Stille Zwiesprache über Grenzen

In Neubrandenburg wird derzeit eine interessante Doppelausstellung gezeigt: der Maler Dettmar trifft auf Barlach

  • Von Winfried Wagner, Neubrandenburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Figuren heißen »Tanzende Alte«, »Der Zweifelnde« oder »Der Flötenbläser«. Sie lassen ihre Betrachter innehalten und nachdenken. »Die meisten Besucher lassen sich viel Zeit in der Ausstellung«, berichtet Gudrun Räuber in der St. Johanniskirche in Neubrandenburg. Der Backsteinbau am Rande der Innenstadt ist seit Anfang August Schauplatz der Ausstellung »Grenzen der Existenz«. Gezeigt werden 25 Figuren des Bildhauers Ernst Barlach (1870-1938) und 40 Arbeiten des vorrangig in Berlin lebenden Malers Alexander Dettmar (Jahrgang 1953). In einer Zwischenbilanz zeigt sich der katholische Pfarrer und Barlach-Kenner Felix Evers als einer der Ausstellungs-Initiatoren zufrieden: »Das ist jetzt schon ein Riesenerfolg«, sagt er. Allein bis Ende Septembern seien etwa 3000 Besucher gekommen.

Für Evers, der die Ausstellung zusammen mit der Hamburger Ernst-Barlach-Gesellschaft und der evangelisch-lutherischen Gemeinde von St. Johannis organisierte, hat die Ausstellung auch viel mit der Gegenwart zu tun. »Leid und Fragen der Existenz, die sind heute ganz aktuell«, sagt der Pfarrer mit Blick auf die Flüchtlinge und die kriegerischen Auseinandersetzungen in Nordafrika, in Syrien, in Irak oder in der Ukraine.

Evers stammt aus der Nähe von Rostock und war vor seiner Zeit in Neubrandenburg unter anderem in Ratzeburg (Schleswig-Holstein) tätig. Dort lebte Barlachs Familie längere Zeit. In Ratzeburg liegt der Bildhauer, der viele Jahre in Güstrow lebte und arbeitete, auch begraben. Barlach, dessen Werke die Nationalsozialisten als »entartete Kunst« aus allen Ausstellungen entfernen ließen, wird zu den wichtigsten Bildhauern seiner Zeit gezählt. »In Ratzeburg hatten wir solche Ausstellungen mehrfach, bei denen ein anderer Künstler den Arbeiten Barlachs gegenübergestellt wird«, erzählt Evers. Das sei nun erstmals auch in Neubrandenburg der Fall.

Einen »Brückenschlag über Generationen«, nennt der Vorsitzende der Hamburger Barlach-Gesellschaft, Jürgen Doppelstein, die Schau. So träfen die menschenleeren, auf wenige Farben und Formen reduzierten Stadtansichten Dettmars auf die stark konzentrierten und in sich ruhenden Figuren Barlachs.

Der aus Freiburg im Breisgau stammende Dettmar malt fast immer im Freien und hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, verlorene Kulturgüter vor dem Vergessen zu bewahren. So können Gäste in der Backsteinkirche auch die zerstörten jüdischen Synagogen von Neubrandenburg, Regensburg (Bayern) und Peine bei Hannover sehen, wie sie Dettmar darstellt. Außerdem hat er Berliner Grabmäler sowie Kirchen und dominierende Gebäude aus Lübeck, Wismar, Lüneburg und Malchin gemalt. Sie alle sind mit bestimmten Figuren Barlachs so arrangiert, dass sich der Betrachter Zusammenhänge vorstellen kann.

Für Evers gibt es aus dieser Schau heraus eine weitere Anregung. »Wir müssten die Kunst Barlachs eigentlich in alle Länder des Islam bringen«, sagt er. Wenn Frauen dort diese Arbeiten sähen, kämen sie ins Nachdenken über ihre eigene Situation. »Sie fragen sich: Wer bin ich eigentlich?«, ist Evers' Erfahrung. So kämen Menschen zu eigenen Schlussfolgerungen - und damit könne man viel mehr bewegen als mit plakativen Forderungen wie etwa nach einem Burka-Verbot.

Die Ausstellung wird von Veranstaltungen begleitet, darunter eine Lesung mit dem früheren Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Berndt Seite (CDU), am 18. Oktober. Die Schau endet am 31. Oktober mit einer feierlichen Finissage.

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