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Die kurze Zeit der Toleranz

Der Band »Wir haben nur die Straße« dokumentiert die Reden auf den Leipziger Montagsdemonstrationen 1989/90

  • Von Ralph Grüneberger
  • Lesedauer: 6 Min.

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Der Titel dieser im Auftrag des Archivs der Bürgerbewegung Leipzig von Achim Beier und Uwe Schwabe herausgegebenen Dokumentation erklärt sich bereits mit dem Plakat, das am 30. Oktober 1989 von Montagsdemonstranten über den Ring getragen wurde und für das Buchcover reproduziert wurde: »Ihr habt die Armee + Polizei + Staatssicherheit - Wir haben nur die Straße«. Und sie war umstritten, die Straße.

Liebend gern hätten Führungskräfte aus Staatspartei und Regierung, desgleichen selbst Kirchenleute und »Stadtväter«, ein Umleitungsschild aufgestellt: »Weitergehen unerwünscht!« Denn kaum hatten sich in den Kreis- und Bezirksstädten, allen voran in der Messestadt, die Montagsdemonstranten ihren Weg gebahnt und die Straße und nicht mehr den kirchlichen Raum oder Vorraum als Protestort erkoren, traten eingesetzte und selbst ernannte Regisseure auf den Plan und verlautbarten: »Der Dialog, bitte schön, findet im Saale statt!« Dialog war eines der Hauptwörter in dem (für damalige Zeiten mutigen) Aufruf der »Leipziger Sechs«, die den Gewandhauskapellmeister Kurt Masur zu ihrem Sprecher bestimmt hatten.

Allesamt waren sie am 9. Oktober 1989 von der Furcht getragen, der Leipziger Karl-Marx-Platz könne ein zweiter Pekinger Platz des Himmlischen Friedens werden und Panzer jedweden Protest zermalmen, nachdem bereits zwei Tage zuvor, am »Republikgeburtstag«, im Leipziger Stadtzentrum Menschenansammlungen mit brutaler Polizeigewalt verhindert und aufgelöst worden waren. Der Aufruf der »Leipziger Sechs«, zu denen, das sei immer wieder betont, drei Bezirkssekretäre der SED gehörten, ist nicht nur Bestandteil dieses Dokumentenbandes, sondern Auftakt. Stützen konnten sich die Herausgeber der 93 (von 127 ermittelten) Redebeiträge dabei oftmals auf Tonaufnahmen, z. B. Mitschnitte des Leipziger Stadtfunks oder das Material verschiedener Fernsehanstalten.

Wichtig war im Herbst 1989 - und das ist keine Floskel, denn das darauffolgende Frühjahr gehörte dann schon den Parteien - die Rolle des Neuen Forums, dem ab dem 23. Oktober das Veranstaltungsmanagement zukam. Dessen Redner Jochen Läßig war eine Zeit lang als eine Art Moderator zu vernehmen, der nicht müde wurde, die Zulassung dieses noch un- oder kaum organisierten Gefüges zu fordern. Einer Plattform, der dann kaum mehr als ein Winter der Bedeutung beschert sein sollte.

Wer sich erinnert, weiß, dass bei den Montagsdemonstranten anfangs Menschen zu Wort kamen, die offenbar selbst erschrocken waren, dass sie plötzlich Tausenden von Menschen gegenüberstanden, die meist nicht viel mehr als ein Spruch oder ein Sprechchor verband. Manche von ihnen wollten deshalb schnell einen Schlusspunkt setzen und den Geist, den andere für sie im Chor oder sie selbst im Vier-Augen-Gespräch mit Vertrauten hervorgerufen hatten, zurück in die geordnete Architektur von vier Wände zu verbannen.

Manfred Brendel, seines Zeichens Bezirksvorsitzender der Liberaldemokratischen Partei, »versichert« am 16. Oktober 1989 die Diskussion fortzusetzen, »aber bitte nicht auf der Straße«. In ähnlichem Ton sprachen der Generalintendant der Leipziger Bühnen Karl Kayser (»es muss auch wieder Zeit zum Nachdenken sein«), Lothar Rathmann von der Karl-Marx-Universität sowie der Brigadier Georg Rathmann. Geschlossen versuchten sie, die Dimension kleinzureden: »Wir sind es gewohnt, Probleme im Arbeitskollektiv zu beraten und durch eine qualitäts- und termingerechte Arbeit auf der Baustelle zu beweisen … Wir brauchen keine Demonstrationen, wir brauchen den sachlichen Dialog am Arbeitsplatz.«

