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Panthers versus Black Lives Matter: Die Kapitalismuskritik

Was die neue von der alten Bewegung unterscheidet / Antirassistische Bewegungen und die Klassenfrage

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 6 Min.

Oakland, Kalifornien, im Juli 1969: Ein Dutzend weißer junger Männer marschiert in eine Saalveranstaltung der Black Panthers. Auf ihren Westen prangen Konföderiertenflaggen und Logos wie »Young Patriots Organization« - Y.P.O. - oder »Hillbilly Nationalists«. Weiße »junge Patrioten« mit Sklavenhalterfahne in einem Saal voll schwarzer Militanter? Es folgt hier keine Schlägerei. Man grüßt sich solidarisch und skandiert minutenlang »Power to the People!«

Seattle, August 2015: Bernie Sanders steht auf einer Bühne und will über Gesundheit und Wohlfahrt sprechen. Noch bevor er anfangen kann, drängen Aktivistinnen von »Black Lives Matter« auf die Bühne. Konfusion entsteht, doch bekommen die Blockierer viereinhalb Minuten - so lange kämpfte ein Jahr zuvor der 18-jährige Michael Brown auf der Straße in Ferguson um sein Leben, als ihn weiße Polizisten niedergeschossen hatten. Doch endet diese Episode nicht in gemeinsamen Parolen. Als die Aktivistinnen Sanders auch nach ihrer Ansprache am Reden hindern und dieser seine Kundgebung unverrichteter Dinge verlässt, pfeift das Publikum. Und die Bühnebesetzerinnen rufen zurück: Ihr seid doch alle nur weiße Suprematisten!

Es liegt nahe, die heutige Plattform Black Lives Matter als Erbin der vor 50 Jahren gegründeten Black Panthers Party zu sehen. Die Bewegungen haben in tödlichem Polizeirassismus den gleichen Auslöser. Sie unterscheiden sich aber auch in einer Weise, die viel sagt über die heutige amerikanische Linke - und die es daher zu rekonstruieren lohnt. Wie also kommt und was bedeutet es, dass die Panthers zuweilen nicht einmal mit der Südstaatenflagge Probleme hatten? Und was ist der Grund dafür, dass ihre Erben heute gerade denjenigen Präsidentschaftskandidaten so hart angingen, der ihren Forderungen etwa nach Polizei- und Gefängnisreform so weit entgegenkam?

Man muss ein wenig ausholen, um jene Freundschaft zwischen den Panthers und der Y.P.O. zu begreifen. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrscht in den südlichen Appalachenstaaten bittere Armut, auch unter Weißen. Eine Million von ihnen migriert nordwärts in die Industriestädte - und stößt dort, wo die Arbeit auch schon knapp wird, auf massive Ausgrenzung. Kenntlich an Akzent und Armut, werden die »Hillbillys« bei der Jobsuche benachteiligt; sie landen in Armengettos wie Uptown Chicago. Die Presse hetzt gegen die »kleinkriminellen Unruhestifter«, in ihren Straßen schlägt die Polizei zu, bevor sie Fragen stellt. So erleben sich die Kinder dieser Binnenmigranten als ausgegrenzte Menschenart, als Ethnie.

In der Rebellion von 1968 rufen nun die Radikalen unter ihnen ihre Heimat »Appalachia« als unterdrückte Nation und »innere Kolonie« aus. Sie bemächtigen sich der Rassisten- als Rebellenfahne und suchen, statt nach »unten« zu treten, Befreiung im Bündnis mit anderen Ausgegrenzten. In ihrem Verständnis von Klasse als Ethnizität treffen sie die Panthers, die umgekehrt - sofern bei den vielen Verwerfungen in ihrer Geschichte eine Linie sichtbar ist - ihre »Rasse« durchaus auch als Klassenlage begreifen.

Sicher kann man fragen, ob die Südstaatenfahne als Banner dieses antirassistischen Hillbilly-Nationalismus so glücklich war. Die Panthers aber - der Sklaverei zwei Generationen näher als die heutigen Aktivisten -, stören sich nicht an ihr, so lange die Begründung stimmt. Es gibt Fotos, auf denen führende Black Panthers mit Y.P.O.-Leuten vor riesigen Konföderiertenflaggen sitzen.

