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Schmerzen. Urlaub. Glück.

Bei Olympia stürzte Annemiek van Vleuten schwer, bei der WM fährt sie wieder ganz vorn mit

  • Von Tom Mustroph, Doha
  • Lesedauer: 4 Min.

»Es ist ein Wunder, dass sie da ist«, sagte Olympiasiegerin Anna van der Breggen über Annemiek van Vleuten. Van der Breggen hatte sich am 7. August auf dem Weg zu einem Podiumsplatz in Rio gewähnt. Die Teamkollegin aber war noch schneller und fuhr scheinbar unaufhaltsam in Richtung Gold. Doch dann passierte van der Breggen auf der Abfahrt von der Vista Chinesa die gestürzte van Vleuten. Ein schockierender Anblick. Noch schlimmer dürfte es ihr ergangen sein, als sie die Bilder, die jeder Fernsehzuschauer bereits gesehen hatte, selbst vor Augen bekam: Der Sturz, der Aufprall kopfüber auf den mächtigen Bordstein.

Die Protagonistin selbst hat gar keine Erinnerung mehr daran. »Alles was ich noch weiß, ist, dass ich die Kurve nicht richtig nahm. Das nächste Bild ist das Krankenhausbett in Rio - und meine Mutter, mit der ich telefonierte«, blickte van Vleuten zwei Monate später in Doha zurück.

An die Weltmeisterschaften in Katar mochte sie damals gar nicht denken. »Die erste Woche nach dem Sturz ging gar nichts. Der Kopf schmerzte wegen der Gehirnerschütterung. Ich konnte nichts planen, nichts trainieren, gar nichts«, erzählte sie.

Ihre Saison schien beendet. Denn nicht nur die schwere Gehirnerschütterung plagte sie. An ihrer Lendenwirbelsäule gab es auch noch Knochenabsplitterungen. Ebenso schlimm war die psychische Niederlage. »Ich war auf dem Weg zu Olympiagold - und dann das. Es war einfach so ein total dummer Fehler«, meinte sie.

Das Rad ließ die Niederländerin daher für eine Weile links liegen und machte Urlaub mit ihrer Mutter in Italien. Ganz ohne Pedalbewegungen konnte die 34-Jährige dort aber auch nicht leben. Sie machte Ausfahrten mit ihrer Mutter. »Von Tag zu Tag ging es besser und ich merkte, dass ich noch ziemlich gut in Form war. Die Ausflüge nahmen dann immer mehr die Form von Training an und ich entschloss mich, an der Belgienrundfahrt teilzunehmen«, erzählte sie in Doha. Das »Urlaubstraining« schlug derart erfolgreich an, dass van Vleuten die Rundfahrt gewann. Ein absolutes Wunder, einen Monat nach dem Horrorsturz.

Einen weiteren Monat später, an diesem Dienstag im Oktober, ging sie sogar schon wieder als Topfavoritin im WM-Einzelzeitfahren an den Start. »Ich sehe die drei Niederländerinnen vorn. Und die Stärkste von ihnen ist van Vleuten«, hatte Ex-Weltmeisterin Lisa Brennauer aus Kempten prognostiziert. Ein Tipp, der nicht ganz aufging. Am Ende siegte die US-Amerikanerin Amber Neben knapp vor der dritten Niederländerin Ellen van Dijk und Katrin Garfoot aus Australien. Van Vleuten wurde starke Fünfte mit nur 25 Sekunden Rückstand auf die Siegerin.

Neben ihr zeigte auch eine deutsche Fahrerin eine beeindruckende Rückkehr. Trixi Worrack hatte es bereits im Frühjahr ähnlich böse erwischt wie die Niederländerin. Bei einem Sturz in Italien verletzte sie sich gar so schwer, dass ihr bei einer folgenden Operation eine Niere entfernt werden musste.

»Das war in all dieser Zeit das Schlimmste: Die Information, dass mir eine Niere herausgenommen wird«, gestand Worrack »nd«. Bei ihr schien nicht nur die Saison, sondern gleich die ganze Karriere beendet. Im Alter von 35 Jahren, von denen mehr als die Hälfte dem Hochleistungsradsport untergeordnet worden waren, wäre das eine durchaus verständliche Entscheidung gewesen. Und Leistungssport mit nur einer Niere ist keine Lappalie.

Aber so wollte Worrack die Rennsportszene nicht verlassen. Sie kämpfte sich zurück, holte den deutschen Meistertitel im Zeitfahren und war bei Olympia dabei. Auf dem schweren Kurs in Rio war sie chancenlos, sie ist keine Bergfahrerin. Auf dem flachen WM-Kurs von Doha wurde Worrack am Dienstag aber schon wieder Siebente direkt hinter Brennauer. »Ich bin ganz zufrieden auch angesichts dessen, dass ich nur einen Tag Pause zwischen dem Team- und dem Einzelzeitfahren hatte«, sagte Worrack. Ihr Manager Ronny Lauke analysierte nach zunächst starken Zwischenzeiten: »Sie hat stark begonnen, am Ende hat etwas die Kraft gefehlt. Aber ich bin froh, dass sie überhaupt hier sein konnte.«

Worrack rechnet sich beim Straßenrennen am Samstag noch mehr aus. »Ich hoffe, dass es viel Wind gibt«, sagte sie, als könne es ihr gar nicht schwer genug werden. Und das nicht ohne Grund: In diesem Frühjahr - vor dem Sturz - gewann sie an gleicher Stelle die von heftigen Winden gekennzeichnete Katarrundfahrt. Entscheidend wird dabei auch sein, wer am besten mit der Hitze in Katar zurechtkommen wird. »Die Körpertemperatur ist dauerhaft so hoch, als würde man mit Fieber fahren«, sagte auch van Vleuten. Und mit Krankheitssymptomen kennt sie sich aus.

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