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Keine Wende in der Bankenwelt

Warum die Mainstream-Ökonomie noch immer an ihren alten Modellen festhält und diese an den Unis lehrt

  • Von Manfred Ronzheimer
  • Lesedauer: 4 Min.

Ende 2008, die Finanzkrise nach der Pleite der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers wuchs sich zu einer Weltwirtschaftskrise aus, begab sich die britische Königin Elisabeth II. in die hoch angesehene London School of Economics (LSE), einen Leuchtturm der Wirtschaftswissenschaften, um sich von den Ökonomen die Vorgänge erklären zu lassen. Nach den gelehrten Erläuterungen hatte Ihre Hoheit doch noch eine Frage: »Wie konnte es passieren, dass niemand diese Krise vorhergesehen hat?« Die Queen war zu vornehm, um es nicht direkter zu formulieren: Haben sich die Wirtschaftswissenschaften mit ihren ausgefeilten ökonometrischen Modellen nicht bis auf die Knochen blamiert? Die LSE-Ökonomen hatten zunächst keine plausible Antwort parat, reichten sie dann einige Monate später in einem drei Seiten umfassenden Statement der führenden Professoren des Landes schriftlich nach: »Um die Sache zusammenzufassen, Ihre Majestät«, schrieb die Forscher-Elite, »war dies ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft vieler kluger Menschen.«

Seitdem hat die Mainstream-Ökonomie, die an den Universitäten in den Fächern Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre unterrichtet wird, nebst zahlreichen außeruniversitären Wirtschaftsforschungsinstituten, wo mit mathematischen und quasi-naturwissenschaftlichen Methoden das wirtschaftliche Geschehen untersucht wird, ein massives Imageproblem in der Gesellschaft. Der Ruf nach Alternativen wird lauter. »Die Ökonomen müssen wieder lernen, Ökonomie und Gesellschaft zusammen zu denken«, ist etwa die Auffassung von Nils Goldschmidt, Professor für Kontextuale Ökonomik und ökonomische Bildung an der Universität Siegen. Goldschmidt kritisiert, dass wirtschaftliche Phänomene zu wenig in den »Kontext historischer und kultureller Prozesse verstanden und interpretiert« werden. Die universitäre Lehre sei stattdessen »fokussiert auf die Modelle des neoklassischen Mainstreams«.

Goldschmidt zählt auf, was der deutschen Hochschul-Ökonomie fehlt: »Wirtschaftsethik, Geschichte des ökonomischen Denkens, Institutionenökonomik, Entwicklungsökonomik und ökologische Ökonomik; ergänzende Ansätze sollten mehr sein als nur Nebenschauplätze der volkswirtschaftlichen Lehre«. Diese Richtungen seien »unentbehrlich«, so der Siegener Wirtschaftsprofessor, »wenn wir unsere Studenten zu dem ausbilden wollen, was die Gesellschaft braucht: verantwortliche und handlungsfähige Ökonomen!«

Auch bei den Studenten wächst das Unbehagen über die einseitige Ausrichtung des Lehrstoffs, der ihnen geboten wird. Im Netzwerk »Plurale Ökonomik« haben sich mehrere hundert VWL-Studierende an 20 deutschen Hochschulen organisiert. Das Problem ist kein rein deutsches, weshalb es seit Mai 2014 die »International Student Initiative for Pluralism in Economics« (ISIPE) gibt, die über 60 studentische Gruppen aus mehr als 30 Ländern bündelt.

Der jüngste Anstoß zu einer »paradigmatischen Wende der Wirtschaftswissenschaften« kommt aus den Reihen der grün orientierten Ökonomen. Da es neben unbestrittenen Erfolgen der heutigen Wirtschaftsweise »auch gravierende ökologische Zerstörungen, soziale Verwerfungen und ökonomische Krisen« gebe, brauche es mehr denn je »eine Wirtschaftswissenschaft, die insbesondere die Bedingungen und Möglichkeiten einer nachhaltigen Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft analysiert und hilft, diese zu verbessern«, schreiben 30 Wirtschaftswissenschaftler in einem gemeinsamen Appell mit dem Titel »Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung«. Initiatoren des Memorandums sind Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts und Vorstandsmitglied der Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung, sowie Reinhard Pfriem, Professor an der Universität Oldenburg und Gründer des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung.

Wirtschaftswissenschaftler sollten »die gesellschaftliche Wirkung ihrer Arbeit stärker reflektieren und eine aktivere und kritischere Rolle in aktuellen gesellschaftlichen Debatten einnehmen«, heißt es in dem Aufruf. Leitziel sei ein stärkerer Beitrag der Wissenschaft für die nachhaltige Entwicklung. Dazu brauche es ein »wissenschaftliches Fundament für die großen Fragen«. Einige zählt der Transformations-Appell auf: Wie können Nachhaltigkeitsziele in Fiskal-, Verteilungs-, Arbeitszeit- und Außenwirtschaftspolitik integriert werden? Wie sollte sich die »Ordnung der Wirtschaft« ändern, wie das Leitbild einer sozialen und nachhaltigen Marktwirtschaft? Wie kann letztlich ein gesamtwirtschaftlicher nachhaltiger Strukturwandel erreicht werden? Als Diskussionsaufschlag formuliert der Aufruf fünf Bedingungen für eine transformative Wirtschaftswissenschaft: Transparenz, Reflexivität, Wertebezug, Partizipation und Vielfalt.

Für Reinhard Pfriem ist klar, dass die Wende in der Ökonomie kein Spaziergang ist. »Nachdem jenseits einer kritischen Minderheit, darunter Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz und Paul Krugman, die Mainstream-Ökonomik weder willens noch in der Lage war, aus der internationalen Finanzkrise seit 2008 ernsthafte Lehren zu ziehen, sehen wir fast ein Jahrzehnt später: business as usual scheint hier die einzige Perspektive zu sein«. Auch an seiner Uni in Oldenburg, die lange stolz war auf alternative Ansätze in den Wirtschaftswissenschaften, gewinnen »Rollback«-Kräfte womöglich die Oberhand. Die von Pfriem vertretene betriebswirtschaftliche Nachhaltigkeitsforschung soll nach seinem Ausscheiden mit einem Nachfolger besetzt werden, der mehr dem »Mainstream« folgt, ist aus der hochschulpolitischen Kulisse zu vernehmen. »Verschiedene Entwicklungen an der Universität Oldenburg deuten darauf hin, dass der sozial-ökologischen Forschung Schritt für Schritt der Garaus gemacht werden soll«, warnte der Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen, Thomas Beschorner, der selbst in Oldenburg habilitierte.

»Die performative Rolle des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams ist ja selbst hoch politisch«, lautet die Einordnung Pfriems. »Seine Vertreter/innen wirken direkt in Beratungsfunktionen wie indirekt durch Gutachten, Vorträge und Publikationen aktiv daran mit, die überkommene und längst gescheiterte Politik zu rechtfertigen.« In Oldenburg und anderswo wird sich zeigen, wer den längeren Atem für oder gegen die Transformation der Ökonomie besitzt.

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