All jene waren gut beraten, die diese Töne im Ohr behielten, der zunehmenden Dunkelheit und dem nasskaltem Herbstwetter trotzten und sich Montag für Montag wiederum auf dem Leipziger Ring einfanden. Denn die Zahl der Beschwichtiger wuchs. Aber so sehr diese auch darum rangen, das Vertrauen war einfach nicht mit den üblichen Floskeln zurückzugewinnen. Die Verhältnisse waren zerrüttet. Die eingeschränkte oder fehlende Berufs-, Meinungs-, Wahl- und Reisefreiheit und vor allem der ungehemmte Raubbau an der Natur und ihren Ressourcen hatten in der Landschaft, den Straßenzügen und in den Biografien der Menschen deutliche Spuren hinterlassen.

Sich auf die Straße zu wagen, war das ihnen einzig mögliche. Auch wenn sie gewahr wurden, nach dem 9. Oktober noch immer als Störer der Ordnung bezeichnet zu werden, denen es nicht anstünde, die »Internationale« zu intonieren. Doch Woche um Woche spitzte sich die Lage im Lande weiter zu. Nach dem »Zug in die Freiheit« füllten sich die Botschaften in Polen und der ČSSR erneut. Der Flüchtlingsstrom über Ungarn in den Westen riss nicht ab. Die SED-Führung gab vor, den DDR-Flüchtlingen »keine Träne nachweinen« zu wollen, und löste damit den Volkszorn aus. Das brachte immer mehr Menschen auf die Straße. Nach den geschätzten 70 000 am 9. Oktober waren es am 16. Oktober 100 000 Demonstranten, und die Zahl sollte sich am 23. und 30. Oktober jeweils auf 300 000 erhöhen. Bis sich in Leipzig drei Tage vor dem Mauerfall eine halbe Million Menschen mobilisierte.

Die Leipziger Straße des 18. Oktober bekam am 18. Oktober 1989, mit dem Rücktritt Erich Honeckers, eine weitere Bedeutung. Die offiziell als krankheitsbedingt deklarierte Rückgabe aller Ämter war das Ergebnis des auf Leipzigs Straßen aufgezeigten Protestes, der sich in vielfältiger und oft kreativer Weise tunlichst von den üblichen »Winkelementen« propagandistischer Prägung abhob. Die massenhafte Abstimmung mit den Füßen erwies sich als Quittung für die Fälschung des Ergebnisses bei der Kommunalwahl im Mai.

Über all das ist viel geschrieben worden, auch darüber, dass ein einziges ausgetauschtes Wort den ganzen Richtungswechsel zu bündeln vermag. Im Background von »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr« war binnen weniger Wochen aus dem Ausruf »Wir sind das Volk!« der Slogan »Wir sind ein Volk!« geworden. Und Redner, die vor der schnellen Vereinigung, die ja dann als reine Angliederung vollführt wurde, warnten, wurden ausgebuht und gingen der neuen Meinungsfreiheit verlustig. Das wäre selbst Literaturnobelpreisträger Günter Grass nicht erspart geblieben, der nicht viel später resümierte: »Fortan gehört der Osten weitgehend dem Westen.«

Ein weiteres macht diese dankenswerterweise vom Freistaat Sachsen geförderte Dokumentation, die außer dem Vorwort der Herausgeber mit Fotografien, Faksimiles, Register, Zeitzeugenberichten und einem Einführungstext von Tobias Hollitzer ausgestattet ist, zu einem wahren Fundus: Beigegeben ist ihr auf einer MP3-CD ein Mitschnitt, den Leipzigs Stadtfunktechniker ohne Kenntnis der am 9. Oktober 1989 im Leipziger Rathaus versammelten SED-Parteigruppenmitglieder angefertigt hat. Dank dieses Buches lassen sich nicht nur die Hoffnungen und Befürchtungen der Demonstranten und Besänftiger nachlesen, es lässt sich auch anhand des Beispiels des bis 1989 von der SED eingesetzten Leipziger Oberbürgermeisters Bernd Seidel exemplarisch ein Machtcharakter mit Bühnenreife finden: Heute hetz‘ ich, morgen lüg‘ ich und übermorgen klopf‘ ich beim Amtskollegen in Hannover an, dass er mir einen Job verschaffe.

Achim Beier/Uwe Schwabe (Hg.): Wir haben nur die Straße. Die Reden auf den Leipziger Montagsdemonstrationen 1989/90. Eine Dokumentation. 252 S., geb., s/w Abb., Audio-CD, 19,95 €. Unser Rezensent gab mit Bernd Lindner 1992 das Buch »Demonteure. Biographien des Leipziger Herbst« heraus.

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