Begegnungen auf einer Zugreise

17 Stunden von Tbilissi in Georgien nach Baku in Aserbaidschan. Von Jens Malling

Der Zug setzt sich mit einem Ruck in Bewegung. Sofort enden die hektischen Aktivitäten der Händler, die auf der Plattform Wasserflaschen, Brot und Zeitungen für die Fahrt verkauften. Das Zugpersonal, in beeindruckenden Uniformen mit einer imponierenden Anzahl von Sternen auf den Schultern, hat die Fahrkarten geprüft und sichergestellt, dass alle Passagiere sich in den ihnen zugeteilten Coupés befinden. Zwei Bettler verlassen den Bahnsteig, um einen anderen Ort zu finden, wo die Menschen hoffentlich großzügig genug sind, ihnen ein bisschen Kleingeld zu geben. Auf einmal ist wie von Geisterhand das Wirrwarr von Beuteln, Taschen und Koffern auf dem Bahnsteig verschwunden. Träger rollen mit leeren Gepäckwagen davon. Zurück in der Luft bleiben nur die letzten Wünsche für eine angenehme Reise.

Der Zug Richtung Baku verlässt den Bahnhof in Tbilissi am späten Nachmittag. Auf den Schienen hoch über der georgischen Hauptstadt geraten goldene Kirchen von weit unten aus der Altstadt ins Blickfeld. Der Fluss Kura teilt sich in zwei Teile, gegenüber auf dem Sololaki Hügel hebt das Wahrzeichen Tbilissis, die 20 Meter hohe Mutter Kartlien, ihr Glas zum Abschied.

Es ist Zeit, die anderen Reisenden zu begrüßen. Unser Waggon hat internationales Flair: Neben Georgiern und Aserbaidschanern sind Polen, Franzosen, Russen, Amerikaner und Deutsche an Bord. Ein amerikanischer Afghanistan-Veteran erzählt, dass er »in the security business« in der aserbaidschanischen Hauptstadt arbeitet. In einem der Abteile stellen sich zwei junge polnische Brüder einer liebenswürdigen Dame mittleren Alters vor. Sie ist Professorin für Sprachen an der Universität Baku. Es dauert nicht lange, bis sie anfängt, den Brüdern einige aserbaidschanische Brocken beizubringen, damit sie sich am Reiseziel verständigen können.

Vier Personen reisen in jedem Abteil. Jeder Waggon hat einen Schaffner. So viel Personal sorgt für einen hohen Service. Bald schon wird die Bettwäsche in versiegelten Plastikbeuteln verteilt und Tee serviert. Während er abkühlt, erscheint vor dem Fenster eine Mondlandschaft mit Überbleibseln der sowjetischen Schwerindustrie. Ein Durcheinander von rostigen Rohren führt durch die Post-Apokalypse und umschließt riesige Fabrikruinen. Durch die Staubwolken sind matte Schornsteine erkennbar und längst ausgeschaltete Fließbänder. Vor ausrangierten Güterwagen grasen träge, gleichgültig und ruhig ein paar Kühe. Der Ort heißt Rustawi und ist ein Beispiel für den tragischen Verfall und den Niedergang, der nach der Auflösung der Sowjetunion begann - in Georgien ebenso wie in anderen Teilrepubliken.

Die großen Betonskelette aus der Ära des Sozialismus werden langsam von der Natur des Kuratals in den Hintergrund gedrängt.

Zwischen Akazien, Palmen, Pappeln und Pinien rollt der Zug weiter in Richtung Kaspisches Meer nach Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Am Horizont sind die dunkelblauen Silhouetten des Kaukasus als eine schmale Schleife zu erahnen. Gespräche über Herkunft und Reisepläne der Passagiere der verschiedenen Waggons gehen weiter, wenn der Zug hält und es Zeit für eine Zigarettenpause wird. Der Afghanistanveteran verpasst keine einzige.

Ein krasser Gegensatz zu den Häusern in den kleinen Dörfern sind die Bahnhofsgebäude im protzigen Stalinarchitekturstil aus den 40er und 50er Jahren. Diese sonderbare neoklassizistische Bauweise, die der Diktator bevorzugte, leuchtet weiß in der Dämmerung auf.

Die Professorin ist begeistert, als sie erfährt, dass die polnischen Brüder Baku zum ersten Mal besuchen, und sie ist sich sicher, dass beide einen guten Eindruck bekommen werden. Sie erzählt ihnen, dass dort viel in den letzten Jahren passiert ist. Denn: Um die Hauptstadt Aserbaidschans für die Eurovision im Jahr 2012 vorzubereiten, hatten die Behörden ernsthaft begonnen, die Stadt zu sanieren. Sie erlebte einen bis dahin nicht gekannten Bauboom.

Häufig passiert der Zug Güterwagen auf dem Nachbargleis mit schwarzen, klebrigen Flecken. Wörter wie »Petro«, »Neft« und »Benzin« sind darauf zu lesen und geben Auskunft darüber, woher das Geld für den Bau der neuen Wolkenkratzer Bakus stammt. Aserbaidschan verfügt über riesige Ölvorkommen. Sie haben das Land zu einer wirtschaftlich prosperierenden ehemaligen Sowjetrepublik gemacht. Aserbaidschan ist auch ein Land, in dem es die Machthaber sehr genau mit den bürokratischen Vorschriften nehmen, wovon die ausländischen Reisenden einen unvergesslichen Eindruck an der Grenze bekommen. Stundenland ziehen sich umfassende Pass- und Sicherheitskontrollen hin. Jeder Reisende wird fotografiert. Mit aggressivem Unterton befragt ein misstrauischer Zollbeamter, durchwühlt das Gepäck und beschlagnahmt einen Reiseführer mit dem Titel »Georgia, Armenia & Azerbaijan«. Der Name des Erzfeindes Armenien ist in Aserbaidschan tabu. Er ist eine Art Zauberformel für schwarze Magie, die nicht ausgesprochen oder niedergeschrieben werden darf - ähnlich wie der Name Israel in vielen arabischen Ländern.

Als der Zug sich nach endlosen Kontrollen endlich wieder in Bewegung setzt, ist es Zeit zum Schlafengehen. Der gleichmäßige Takt wiegt die Reisenden in die Nacht hinein, und sanft gleitet man hinüber in den Schlaf.

Der Blick durch das Fenster bei Tagesanbruch zeigt einen rosa Himmel hinter den Bergen. Die Nacht hat die Landschaft verändert, die nun felsig und karg ist, fast wüstenähnlich. Ölpumpen bewegen sich monoton. Sie heben und senken ihre insektenartigen Köpfe und saugen durstig den schwarzen Nektar aus dem Boden. In den Vororten von Baku tauchen zahlreichen Werbetafeln auf, auf denen der ehemalige Präsident Hejdar Alijew zu sehen ist. Der Vater des jetzigen Präsidenten Ilham Alijew gilt als Gründer des modernen Aserbaidschans. Mehrere Fahnen in den Nationalfarben blau, grün und rot zeugen von den starken Gefühlen der Aserbaidschaner für ihr Land. Der Zug erreicht sein Ziel Baku. Die Passagiere schwärmen in den Morgen aus.

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