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Kussmotiv als Leitmotiv

Die »Football Pride Week« in Berlin war das größte Zusammentreffen, das es zum Thema Homophobie im Sport je gab

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.

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Es war als einmalige Aktion geplant: »Fußballfans gegen Homophobie« - ein lilafarbenes Banner mit diesem Slogan, der Regenbogenfahne und einem Kussmotiv zweier Fußballer hing vor fünf Jahren bei einem Spiel von Tennis Borussia im Stadion. Die Fanszene des Berliner Vereins wollte ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen. Entstanden ist daraus eine große Bewegung. Am vergangenen Wochenende feierte die Initiative nicht nur ihren Geburtstag, sondern veranstaltete mit der »Football Pride Week« den weltweit größten Kongress zum Thema Homophobie im Sport. An diesem Montag wird sie ausgezeichnet: Am Vorabend des WM-Qualifikationsspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Nordirland erhält der Verein »Fußballfans gegen Homophobie« vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) in Hannover den Julius-Hirsch-Preis.

Christian Rudolph ist gestresst. »Diese Zigarette brauch ich jetzt«, sagt er. Wirklich durchatmen kann der 33-Jährige im Hof der Bundesgeschäftsstelle der Gewerkschaft ver.di in Berlin-Kreuzberg aber nicht. Dort wird bei der »Football Pride Week« drei Tage lang in mehreren Workshops und Konferenzen hart gearbeitet. Schon die Zeit davor war anstrengend. Ein halbes Jahr lang waren die Ausrichter damit beschäftigt, den Kongress vorzubereiten. Und jetzt, mittendrin, zwischen unzähligen Gesprächen und Telefonaten, denkt Rudolph an die Zukunft. Er zieht an seiner selbstgedrehten Zigarette und spricht über den Montag und die Verleihung des Julius-Hirsch-Preises: »Den nehmen wir stellvertretend für alle entgegen, die sich gegen Diskriminierung engagieren, andere Vereine, Verbände und Fangruppen.« Und: »Solch ein Preis und die öffentliche Anerkennung hilft uns natürlich dabei, den Druck auf die Fußballverbände zu erhöhen.«

Rudolph erzählt eine Erfolgsgeschichte. Das eigene Banner, das erstmals vor fünf Jahren im Dresdner Jägerstadion beim Relegationsabstiegsspiel des damaligen Oberligisten Tennis Borussia bei Borea Dresden zu sehen war, hing mittlerweile in 150 Stadien in Deutschland und 100 Stadien im Ausland. »Fanszenen oder Vereine fragen an, ob sie das Banner ausleihen und aufhängen können«, sagt Gründungsmitglied Rudolph: »An vielen Standorten sind damit auch Diskussionsveranstaltungen verbunden, die wir leiten oder an denen wir beratend teilnehmen.« »Fußballfans gegen Homophobie« ist weltweit zum Vorbild geworden. Alle Länder, in denen es eigene Ableger gibt, fallen ihm nicht auf Anhieb ein. Schweden, Norwegen, Österreich, Schweiz, Mexiko, USA zählt er auf. Das Logo ist überall das gleiche: zwei Fußballer, dazu manchmal auch zwei Fußballerinnen, die sich küssen. Der Schriftzug »Fußballfans gegen Homophobie« ist in die Landessprache übersetzt.

Wie schwer es immer noch ist, für die Rechte und gegen Diskriminierung schwul-lesbischer Sportler, Sportlerinnen und Fans zu kämpfen, erfährt man auf der »Football Pride Week«. Allein ein sehr wichtiger Grund für deren Ausrichtung belegt das: »Weil niemand mit uns den Dialog sucht, suchen wir eben mit dieser Veranstaltung den Dialog mit Fußballvereinen und Fußballverbänden«, so Rudolph. Ob nun Homophobie oder andere Fanrechte, er stellt fest: »Fußballfans werden immer noch nicht ernst genommen.« Die meisten Vereine würden immer noch oft erst nach Vorfällen und Übergriffen reagieren und selbst dann nicht adäquat, Verbände beließen es meist bei plakativen Aktionen und warmen Worten, die ohne große Wirkung blieben.

Enttäuscht wurden die Ausrichter des Kongresses auch diesmal. Eingeladen waren alle Vereine von der ersten bis zur dritten Liga, gekommen sind zehn. Immerhin: Der DFB und der europäische Fußballverband schickten Vertreter nach Berlin. »Was ist politisch?«, fragt der Abgesandte der UEFA auf der Podiumsdiskussion am Freitag ins Auditorium und gibt die Antwort selbst: »Die Regenbogenfahne ist politisch.« Da die UEFA jede politische Meinungsäußerung in Stadien verbietet, führt die Diskussion nicht weit. Die Einwände der Kongressteilnehmer, mehr als 200 aus 21 Nationen, dass die große Antirassismuskampagne der UEFA auch politisch sei, sind schlüssig. Doch im Kampf gegen Homophobie, eine oft sehr gefährliche Form der Diskriminierung in Fußballstadien, hält sich der europäische Verband weiter zurück.

»Wir werden von der Regierung und von der Gesellschaft unterdrückt«, erzählt Elvina Yuvakaeva in einem Workshop. Die Russin lebt in ihrer Heimat als bekennende lesbische Sportlerin und ist Vizepräsidentin des Russischen LGBT-Sportverbandes, der für die Rechte lesbischer, schwuler, bisexueller und transsexueller Athleten eintritt. Sie berichtet von Angriffen auf schwul-lesbische Sportfeste, Einschüchterungen durch Sicherheitsorgane und dass die großen Medien diese Probleme komplett ignorieren. Der Workshop beschäftigt sich mit der kommenden Fußball-WM 2018 in Russland. Elvina bittet: »Kommt und unterstützt uns.«

Einen Boykott, wie vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi diskutiert, hält keiner der Teilnehmer für sinnvoll. Daniela Wurbs, Koordinatorin von Football Supporters Europe (FSE), leitet den Workshop. Sie erzählt von der Gründung der »Sport and Rights Alliance« vor einem Jahr, in der sich Fanorganisationen, internationale Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen zusammengeschlossen haben, um gemeinsam größeren Druck auf die Fußballverbände ausüben zu können. Eine Forderung, die alle als sinnvoll und gewinnbringend ansehen, formuliert Wurbs: »FIFA und UEFA müssen die Verträge mit den WM-Gastgebern ändern und die LGBT-Probleme in ihre Antidiskriminierungsprogramme aufnehmen.« Dass der Weltverband seine Teilnahme an diesem Kongress absagte und nur eine Grußbotschaft per Video sandte, ist ein ebenso schlechtes Zeichen wie die Tatsache, dass er Ende September seine Task Force gegen Rassismus aufgelöst hat.

Von Problemen im Ausland kann auch Christian Rudolph berichten. Der erste internationale Ableger von »Fußballfans gegen Homophobie« wurde in Schweden gegründet. »Die Leute in Malmö schaffen es aber nicht, sich wirklich zu vernetzen.« Den Grund, warum die Initiative in Deutschland in nur fünf Jahren viele Unterstützer gewinnen konnte, sieht er darin, dass die Fußballfans hier viel politischer seien. »Vor allem die Ultras haben sehr viel für Antidiskriminierung und Antirassismus in den Stadien getan.« Seine Meinung ist auch ein Fazit der »Football Pride Week«: »Vereinen und Verbänden fehlt immer noch der Wille, sich ernsthaft mit diesen Problemen auseinanderzusetzen.«

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