Beschämend kleiner Frauenanteil

Nach wie vor gehen die wissenschaftlichen Nobelpreise vorwiegend an Männer

Bekanntlich wird der Nobelpreis nur in drei wissenschaftlichen Disziplinen vergeben: Medizin, Physik, Chemie. Eine Wissenschaft fehlt, obwohl sie als die exakteste überhaupt gilt: die Mathematik. Warum hatte Alfred Nobel nicht auch hierfür einen Preis gestiftet?

Gern wird erzählt, dass daran eine Frau schuld gewesen sei. Mal heißt es, Nobels Gattin habe ihren Mann mit einem Mathematiker betrogen. Was aber nicht sein kann, da Nobel ein Leben lang Junggeselle blieb. Andere richten ihren Blick auf die Russin Sofja Kowalewskaja, die als erste Frau weltweit zur Professorin für Mathematik berufen worden war. Ihretwegen, so das Gerücht, habe Nobel einen Mathematikpreis stiften wollen. Doch dann verliebte sich Kowalewskaja in den schwedischen Mathematiker Gösta Mittag-Leffler. Nobel war schockiert, und ehe er sein Testament verfasste, fragte er seine Berater, ob Mittag-Leffler ein potenzieller Preiskandidat sei. Als sie bejahten, erklärte er störrisch: »Dann gibt es keinen Preis für Mathematik!«

Die Geschichte ist zweifellos schön, aber wohl nicht wahr. In Wirklichkeit war Nobels Entschluss, die Mathematik bei der Preisvergabe auszusparen, nicht persönlich motiviert. Als Ingenieur und Praktiker wollte er vor allem das Experiment fördern. Die Mathematik hielt er nur für eine »Hilfswissenschaft«, die ihm nicht geeignet schien, die Menschheit voranzubringen.

Seit 1950 wird von der Internationalen Mathematischen Union - gleichsam als Ersatz für den nicht gestifteten Mathematiknobelpreis - alle vier Jahre die Fields-Medaille verliehen. Für die gibt es allerdings deutlich weniger Geld als in Stockholm, nämlich »nur« 15 000 kanadische Dollar. Außerdem ist die Fields-Medaille kein »Preis für Greise«. Sie geht ausnahmslos an aktive Mathematiker, die nicht älter sein dürfen als 40. Bisher wurden 56 Fields-Medaillen vergeben, fast alle an Männer. Nur eine Frau hat es bisher in den Olymp der Mathematiker geschafft, die Iranerin Maryam Mirzakhani, die 2014 die hohe Auszeichnung in Empfang nahm.

Auch unter den echten Nobelpreisträgern sind Frauen in der Minderzahl. Das zeigt sich besonders in der Sparte Physik. Insgesamt 203 Personen wurden seit 1901 mit dem Physiknobelpreis geehrt. Darunter waren zwei Frauen. Das entspricht einem Anteil von einem Prozent! Die erste Frau, die den Physiknobelpreis erhielt, war 1903 Marie Skłodowska-Curie, die sich bleibende Verdienste um die Erforschung der Radioaktivität erworben hatte. Eine Hälfte des Preises musste sie sich mit ihrem Ehemann Pierre Curie teilen. Die andere Hälfte ging an den französischen Physiker Henri Becquerel, den Entdecker der Radioaktivität. Die zweite und bislang letzte Frau, die einen Physiknobelpreis entgegennehmen durfte, war die in Deutschland geborene US-Amerikanerin Maria Goeppert-Mayer. Sie wurde 1963 zusammen mit dem deutschen Physiker Hans Jensen für den Nachweis der Schalenstruktur des Atomkerns ausgezeichnet.

In der Sparte Chemie liegt die Zahl der Nobelpreisträgerinnen nur geringfügig höher. Unter den insgesamt 174 Laureaten findet man derzeit vier Frauen (2,3 Prozent). An oberster Stelle wiederum Marie Curie, die 1911 für die Entdeckung der Elemente Radium und Polonium einen ungeteilten Nobelpreis erhielt. 1935 folgte ihre Tochter Irène Joliot-Curie, die zusammen mit ihrem Ehemann Frédéric Joliot-Curie »für die Synthese von neuen radioaktiven Elementen« ausgezeichnet wurde. Die bislang letzte Chemienobelpreisträgerin war 2009 die Israelin Ada Yonath.

In der Sparte Physiologie/Medizin hat sich das Nobel-Komitee zwölfmal für eine Frau entschieden (5,7 Prozent). Für ihre »grundlegenden Erkenntnisse über die genetische Kontrolle der frühen Embryonalentwicklung« wurde 1995 die Tübinger Biologin Christiane Nüsslein-Volhard geehrt. Sie ist damit die einzige Deutsche, die bis heute einen wissenschaftlichen Nobelpreis erringen konnte. Zwischen 2004 und 2015 kam es zu einer überraschenden Wendung in Stockholm. Gleich sechs Frauen erhielten den Medizinnobelpreis: drei US-Amerikanerinnen, eine Französin, eine Norwegerin sowie 2015 die Chinesin Tu Youyou, die eine neuartige Therapie gegen Malaria entwickelt hat.

Obwohl die Zahl erfolgreicher Frauen in der Wissenschaft seit Jahren steigt, gehen die Nobelpreise noch immer vorwiegend an Männer. Bleibt die Frage, warum das so ist. Mitunter wird behauptet, dass Männer über die besseren genetischen Anlagen verfügten, um Spitzenleistungen in den »harten« Naturwissenschaften zu erbringen. Das sei letztlich auch der Grund, warum sich nur wenige Frauen zutrauten, ein Studium der Mathematik oder Physik aufzunehmen. Dieser Erklärungsversuch ist ebenso untauglich und empirisch fragwürdig wie die Auffassung, die fundamentalen und damit nobelpreisträchtigen Themen würden vorrangig von Männern bearbeitet (Urknall, Higgs-Boson etc.), während Frauen sich mehr für Detailfragen interessierten.

Einer anderen Erklärung zufolge fehlt Frauen das nötige Aggressionspotenzial, um sich in wissenschaftlichen Konkurrenzkämpfen mit Männern durchzusetzen. »Frauen verweigern sich solchen Riten und werden schon deshalb ausgegrenzt«, meint die Hamburger Soziologin Ulla Fölsing und verweist darauf, dass die Stockholmer Nobel-Juroren heute vor allem kollektive Entdeckungen prämierten. Da jedoch die Zahl der Preisträger pro Sparte auf drei Personen beschränkt sei, stehe der Einzelne mehr denn je unter dem Zwang, sich in der Gruppe durchzusetzen, so Fölsing.

Es ist daher verständlich, dass eine erfolgreiche Biologieprofessorin vor Jahren allen Jungforscherinnen riet: »Seid frech, fordert, drängt und zeigt auch mal Territorialverhalten!« Andererseits kommen viele Frauen erst gar nicht dahin, sich in der Konkurrenz zu beweisen. Denn wie aus einer OECD-Studie hervorgeht, sind Frauen an der Ausarbeitung von Forschungsvorhaben weitaus weniger beteiligt als Männer. Und auch bei Projekt- und Drittmittelanträgen sowie Peer-Review-Verfahren zur Beurteilung der Qualität wissenschaftlicher Arbeiten erfahren sie häufiger eine Ablehnung als gleich qualifizierte männliche Bewerber. Dass sich unter diesen Umständen die männliche Dominanz im Forschungsbetrieb verfestigt, liegt auf der Hand ebenso wie die Tatsache, dass im Wettstreit um den Nobelpreis nach wie vor Männer über die einflussreicheren Seilschaften verfügen. Martin Koch

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