Werbung

Vegetarier kaufen nicht beim Metzger

Vertreter der Ökostromanbieter Naturstrom und Lichtblick im Gespräch über neue Konkurrenz durch alte Energiekonzerne

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Planen E.on, RWE und Co. einen ernsthaften Umstieg weg von den fossilen Großkraftwerken und hin zu den erneuerbaren Energien? Woran erkennen Sie, dass dies der Fall oder eben nicht der Fall ist?
Banning: Wir haben aufgrund der Erfahrungen der Vergangenheit zumindest eine große Portion Skepsis, dass sich da ernsthaft etwas ändert und dezentrale und bürgernahe Versorgung zum Thema werden. Die Konzerne werden rein aus ökonomischer Zielsetzung weiterhin auf zen-trale Strukturen und Großkraftwerke wie Offshore-Windparks setzen und auf internationale Märkte, in denen mehr zu verdienen ist.
Kampwirth: Natürlich wollen die Konzerne jetzt mit Ökostrom Geld verdienen. Aber sie wollen auch ihre alten Pfründe retten. Darum betteln sie in Berlin weiter um noch mehr Förderung für alte Kohlekraftwerke. Darum wollen sie möglichst wenig für die Entsorgung des Atommülls zahlen. Und darum hat zum Beispiel RWE die Merkel-Vertraute Hildegard Müller als Lobbyistin für das Stromnetz geholt. Müller soll bei der anstehenden Reform der Netzfinanzierung dafür sorgen, dass die staatlich regulierten Erlöse aus dem Netzmonopol weiter so üppig fließen wie bisher - auf Kosten der Verbraucher.
Banning: Die Umbauversuche sind der Versuch, einen Teil des Vermögens dem Abarbeiten der Altlasten zu entziehen und mit Großstrukturen einen Neustart machen zu können. Sehr bedauerlich, wenn die Bundespolitik das mitträgt und die Bürger so doppelt zahlen lässt. Es ist die massive Unterstützung der Bundesregierung und des Wirtschaftsministeriums sowie einiger Länderregierungen, die den alten Konzernen einen Neustart ermöglicht. Um RWE, E.on und EnBW in den kommenden Jahren nicht abwickeln zu müssen, wird ihnen geholfen.

Kommen diese Umbau-Versuche noch rechtzeitig?
Kampwirth: Der Umbau kommt mindestens zehn Jahre zu spät. Die Herausforderung ist riesig. Dabei geht es in erster Linie nicht um Geld und Technologie. Es geht um die Unternehmenskultur der Konzerne. Mit ihren zehntausenden Mitarbeitern funktionieren sie wie riesige Behörden. Sie haben über Jahrzehnte in Kategorien wie »Großkraftwerke«, »dicke Stromleitungen« und »Oligopol« gedacht und gehandelt. Diese Kultur um 180 Grad auf die dezentrale, bürgernahe und digitale Energiewelt der Zukunft zu drehen, in der völlig neue Geschäftsmodelle gebraucht werden, wird sehr schwer.
Banning: Wir und einige befreundeten Wettbewerber arbeiten seit 1998 konsequent an einer wirklich zukunftsfähigen Energieversorgung. Die Konzerne haben unsere Ansätze immer wieder in Frage gestellt und für unmöglich erklärt. Nun stehen sie selber mit dem Rücken an der Wand. Kaum vorstellbar, dass sie trotz jahrelanger ausgeschütteter Milliardengewinne ihren Rückbauverpflichtungen für die alten Kraftwerke nebst Folgekosten wie Atommülllagerung und Renaturierung von Kohleabbau wirklich nachkommen könnten.

Welche Zukunft hat die alte Strombranche?
Banning: In vielen Bereichen lässt sich nachvollziehen, dass die Weichenstellungen wieder zu Gunsten von Konzernen, Großinvestitionen und zentralen Strukturen verändert werden. Dies geht ganz bewusst zu Lasten der Stadt- und Gemeindewerke, der Bürgerenergie sowie der dezen-tralen Strukturen und Geschäftsmöglichkeiten vor Ort.
Kampwirth: Alle Energieanbieter, die in Zukunft überleben wollen, müssen sich radikal verändern. Denn in Zukunft wird das Geld nicht mehr mit der klassischen Stromlieferung verdient, sondern mit der digitalen Vernetzung der Kundenanlagen untereinander und mit den Energiemärkten. Das gilt auch für die Ökostromanbieter. Wir bei Lichtblick haben uns schon seit Jahren auf diesen Weg gemacht - wir sind heute ein IT- und Energieunternehmen. In der neuen, digitalen und dezentralen Energiewelt werden unsere Konkurrenten wohl nicht Innogy und E.on sein, sondern eher Unternehmen wie Google, Apple oder Start-ups, die wir heute noch gar nicht auf dem Zettel haben.

