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Alles andere ist egal

In Philipp Winklers Debütroman »Hool« splittern Knochen, spritzt Blut - und klopft ein Herz

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Der letzte Kampf folgt keinen Regeln. »Ab dem Moment, in dem meine Faust seine Drecksfresse erreicht und ich Knochen und Zähne unter meinen Knöcheln nachgeben spüre, verschwimmt alles zu einem Wust aus Geräuschen und Bildern.« Blind drischt Heiko auf sein Opfer ein. »Das raue Gefühl von Haaren zwischen den Fingern und wie ich den Kopf auf Beton schlage.« Diesmal gilt für ihn kein Kodex mehr wie bei den vorherigen »Matches«, die zwar martialisch, aber doch von einem blutigen Rest an Sportsgeist gezeichnet waren. All die Wut, all der Hass, all der Frust über das, was nie mehr so wird, wie es war, entlädt sich jetzt in roher Gewalt. »Blutverkleistertes, kehliges Würgen und rotwurzelige Zähne, die ausgehustet werden.« Ob er den Braunschweiger totgeschlagen hat?

Heiko Kolbe ist der Ich-Erzähler in Philipp Winklers Debütroman, und er ist der »Hool« aus dem Titel des Buches. In episodischen Kurzkapiteln, die Vergangenes ins Gegenwärtige schachteln, lässt Winkler den Endzwanziger sein verkorkstes Leben erzählen. Die Sätze sind knapp, die Sprache ist rüde, der Hannoveraner Dialekt schlägt hier und da durch. Zum Fußball ist Heiko schon als Kind mit dem Vater gegangen: »96. Ja, Heiko. Das is ›noch was.« Jenem Vater, der den Job verlieren, im Alkoholismus verkommen und die Frau loswerden wird, um sich aus Thailand eine neue mitzubringen. Und mit dem Onkel, Axel, allmächtiger Pate jener Hooligan-Gruppe, in der Heiko eine Ersatzfamilie sucht und findet.

Die Hooligan-Szene ist ein Geheimbund, der sein Treiben hermetisch vor den Augen der Öffentlichkeit abschottet. Das lückenhafte Bild, das wir uns von ihr machen, ist geprägt von Ausschreitungen am Rande der großen Turniere, wie zuletzt bei der EM in Frankreich, als prügelnde Muskelpakete den Medien ein paar Tage lang Schlagzeilen lieferten. Davon aber, was sich an den Wochenenden in abgelegenen Waldstücken oder auf tristen Parkplätzen nach festen Ritualen abspielt, weiß oft genug nicht einmal die Polizei etwas. Umso verblüffender ist es, wie nahe Winkler der Existenz seines Romanhelden kommt. Stück für Stück reißt die Fassade bürgerlichen Lebens auf und gibt den Blick frei auf eine Parallelwelt, die außerhalb unserer Wahrnehmung existiert wie ein unbemerkter Schatten. Von den ungeheuerlichsten Begebenheiten lässt Winkler seinen Heiko mit einem Gleichmut erzählen, der das Unvorstellbare selbstverständlich erscheinen lässt. Der Effekt, den er damit erzielt, ist aber noch viel erstaunlicher: Von Seite zu Seite rückt dieser Heiko, der ein Mensch und kein Monster ist, uns näher - bis wir seinen warmen, biergetränkten Atem im Nacken spüren. Das Abgestoßensein offenbart Anziehungskräfte. Empathie mit einem zu erzeugen, dessen Leidenschaft es ist, seinen Kontrahenten, die in Wahrheit seinesgleichen sind, bloß in den falschen Vereinsfarben, die Seele aus dem Leib zu prügeln, dazu gehört schon was.

Wenn es nicht »auf den Acker« geht, fristet Heiko sein Dasein als Gehilfe in der Muckibude seines Onkels und deckelt lustlos dessen krumme Geschäfte. Seine Bleibe hat er im abgelegenen Haus eines irren Ex-Knackis, der dort finsteren Machenschaften mit osteuropäischen Schwer᠆kriminellen nachgeht, zwei kläffende Terrier, einen Bartgeier und einen leibhaftigen Tiger hält und seine tierischen Geiseln bei illegalen Kämpfen einander zerfletschen lässt. Wenn er es hier nicht mehr aushält, fährt Heiko nachts zu Yvonne, einer heroinsüchtigen Krankenschwester, seiner großen Liebe. Seit sie ihn rausgeworfen hat, stalkt er ihr nach - einmal bis ans Bett, in dem sie schläft.

Eine trostlose Existenz? Ja, wären da nicht Heikos engste Freunde Kai, Ulf und Jojo. Hools wie er, die aber - anders als er - den Absprung schaffen. Ulf entscheidet sich, vor die Wahl gestellt, für Frau und Kind. Jojo trainiert eine Jugendmannschaft und geht darin auf. Und Kai, der BWL-Student, bekommt das Angebot, nach London zu ziehen, kurz nachdem die verhassten Braunschweiger ihn fast zum Krüppel, zum Blinden geschlagen haben. Den letzten Kampf, in dem es das zu rächen gilt, schlägt Heiko ohne die drei. »Und unter allem flimmert diese Wut. Aber auch eine Zufriedenheit, die da eigentlich nicht hingehört, und trotz der Stimmen, die auf mich einprasseln, mich aber nicht erreichen, ist sie da und lässt mich wissen, dass alles andere egal ist.«

Philipp Winkler: Hool. Roman. Aufbau, 312 S., geb., 19,95 €.

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