Vorschuss auf den Frieden

Kolumbiens Präsident Santos erhält den Nobelpreis »für seine resoluten Anstrengungen«

  • Von Bengt Arvidsson, Stockholm
  • Lesedauer: 3 Min.

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos ist Träger des Friedensnobelpreises 2016. Er wird »für seine resoluten Anstrengungen, den seit über 50 Jahren währenden Bürgerkrieg in seinem Land zu beenden«, ausgezeichnet. Dies teilte die seit Anfang 2015 amtierende norwegische Juryvorsitzende Kaci Kullmann Five am Freitag mit. »Der Krieg hat mindestens 220 000 Kolumbianer das Leben gekostet und fast sechs Millionen Menschen vertrieben«, sagte sie.

Der Nobelpreis solle auch als Würdigung aller Kolumbianer gelten, die die Hoffnung auf Frieden nicht aufgegeben haben, für alle Parteien, die zum Friedensprozess beitragen und der Angehörigen der unzähligen Opfer, heißt es in der Jurybegründung.

Santos war es in vierjährigen Verhandlungen gelungen, ein haltbares Friedensabkommen mit den FARC-Rebellen abzuschließen. Doch erst vor wenigen Tagen hat das Volk Kolumbiens dieses Abkommen in einem Referendum mit hauchdünner Mehrheit abgelehnt. Für das Abkommen war Santos auf die FARC zugegangen. Ihnen sollte die Möglichkeit gegeben werden, als politische Kraft im Parlament mitzuwirken. Auch Straferleichterungen wurden in Aussicht gestellt. Offiziell laufe der Waffenstillstand mit den Rebellen am 31. Oktober aus, hatte Santos verkündet.

Inwieweit der Nobelpreis respektlos gegenüber dem Volkswillen sei, fragten Journalisten nach der Preisbekanntgabe in Oslo. Kullmann Five betonte, dass das Volk nicht gegen Frieden per se abgestimmt habe, sondern nur gegen dieses konkrete Abkommen. Die Nobeljury hoffe, Santos mit dem Preis dabei zu unterstützen, trotz dieser Niederlage noch ein vom Volk unterstütztes Friedensabkommen zu verwirklichen.

Kullmann Five wurde auch gefragt, warum sie den Nobelpreis nicht zwischen den Konfliktparteien aufgeteilt habe, so wie einst zwischen Israel und Palästina, und ob die einseitige Vergabe nicht dem Friedensprozess in Kolumbien schade. »Es gibt viele Parteien in diesem Friedensprozess, aber Präsident Santos hat die Initiative ergriffen und sich dem Wunsch, ein Resultat zu erreichen, gänzlich verschrieben«, sagte sie.

Die führende norwegische Zeitung »Aftenposten« kritisierte die Einseitigkeit der Preisvergabe. Die FARC müsse nun die meisten Abstriche bei ihren Forderungen machen, da hätte ein geteilter Nobelpreis versöhnlicher gestimmt, so das Blatt. Santos selbst hatte sich der Nobeljury gegenüber überrascht und dankbar gezeigt. Die Auszeichnung habe unerhört große Bedeutung für den Erfolg des Friedensprozesses, sagte er laut Nobelsekretär Olav Njölstad. »Wenn das stimmt, ist es eine große Nachricht«, sagte auch der überraschte Jorge Torres Victoria von der FARC-Führung der schwedischen Agentur TT per Telefon.

Regierungschefs aus aller Welt, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, gratulierten dem kolumbianischen Präsidenten. Santos habe nicht nur seinem Land, sondern der ganzen Region »dringend benötigte neue Hoffnung verliehen, auf ein Ende des Blutvergießens«, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Dem Nobelkomitee in Oslo lag in diesem Jahr mit 376 Kandidaten, davon 228 Personen und 148 Organisationen, eine Rekordanzahl an Nominierungen für den Friedensnobelpreis vor. Der Friedensnobelpreis ist mit acht Millionen schwedischen Kronen (830 000 Euro) dotiert.

2015 hatte das norwegische Komitee die Friedensbemühungen des tunesischen Quartetts des nationalen Dialogs, einem Zusammenschluss aus Gewerkschaftsverband, Arbeitgeberverband, Menschenrechtsliga und Anwaltskammer, geehrt.

Die Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie waren seit Montag in der schwedischen Hauptstadt verkündet worden. Am kommenden Montag wird der Wirtschaftspreisträger bekannt gegeben. Der Träger des diesjährigen Literaturnobelpreisträger wird voraussichtlich am nächsten Donnerstag benannt.

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