Werbung

Sechs Minuten des Schreckens

ESA bereitet Landung des Testmoduls »Schiaparelli« auf dem Mars vor

  • Von Thomas Körbel, Moskau
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Die Spannung steigt mit jedem Kilometer, die sich die europäisch-russische Sonde dem Planeten Mars nähert. Erstmals wollen die Europäische Raumfahrtagentur ESA und ihr russischer Partner Roskosmos gemeinsam ein Testmodul auf dem Roten Planeten landen lassen. Mit dem Milliardenprojekt ExoMars suchen sie nach Spuren von Leben auf dem Nachbarplaneten der Erde. Nach rund 500 Millionen Kilometern und sieben Monaten Flugzeit rückt für das Testmodul »Schiaparelli« der entscheidende Tag der Landung am 19. Oktober näher.

»Alles muss mit Millisekunden-genauer Präzision funktionieren«, sagt der ESA-Experte Jorge Vago. »Und unsere Einflussmöglichkeiten sind gleich null.« Die Daten der Sonde brauchen rund zehn Minuten, um vom Mars zur Erde zu gelangen. Ein Computer steuert das Landemanöver. Wenn Informationen über Probleme im Kontrollzentrum eintreffen, kann »Schiaparelli« längst als Weltraumschrott im rötlichen Marssand liegen.

»Deswegen sprechen die Amerikaner bei diesen Manövern von den sieben Minuten des Schreckens«, erklärt Vago. »In unserem Fall sind es sechs Minuten« - die Landesequenz sei auf sechs Minuten programmiert. Der Ingenieur aus Argentinien ist zuversichtlich: »Unsere Simulationen geben uns eine Erfolgschance von fast 98 Prozent.«

Für die Experten bei ESA und Roskosmos hängt viel vom Erfolg der Landung ab. Es wäre nicht nur die erste gemeinsame Marslandung in der Geschichte beider Raumfahrtagenturen. Auch finanziell wäre ein Erfolg hilfreich. Das Projekt, für das die ESA rund 1,3 Milliarden Euro ausgegeben hat und an dem sich Roskosmos mit etwa einer Milliarde Euro beteiligt, ist noch nicht ganz gesichert: Zunächst für 2018 geplant, wurde die zweite Phase von ExoMars mit einem Rover auf 2020 verschoben. Die entstehenden Kosten muss die ESA von ihren Mitgliedstaaten bewilligen lassen. »Es geht um rund 300 Millionen Euro«, sagt Vago.

Auch für den russischen Partner Roskosmos sind die Finanzen ein heikles Thema. Wegen einer schweren Rezession hatte die Regierung in Moskau im Frühjahr das Raumfahrtbudget um rund 30 Prozent gekürzt. ExoMars gilt aber als wichtiges Prestigeprojekt für Russland. Gerade in politisch schwierigen Zeiten wie derzeit wegen der Kriege in Syrien und der Ukraine ist ein Gemeinschaftsprojekt wie ExoMars zudem eine wichtige Brücke zwischen Russland und dem Westen. Erst kürzlich hatte Roskosmos-Direktor Igor Komarow Kremlchef Wladimir Putin das Programm als »Meilenstein der Forschung« präsentiert.

Der russische Experte Maxim Mokroussow sieht in ExoMars einen Prototypen für künftige internationale Kooperationen. »Die Erkenntnisse und die Technik können zum Beispiel für eine Mondmission genutzt werden«, meint er. Roskosmos plant, in den kommenden Jahren Sonden sowie bis 2030 Kosmonauten zum Erdtrabanten zu schicken.

Mit ExoMars erproben die ESA und Roskosmos die technische Kooperation in vielen Bereichen. Ein Forschungssatellit - der »Trace Gas Orbiter« (»TGO«) - mit Geräten beider Weltraumagenturen an Bord war im März gemeinsam mit dem Testmodul »Schiaparelli« vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan ins All gestartet. Am Sonntag sollten die beiden getrennt werden, bevor »Schiaparelli« drei Tage später landet.

»TGO« soll nun unter anderem nach Spuren von Methan in der Marsatmosphäre suchen, die biologischen Ursprungs sein könnten. Das wäre ein Hinweis auf mögliches Leben auf dem Roten Planeten. Doch zunächst steht dem Forschungssatelliten ein langwieriges Bremsmanöver bevor. Nach Plänen von ESA und Roskosmos wird es bis etwa Ende 2017 dauern, bis »TGO« seinen Ziel-Orbit erreicht und die Arbeit rund 400 Kilometer über dem Mars aufnehmen kann.

Herzstück der Mission ist der Rover, der 2020 zum Roten Planeten aufbrechen soll. Der Roboter soll nach Spuren von vergangenem Leben suchen. Dazu kann er zwei Meter tief in den Boden bohren - ein Novum in der Marsforschung. Bisherige US-Rover konnten nur wenige Zentimeter ins Marsinnere vordringen.

Damit der Rover in gut vier Jahren erfolgreich auf dem Roten Planeten ankommt, benötigen die ESA und Roskosmos aber die Erfahrung mit dem Testlander »Schiaparelli«. »Es ist, als wenn Sie gerade die Abschlussprüfung in der Schule machen und schon daran denken, dass Sie nächstes Jahr zur Uni müssen«, erklärt der ESA-Experte Jorge Vago die ganze Aufregung vor der Landung. Mit einem Auge das Manöver im Blick, mit dem anderen schon die neuen Herausforderungen. »ExoMars braucht dringend gute Nachrichten.« dpa/nd

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!