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Lob der kalten Wut

Thomas Freitag über böse Zeiten, Umfragedemokratie und politische Fliegengewichte

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 8 Min.

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Thomas Freitag, was halten Sie von der alten Losung, böse Zeiten seien gut fürs Kabarett?
Dagegen habe ich mich immer gesträubt. Der Satz verleitet zum Zynismus.

Auch Zynismus sagt die Wahrheit.
Was heißt: böse Zeiten? Sicher, wir lernen zu wenig aus dem, was wir tun. Aber Zeiten sind nie immer nur böse, sondern immer auch gut. Alles geschieht doch gleichzeitig, das Zerstörende und das Erbauliche. Tausend Farben hat der Tag. Klar sehen und doch hoffen, das ist es für mich.

Was ist das Schwierigste am Kabarett?
Das, was auch das Schwierigste am Leben ist: über andere zu lachen und dabei zu begreifen, dass man selber gemeint ist. Also: andere zu kritisieren und sich dabei selber ins Visier zu nehmen. Brecht nannte das Denken eine der schönsten Vergnügungen. Das ist es aber nur, wenn es einen auch selber aufstört. Natürlich darf ich auf der Bühne nicht vergessen, dass Kabarett unterhalten soll, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man ein Programm nicht unbedingt nur mit einer fetzigen Pointe abschließen muss, sondern auch sehr ernst beenden kann. Entscheidend ist Glaubwürdigkeit.

Ist es komplizierter geworden, die Welt im Kabarett abzubilden?
Das System hält die Figuren, hält uns alle gefangen. Die Strukturen sind es, die aufgemischt werden müssen. Im Kabarett über nicht anwesende Politiker Witze zu machen, ist nicht mehr sehr politisch. Ross und Reiter zu nennen, ist mehr, als nur mit Namen zu jonglieren. In der politischen Realität gibt es im Moment leider keine Intelligenz, die wirklich so gestaltet und verändert, dass die Demokratie wieder überzeugt.

Was heißt: gestalten?
Dafür zu wirken, dass Verantwortungsgefühl wieder als Wert begriffen wird. Aber wir sind eine Freikaufgesellschaft, so wie wir eine Gesellschaft der Arbeitsteilung sind.

Martin Walser schrieb, Arbeitsteilung, also Spezialistentum, schuf Auschwitz.
Ja, jeder sieht nur seinen kleinen Bereich und betrachtet sich nicht als zuständig für das Ganze. Man möchte nur so viel wissen, dass man nicht in die Lage kommt, mehr wissen zu müssen. Die Politik insgesamt kauft sich frei von ihren Verpflichtungen, Eltern kaufen sich frei von Erziehung. Eine Gesellschaft, die nach immer mehr Sozialhelfern ruft, sorgt für die Verfestigung jener Bedingungen, die Sozialarbeiter erst nötig machen. Aber so viele Sozialhelfer werden wir am Ende nicht bekommen, wie wir durch das Weglassen von Haltung brauchen werden.

Verpflichtungen der Politik - welche fällt Ihnen spontan ein?
Spontan? Sie beschäftigt mich dauernd: dass die Politik sich der Wirtschaft unterworfen hat. Das ist dekadent!

In einem Ihrer Programme ließen Sie einen Bibliothekar Bücher in Geiselhaft nehmen - weil die Bibliothek geschlossen werden soll.
Ja, ein konservativ bräsiger Mann, der aber den Furor in sich trägt. Er hat kalte Wut. Das Wort habe ich mal von Christian Ströbele gehört, so beschreibt er sein Gefühl, wenn er an die Springer-Hetze der 68er-Zeit denkt. Lang vorbei, aber noch immer: kalte Wut. Ein schönes Wort - man ist zornig über die Verhältnisse, wird aber nicht mehr von Emotionen überwältigt. In der kalten Wut kommt der Verstand dem Gefühl zu Hilfe.

Wofür steht eine Bibliothek?
Dafür, dass fast alles Gute und Wahrhaftige und Lehrreiche gedacht ist. Ich sagte ja: Wir sind klug und wurden leider nicht ausreichend klug daraus. Das nennt man Geschichte.

Schon sehr früh gab es solche szenischen Bilder bei Ihnen: das Abendmahl als Sitzordnung eines Aufsichtsrats. Oder ein Rentner, der »Schappi« frisst.
Das war 1984 und löste Empörung aus. Heute grassiert sie und will auf unverschämte Weise eine Selbstverständlichkeit werden, an die wir uns gewöhnen sollen: die Armut. Als ich Kind war, gab es in der Kirche das Sarottimännchen, den kleinen Mohren, der nickte wohlgefällig, wenn man eine Spende ins Kistchen steckte. Jetzt kommen die Afrikaner selber, und wir machen erstaunte, angstvolle Augen: Ja, hat denn die Spende nicht gereicht? Früher wusste man in Afrika und anderswo nicht, wie wir auf Kosten der dortigen Bevölkerungen leben. Jetzt aber wissen›s diese Menschen - zur Information reicht ein Handy. Nun kommen sie und stellen Fragen, die uns nervös machen. Das ist die Globalisierung.

Sie haben gesagt, die digitale Revolution würde den Menschen die Seele auffressen. Aber ein Handy haben auch Sie.
Ich lebe in der Gesellschaft - und kritisiere sie. Ich leide am Hunger in der Welt - und während ich darüber spreche, esse ich ein Stück Kuchen. Das heißt: Man ist nichts Besseres, auch wenn man‹s vielleicht besser weiß.

