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Was Menschen trennt

Ivan Vladislavic führt die Zumutungen des neuen Südafrika vor Augen

  • Von Manfred Loimeier
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn es denn einen südafrikanischen Schriftsteller gibt, der in die Fußstapfen der Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer treten kann, dann ist dies der 1957 in Pretoria geborene Ivan Vladislavić. Seine Erzählungen sind feinfühlige Momentaufnahmen des alltäglichen Zusammenlebens in der Kaprepublik, und - wie in Gordimers Kurzprosa - liegt die Stärke von Vladislavićs Geschichten in der psychologischen Zeichnung seiner Figuren. Es sind keine großen Handlungsentwürfe, die er präsentiert, sondern detailgenaue Einblicke in das Seelenleben einer Gesellschaft, die zwar überall als im Wandel dargestellt, aber in ihren Erschütterungen kaum begriffen wird.


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* van Vladislavic: Exploded View. Johannesburg. Roman. A. d. Engl. v. Thomas Brückner, Osburg Verlag. 203 S., geb., 20 €.


Vladislavić hingegen zoomt seine Erzählungen vom großen Ganzen hinein ins individuell Persönliche, das zugleich beispielhaft ist für die Verwerfungen und Irritationen, denen sich Menschen im sogenannten neuen Südafrika ausgesegtzt sehen. Roman nennt sich der Band, aber im Grunde sind es vier Erzählungen, denen eines gemeinsam ist: der Blick auf die Grenzen zwischen sozialen Schichten. Da ist einmal der Mitarbeiter eines Meinungsumfrageinstituts, der fürwahr glaubt, eine prominente Moderatorin, die in einem hochgesicherten Wohngebiet wohnt, für sich interessieren zu können; oder ein Geschäftsmann, der argwöhnt, dass seine neuen Verhandlungspartner über seinen Kopf hinweg agieren; ein Künstler, dessen politisch engagierte Werke nur auf dem Leid anderer beruhen; ein Selfmade-Man, der von einer Gang zusammengeschlagen wird. Irgendwie gewaltsam enden mithin alle vier Geschichten: Der eine frisst seinen Frust in sich hinein, der nächste bleibt bei brutalen Videos hängen, der dritte provoziert einen Streit, der vierte lässt es auf eine Schlägerei ankommen.

Vladislavić hat dieses Buch bereits 2004 geschrieben, als über den politischen Wandel nach dem Ende der Apartheidpolitik hinaus die Globalisierung den Alltag in Südafrika durcheinanderwirbelte und viele Menschen dort mit den raschen gesellschaftlichen Umbrüchen nicht mehr Schritt halten konnten.

Der Autor, der auch zu Fotografie und Architektur publiziert und dessen erster ins Deutsche übersetzter Roman nicht von ungefähr den Titel »Der Plan des Baumeisters« trug, macht diese Verwerfungen in der Kulisse seiner Geschichten sichtbar: ein wachsendes teures Wohnviertel, das auf Abschottung setzt und dabei pompös »Toscana« genannt wird, die Enge eines Hotelzimmers, ein Atelier als Rückzugsraum, die Verlassenheit von Straßenzügen. Menschen haben es schwer, sich in dieser beengten und beengenden Welt zurechtzufinden und mit sich klarzukommen. Ohne Verletzungen und Verkrümmungen übersteht keiner dieses neue Leben, das doch von Aufbruch und Offenheit geprägt zu sein vorgibt.

Vladislavićs Sprache ist dabei nüchtern, sachlich, einfühlsam und sehr anschaulich. Wie Szenenbilder präsentieren sich den Lesern die Schauplätze der Geschichten, und die Gesichter der vier Protagonisten treten scharf wie auf Fotografien vor Augen, obwohl sich der Autor gar nicht auf ihr Äußeres konzentriert, sondern ihr Innenleben, ihre Empfindungen und Mutmaßungen darstellt.

Der Übersetzer Thomas Brückner hat diese scharfe Präzision, wegen der Vladislavić oft mit dem anderen südafrikanischen Literaturnobelpreisträger, J.M. Coetzee, verglichen wird, treffend ins Deutsche gebracht. Und so ist es vor allem die Atmosphäre der Beklemmung und des Freiheitswunsches, des Sich-Begnügen-Müssens und des Aufbegehren-Wollens dieser vier Hauptfiguren, die bei der Lektüre unter die Haut geht, sich in die Gedanken eingräbt und das Buch unvergesslich macht, wenngleich faktisch so wenig geschieht.

Bleibt zu hoffen, dass »Exploded View. Johannesburg« zur Wiederentdeckung der bereits auf Deutsch vorliegenden Vladislavić-Bücher verleitet, angefangen von »Die Terminal-Bar« (1994) und »Der Plan des Baumeisters« (1998) über »Johannesburg. Insel aus Zufall« (2008) bis zu dem vergleichbar fotografischen »Double Negative« (2015). Zudem gäbe es, noch unübersetzt, das Buch »The Restless Supermarket«, das ebenso dazu beitrug, dass Vladislavić jüngst den Windham Campbell Preis der Universität Yale für sein Lebenswerk erhielt. Seine stille Prosa setzt eben auf Langzeitwirkung, nicht auf den schnellen Erfolg.

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