Die Aktion von Black Lives Matter gegen Sanders war deutlich andersgelagert: Es ging um »Visibility«: Dass Sanders knapp ein Jahr nach Ferguson über das gleichfalls anstehende Jubiläum des dezimierten Sozialsystems sprechen wollte, zeige die »Weißheit« seiner Kampagne; der Kampf um die Bühne sei ein Symbol der »Sichtbarmachung« schwarzen Leids gewesen, deshalb habe Sanders auch nach der Intervention nicht reden dürfen.

Sanders hat das nicht verstanden. Er antwortet »enttäuscht« auf die Aktion: Kämen doch die Sozial-, Job- und Gesundheitsprogramme, die er an diesem Tag vorstellen wollte, den überdurchschnittlich ausgegrenzten Schwarzen auch überdurchschnittlich zugute! Einige lokale Gruppen von Black Lives Matter sehen das ähnlich und distanzieren sich von der Bühnenbesetzung. Viele einschlägige Blogs aber schreiben, Sanders spiele »soziale Gerechtigkeit« gegen »ethnische Gerechtigkeit« aus.

Nicht nur diese Episode zeigt, wie Rassismus in den USA heute diskutiert wird: auf einer Ebene politischer Symbolik. Einer der spektakulärsten Unikämpfe der jüngeren Jahre betraf eine Verkleidungsrichtlinie zu Halloween. Ein - eher linkes - Professorenpaar fand die Regel albern, die auf dem Campus Kostüme verbot, von denen sich Minderheiten »verletzt fühlen« könnten. Gegen die beiden gab es wütende Demos.

Wie in diesem Kontext auf eine, wie revolutionär auch immer gemeinte, Südstaatenfahne reagiert würde, lässt sich denken. Zwischen den Black Panthers und Black Lives Matter hat eine politische Verschiebung stattgefunden, die die Politologin Nancy Fraser auf den Punkt bringt: Minderheiten fordern nicht mehr »Umverteilung«, sondern »Anerkennung« - ein Effekt der achtziger Jahre: Der Neoliberalismus setzte eine individualistische Ideologie durch, innerhalb derer ökonomischer Ausgleich kaum noch zu argumentieren war. Zugleich musste diese radikale Begründung von Gesellschaft aus den Rechten Einzelner dann aber auch für alle gelten. Im Resultat sind die USA heute sehr fortschrittlich, was etwa die Sichtbarkeit von Minderheiten in kulturellen Repräsentationen angeht - aber hinsichtlich sozialökonomischer Inklusion unglaublich reaktionär. An die Stelle der Panthers-Politik der Einheit der Ausgegrenzten gegen das Establishment - die sich in verdünnter Form auch in Sanders Reaktion in Seattle wiederfindet - ist die Maxime getreten, die Eliten müssten »Diversität« widerspiegeln.

Messen lässt sich diese Verschiebung an der Art und Weise, wie die ökonomische Degradierung der Schwarzen heute thematisiert wird. Sprachen die Black Panthers von - rassistisch verschärfter - kapitalistischer Ausbeutung, benennt zwar auch Black Lives Matter schwarze Armut als »staatliche Gewalt«. Die Bewegung fordert aber nicht etwa höhere Löhne, ein Sozialnetz oder eine Öffnung des Bildungssystems, sondern letztlich individual-juristisch begründete »Reparationszahlungen« für die Sklaverei. Dann, so lässt sich weiterdenken, könnten auch mehr Schwarze die horrenden Studiengebühren bezahlen.

Sanders war ein viel zu »alter« Linker, um zu verstehen, dass er jede Minderheit als Minderheit hätte adressieren müssen - und nicht als »wir kleinen Leute«. Vielleicht hat ihn das die Kandidatur gekostet. Hillary Clinton spricht sensibler mit den Minderheiten. Ihre Sozialpolitik indes wird diesen weniger nützen.

Nancy Fraser will nun nicht einfach zur Politik der Umverteilung zurückkehren. Dass Rassismus als eigenständiger und sehr wirkmächtiger kulturell-symbolischer Zusammenhang gesehen werden muss, zeigt schon die weitere Geschichte der Panthers und ihrer Hillbilly-Freunde: Letztere wurden weit weniger drakonisch verfolgt als die Ersteren, denn immerhin waren sie nicht schwarz. Dennoch wäre es nicht nur für die Linke in den USA, sondern auch hierzulande in jenen jüngeren, stark an amerikanische Diskurse angelehnten kritischen akademischen Debatten gut, Fraser zuzuhören: Es bedürfe eines neuen Ausgleichs zwischen Umverteilung und Anerkennung.

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