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Verpasste Gelegenheit

Ende gut, alles gut? Nicht in Bodo Kirchhoffs Novelle »Widerfahrnis«

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Ein nahezu klassischer Auftakt: »Diese Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen?« Er heißt Reither, ist Mitte 60, war Buchhändler und Kleinverleger in Frankfurt am Main, der aber, als er feststellen musste, dass es inzwischen mehr Schreiber als Leser gibt, sein Geschäft aufgegeben hat. Er hat sich in die Provinz verkrümelt, wo er zurückgezogen lebt, ohne auf Lektüren zu verzichten, um sie daraufhin zu prüfen, ob er sie selbst verlegt hätte. Mit einem offenkundig auf eigene Kosten hergestellten schmalen Büchlein sitzt er abends auf seinem Zimmer, als es klingelt.

Vor der Türe - und damit hat die Novelle ihren Ausgangspunkt und zugleich ihre »unerhörte Begebenheit« (Goethe) gefunden - steht die Verfasserin dieses Textes und einer Geschichte, die - vor autobiographischem Hintergrund - den Verlust ihrer Tochter durch Selbstmord aus der Perspektive einer Mutter erzählt. Reither ist sogleich be- und getroffen von dieser Frau Palm: »Er schaute in ein Gesicht von der Art, die einen daran denken lässt, wie es in früheren Jahren gewesen sein muss, bestürzend schön, einfach weil es immer noch etwas Bestürzendes hatte.« Später wird er einmal von der »Widerfahrnis« sprechen, die ihm da zugestoßen ist. Ob es sich um Liebe handelt, Kirchhoffs lebenslanges Schreibthema? Jedenfalls nähert er sich ihm in konzentrischen Kreisen, mäandernd gleichsam an, ohne es - wie könnte man dies auch? - auf den Punkt zu bringen.

Aus einer Laune heraus starten die beiden eine Reise im alten BMW-Cabrio, die sie zunächst nach Österreich, dann nach Italien, am Ende bis nach Sizilien führt. Auf der Suche nach sich selbst, in der Aufarbeitung der Traumata ihrer jeweiligen Vergangenheit, in der vorsichtigen gegenseitigen Annäherung - bis sie, bereits mehrfach mit den Flüchtlingsströmen konfrontiert, auf ein etwa zwölfjähriges Mädchen stoßen, um das sie sich glauben kümmern zu müssen. Doch kommt es auf der Überfahrt von Lampedusa zurück aufs Festland zu einem fürchterlichen Missverständnis: Im Glauben, das Mädchen auf der Rückbank des BMW vor der Polizei zu verstecken, zerrt Reither dem Kind an den Haaren, das sich daraufhin befreit und flieht - die Palm hinterher. Sie bleiben verschwunden. Zunächst. Reither, der sich bei dieser Aktion an der Hand verletzt hat, wird von einem jungen Nigerianer, der mit Frau und Kind ebenfalls auf der Flucht ist, medizinisch versorgt; Reither entscheidet sich spontan, die drei irgendwie nach Deutschland zu schleusen - und sieht dann vor ihrer Abfahrt auf dem Bahnhofsvorplatz in einer Menschengruppe noch einmal Leonie Palm, die ihm zuruft: »Sag mir eins, Reither, hast du mich hier am Bahnhof gesucht?«

Nein - nicht Ende gut, no happy ending; denn es ist ihm versagt, die richtigen Worte darauf zu finden. Und so verlieren sie sich aus den Augen, aus dem Sinn, aus des Anderen Leben, was der gewiefte Erzähler Kirchhoff dann auch poetologisch zu grundieren versteht: »Wie oft hatte er lesen müssen, dass am Schluss einer Geschichte zwei getrennte Hauptpersonen noch einmal aufeinandertreffen, aus Zufällen, die dann gar keine sind, als steckte eine tiefere Notwendigkeit dahinter, tiefer als die eines Endes, wie es gewöhnliche Leser schätzen.«

Ein traurig-schöner Text über tagesaktuelle Probleme, verpackt in eine »unerhörte Begebenheit« und zugleich wieder in deren Aufhebung in den grausam-fürchterlichen Zufällen des Lebens.

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle. Frankfurter Verlagsanstalt, 224 S., geb., 21 €.

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