Jede Errungenschaft bringt auch den Missbrauch hervor?
Davon ist keine Idee ausgenommen. Der Mensch bleibt beschränkt. Er will beherrschen und wird beherrscht. Was soll so wichtig an mir sein, dass ich 24 Stunden am iPhone hänge wie am Tropf? Es ist Verzicht auf Souveränität. Der Publizist Johannes Gross hat mal gesagt, wer immer erreichbar ist, der gehört zum Personal. Stimmt genau.

Welches war die Initialzündung für Ihre künstlerische Laufbahn?
Schon in der Schule habe ich Leute nachgeahmt - Hans Moser und den Papst.

Kann man sagen, Sie seien durch Willy Brandt zum Kabarett gekommen?
Kann man sagen, ja. Weil ich für Brandt und die sozial-liberale Koalition war, wuchs die Lust, die Gegner dieser neuen Ostpolitik anzugreifen. Brandt faszinierte junge Leute, wie es das nie wieder gab. Plötzlich befasste auch ich mich mit Politik. Als Helmut Schmidt Kanzler wurde, habe ich Trauerflor getragen!

Eine Ihrer Hoch-Zeiten, das war die Parodie deutscher Politikgrößen.
Aber nie als Selbstzweck, ich wollte Inhalte transportieren. Das waren damals Leute, aus dem Krieg gehäutet, die auf Suche gingen nach dem ganz Eigenen. Heute könnte Merkel die SPD übernehmen und Gabriel die CDU. Alles austauschbar.

Parodie reizt Sie nicht mehr?
Irgendwann war es mir zu langweilig, programmierte Lacher abzuholen. Ich bin kein Erfolgsbeamter. Ich glaube noch immer an den Zauber des Anfangs, der dort liegt, wo man Grenzen auslotet. Wer sich mit Brandt, Wehner und Strauß auseinandersetzte, was soll der mit all diesen heutigen Kleingrößen anfangen?! Der Blässe ist keine Gestaltungsfarbe abzugewinnen.

Tauber, Söder.
Ich vergreife mich nicht an Fliegengewichten. In den letzten lähmenden Jahren seiner Kanzlerschaft war zum Beispiel auch bei Kohl keine Botschaft mehr zu entdecken.

Was würden Sie als größten Fehler bei der deutschen Wiedervereinigung bezeichnen?
Eine neue Verfassungsdebatte, das wäre ein historisches Ereignis gewesen! Aber Westdeutschland hat sich nicht selber in Frage gestellt. So ist Ostdeutschland ein Abziehbild der Bundesrepublik geworden, die ein mehr oder weniger schlechtes Abziehbild der Amerikaner war. Es ist bitter, wenn Sieger nicht aufhören können, zu siegen.

Schillers Demetrius sagt: »Mehrheit ist Unsinn.« Aber die Mehrheit ist Grund und Motor der Demokratie.
Die Mehrheit ist sogar gefährlicher Unsinn, wenn dabei der Minderheitenschutz draufgeht. Man spricht mitunter vom schlichten Gemüt, und das klingt nach Sanftheit. Aber das sogenannte schlichte Gemüt kann auch ganz elend sein. Dann, wenn die Leute sagen: Das ist nicht mein Bier, und sie schlucken lieber ihre Meinung, wo doch Zivilcourage verlangt wird.

Aber sind die sogenannten Mitläufer nicht auch Sachwalter jener ausbalancierenden Trägheit, die eine Gesellschaft erst lebbar macht - weil durch sie Revolutionäre und Reaktionäre, auf Grund ihrer extremen Sehnsüchte, in der Mitte ausgebremst werden?
Ja, aber doch bitte nicht das Korsett mit dem Charakter verwechseln! Der Mitläufer hätte manchmal fast ein Argument auf der Zunge. Doch Zünglein an der Waage sein? Nee. Um nicht falsch verstanden zu werden - verstummt er.

Oder redet Unsinn.
In einem meiner Programme sagt ein Bürgermeister: »Europa ist eine gute Sache, aber man hätte es nicht in andern Ländern machen sollen.«

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Stimmung die Überzeugung abgelöst hat.
Wohlgemerkt: Es geht nicht um die Beschneidung des Rechts, alles sagen zu dürfen, aber zur Steuerung politischer Prozesse sollte man nicht jeden befragen. Fatalerweise jedoch - Sie brauchen bloß den Fernseher einzuschalten - ersetzt der Umfragewahn längst jene Meinungsbildung, die durch gemeinsames, öffentliches Denken in Gang gesetzt wird. Statt dessen wird getwittert und gepostet und online kommentiert - dagegen ist ein Abwasserstrom rein gar nichts.

Was ist für Sie Glück?
Wissen Sie, es gibt Leute, die träumen sich immerzu nur woanders hin. Deren Sehnsucht hechelt. Für mich besteht das Glück darin, es dort zu finden, wo ich bin.

Am liebsten auf einer Bühne?
Na klar. Oder als leidenschaftlicher Skipper auf dem Wasser.

Preisverleihung am 7.10., 19.30 Uhr, im Prater, Kastanienallee 7, Berlin-Prenzlauer Berg

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