis große und komplexe Anstrengungen in unterschiedlichen Bereichen. Vielleicht sind es genau diese schwere Last der enormen Verantwortung und natürlich die Erinnerung an die Hunderttausenden von Opfern und Gräueltaten dieses Krieges, die jeden Enthusiasmus verstummen lassen. Über 20.000 Kriegstage und mehr als 200.000 tote Brüder und Schwestern wiegen schwer. Vielleicht sind es auch Misstrauen und Unglauben, die sich auf den Gesichtern der großen Mehrheit derjenigen widerspiegeln, die hier im Park auf einem riesigen Bildschirm die Unterzeichnung des in Havanna ausgehandelten Friedensabkommens verfolgen.

Um den Frieden in Kolumbien voranzubringen, muss die Gesellschaft ihr Gedächtnis einer kritischen Befragung unterziehen. Es geht nicht darum, die Vergangenheit durch die Vergangenheit neu zu bilden. Es braucht ein Abkommen der Gegenwart mit einem Blick für die Zukunft. Damit dies gelingt, muss eine andere, nicht hegemoniale Geschichte erzählt werden. Aus vielen Erinnerungen heraus, damit Kolumbien das Geschehene verarbeitet und es nicht zu einem neuen Krieg kommt, wie es schon so oft in seiner Geschichte geschah.

Hat die Begeisterung in Tolima, diesem entlegenen Winkel Kolumbiens, durch Abwesenheit geglänzt, so war das Fehlen des Umweltthemas bei den Unterzeichnungsfeierlichkeiten zum Waffenstillstand noch auffälliger. Nicht ein einziges Mal ist das Leiden der Mutter Erde in diesem jahrzehntelangen Konflikt zur Sprache gekommen. Weder in den Reden des kolumbianischen Präsidenten noch des FARC-Führers war die Umwelt Anlass zur Sorge.

Hat die Bevölkerung die Brutalitäten des Krieges erlitten, so erlebten Natur und Umwelt das Schlimmste. In vielen Teilen dieses überwältigenden Landes hat der Krieg eine Natur zurückgelassen, die einem zerstückelten Körper gleicht. Nicht nur Bomben und Granaten haben ihre Spuren hinterlassen. Gewaltsam war auch die Durchsetzung eines extraktivistischen Modells, vor allem im Energie- und Bergbaubereich, das inmitten der bewaffneten Auseinandersetzung mit aller Kraft durchgesetzt wurde. Brutal war die Abholzung und vor allem die Ausweitung von Monokulturen, die im Schatten des Krieges weiter voran ging. Sei es der illegale Anbau der Koka-Pflanze durch die unterschiedlichen Akteure, die mit dem rücksichtslosen Versprühen von Agrargiften vernichtet werden sollten. Seien es die legalen Plantagen der afrikanischen Ölpalme, um nur zwei Beispiele zu nennen. Diese Agrarflächen wurden durch gewaltsame Vertreibung der Bauern erzwungen, die ihre Ländereien verlassen mussten, oft waren mächtige Unternehmer die Nutznießer. Was nicht vergessen werden darf: Der Krieg hat rund sieben Millionen Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land gemacht, die meisten Geflüchteten arm und vom Lande. Erinnert werden muss auch an die Kriminalisierung und Unterdrückung sozialer Bewegungen durch die Kriegslogik. Oder die Massaker an ArbeiterInnen durch rechtn Paramilitärs. Mit den Worten des Sängers León Gieco, der Krieg ist »ein großes Monster, das die Unschuld der Menschen mit aller Kraft niedertritt«.

Der Frieden muss also auch einen Weg der Versöhnung mit der Mutter Natur beschreiten. So fordern es jedenfalls die Bewegungen der Bauern und Indigenen und viele Öko-Organisationen. Die Erinnerung ist nicht vollständig, wenn dieser Aspekt des Krieges nicht beachtet wird. Die Versöhnung mit der Natur kann auch dazu beitragen, dass nach dem endgültigen Kriegsende einem neuen, ungebremsten Bergbau- und Erdöl-Extraktivismus Tür und Tore geöffnet werden. Denn dies scheint eine der neoliberalen Interessen zu sein, die sich hinter den Friedensabsichten der Regierung verstecken.

(...) Die ausgebeutete, vergiftete, militarisierte und privatisierte Natur ist tiefe Ursache für viele Formen der Gewalt. Genauso, wie die riesigen und weiter wachsenden Kluften zwischen Reichen und Armen, eine der Hauptgründe für den kolumbianischen Krieg.

Es muss klar sein, dass der Frieden über das Schließen der sozialen Spaltung gelingen kann, wobei ein Schritt die Durchführung einer echten Agrarreform ist. Um die Umweltzerstörung aufzuhalten, muss die Fracking-Erdölförderung in San Martín del Cesar oder der Mega-Bergbau von La Colosa in Cajamarca in Tolima untersagt werden, um nur zwei Paradebeispiele zu nennen. Was Kolumbien und die Welt brauchen, ist ein allumfassender Frieden. Die Unterzeichnung des Friedensabkommens vom Montag, dem 26. September, und das Referendum darüber diesen Sonntag sind sehr wichtig, aber reichen nicht aus. Erinnern wir uns, dass Frieden nicht durch Unterschriften kommt. Es ist viel mehr, wie der große Mahatma Gandhi: »Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Frieden ist der Weg.«

Übersetzung: Benjamin Beutler

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