Erwächst Ihren Unternehmen durch RWEs Innogy und Neu-E.on eine ernsthafte Konkurrenz oder bedienen Sie ein ganz anderes Marktsegment und eine andere Zielgruppe?
Banning: Die alten Energieversorger bemühen sich bereits seit mehreren Jahren, unsere Kundenpotenziale abzugreifen, indem sie versuchen, mit Schlagworten und großen Marketingetats die gleichen Felder zu besetzen. Bei den Bürgern, die sich mit dem Thema Energie nicht näher beschäftigen, können schöne Werbespots und vordergründig niedrige Preise eventuell ausreichen. Bei den Menschen aber, die sich mit den Fragen der zukünftigen Energieversorgung auseinandersetzen, werden die etablierten Ökostromanbieter hingegen weiterhin die erste Wahl bleiben.
Kampwirth: Unser Motto war schon immer: »Vegetarier kaufen nicht beim Metzger.« Wenn ein Atom- und Kohlekonzern eine Ökostromtochter gründet, dann bleibt er doch ein Atom- und Kohlekonzern. Darum müssen Verbraucher, die wirklich die Energiewende wollen, zu einem reinen Ökostromanbieter wechseln.

Wenn die Großkonzerne nun in großem Stil in Offshore-Windparks auf See investieren, wird die dezentrale Energiewende dann nicht abgewürgt? Die Großen könnten Ihre Unternehmen dank Marktmacht verdrängen.
Banning: Die dezentrale Energiewende kann durch den Offshore-Ausbau tatsächlich Schaden nehmen, schließlich ist Offshore das genaue Gegenteil von dezentraler Erzeugung. Das liegt aber nicht an der Marktmacht der Konzerne. Ausschlaggebend ist, dass die Bundesregierung Offshore den Vorzug gegenüber Onshore, also den Windkraftanlagen an Land, gibt. Während also die Konzerne für ihre Offshore-Projekte enorme Vergütungen erhalten und bei solchen riesigen Investments keine Konkurrenz kleinerer Akteure fürchten müssen, wird der Bau neuer Onshore-Windenergieanlagen durch die kommenden Ausschreibungen und einen geradezu erstickenden Zubaukorridor immer weiter erschwert.
Kampwirth: Die großen Unternehmen kämpfen um das Überleben, daran ändern auch Offshore-Windkraft-Investitionen nichts. Entscheidend ist: Mit dem Preisverfall von Solarmodulen und Batterien werden Verbraucher immer mehr in diese Technologien investieren. Diesen Prozess kann die Politik vielleicht verlangsamen, aber auf keinen Fall aufhalten. Die dezentrale Energiewende ist nicht mehr aufzuhalten. Anders gesagt: Ein wesentlicher Teil unserer Energieinfrastruktur wird vom Investitionsgut der Konzerne zum Konsumgut der Verbraucher. Hier gelten völlig andere Spielregeln. Das kommt, das ist heute so sicher wie das Amen in der Kirche.
Banning: Die Offshore-Projekte der Konzerne treiben - anders als On-shore und Photovoltaik - aufgrund der sehr hohen Fördersätze die EEG-Umlage in die Höhe. Die Bürger zahlen also einmal mehr an Konzerne, damit diese trotz ihrer Fehler überleben können. Zudem erhöht sich der Bedarf an Stromautobahnen, da der Strom von der Küste zu den Verbrauchern im Süden transportiert werden muss - weitere Kosten und Natureingriffe, die vermieden werden könnten.

Ist der Pseudo-Ökostrom nicht oft attraktiver, weil günstiger? Stadtwerke oder Stromriesen vermarkten den Strom ihres hundert Jahre alten Wasserkraftwerks neu, der Kunde zahlt ein paar Cent mehr und ist glücklich. Da können Sie preislich doch gar nicht mithalten.
Banning: Das wäre doch gut, wenn Strom aus Wasserkraftwerken verkauft und aus dem Erlös neue regenerative Anlagen gebaut würden. Genau das passiert aber nicht bei den meisten Ökostromprodukten!
Kampwirth: Wir können jederzeit mithalten. Wir stören uns übrigens auch gar nicht am Wasserkraftstrom, der ist ja okay. Wir wollen weg von Atom und Kohle, dafür stehen wir. Heute ist Wasserkraftstrom billig, weil er ohne Förderung funktioniert. Auf Dauer gilt aber: Sonnen- und Windstrom werden von Jahr zu Jahr preiswerter. Experten sagen voraus, dass wir in Zukunft Solarstrom für zwei bis vier Cent die Kilowattstunde produzieren können. Das ist unschlagbar billig.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!