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Europa: verschaukelt und verschunkelt

»Das ist der Gipfel«, resümiert das Kabarett-Theater »Distel« in seinem neuen Programm

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das Rohmaterial liefert leider immer noch die Politik selbst, Kabarettautoren können aus dem Vollen schöpfen und müssen nur zugespitzt verdichten, was eh an kruden Dingen passiert. Auch das neue Programm der »Distel« hat fast Mühe, alle Themen aus jüngster Zeit unterzubringen, und erreicht eine ganz seltene Trefferdichte. »Das ist der Gipfel« meint zwar höchst ironisch die Misslichkeiten im Tagesgeschehen, ist jedoch auch ein Peak im kabarettistischen Piks in den Corpus der Politik - zum Riesengaudi des Zuschauervolkes. Dass alle angepikten Probleme indes einen bitteren Beigeschmack haben, ist die Kehrseite der Medaille: Schließlich geht es um uns, uns Menschen in Europa. Für deren Wohl, dies die Grundidee des Programms, treffen sich Europas Lenkervertreter zum Plenum in einer winzigen Berghütte von Davos. Nichts weniger steht auf der Agenda als die finale Rettung des arg angeschlagenen Schlachtschiffs EU.

Wieder zeichnet Jens Neutag verantwortlich für das Textbuch, als Co-Autoren hat er sich Frank Lüdecke, Thilo Seibel, Sabine Wiegand, Timo Doleys, Matthias Felix Lauschus und Martin Maier-Bode ins schaukelnde EU-Boot geholt. Dass musikalisch korrekt geschaukelt und sogar geschunkelt wird, dafür sind Dominik Paetzholdts turbulente Regie und Hannah Hamburgers flexible Ausstattung ein Garant, denn Europas Schlager bilden mit neuen Texten ein spitzzüngig ausbeutbares Potenzial. Timo Doleys, Edgar Harter, Dagmar Jäger, Caroline Lux und Stefan Martin Müller eilen im flotten Wechsel von Text zu Gesang und bessern am Ende sogar Europa auf. Bis dahin haben sie mit Widrigkeiten wie Eingeschneitsein und Netzausfall zu kämpfen - kein Wunder, dass der politische Auftrag da warten muss.

Die große Freiheitsidee sei zum Büromonster verkommen, das nur mehr Gurkenkrümmung und Glühbirnen normiert. Promi-Big-Brother als Lösung? Jede Woche einer raus, wer übrigbleibt, wird Chef der EU? Plenumsleiter Bockelmann, natürlich aus Deutschland, ist da unsicher. Er träumte vom Ableben der SPD, wobei Herbert Grönemeyer den Abschiedssong singt. Zur Not gibt›s ja noch den Oscar.

Dann bricht unter den Delegierten der erste Streit aus: Flüchtlingsproblem. 1939 hatten wir Einwanderer aus Germany, da war unsere Unabhängigkeit weg, argumentiert messerscharf die Polin, obwohl es diesmal um eine Mindestquote geht. Auch eine bemühte Therapeutin gegen Angst kann nichts ausrichten. Der Abend kulminiert weiterhin in einem »Kessel Braunes«, den zwei Madeln im Dirndl rechtslastig moderieren. Sieben Meere und die Balkanroute müssen Flüchtlinge überstehn, wird frei nach Karat gesungen. Zu faul zum Terror seien die, nehmen im Fall des jüngst von eigenen Landsleuten gefassten mutmaßlichen Terroristen der Polizei auch noch die Arbeit weg. Dass der suizidgefährdet ist, konnte niemand ahnen, wird die aktuelle Situation flugs ins Programm gehievt. Zunehmende Islamisierung sei es, wenn VW seine Werte verschleiere, Wäsche von Schiesser der beste Schutz gegen Attacken. Das Wandern ist des Syrers Lust, schließt böse das Potpourri und leitet zu »Herzilein« Petry über. Es rieche nach Pulver in Europa, konstatiert sehr nachdenklich ihr Widerpart.

Als das Fünf-Personen-Nest Lummerland in die EU will, wird den Groteskmasken klar gemacht, dass es ohne Anpassung an Europas Schlamassel nicht geht. Da bleiben sie lieber draußen. Draußen bleibt, man hat den Sketch erwartet, auch England. »Unser Lied für London« sucht nach dem passenden Begleitsong, vielleicht Jacques Brels »Ne me quitte pas«. Nach der Pause wittern die Politiker in ihrer Netzlosigkeit eine Verschwörung. Putin, der Boss vom Bosporus und Trump bieten sich da als Kandidaten und musikalisch passend gemachte Bösewichter an. Europa verhandle wie auf einer Viehaktion, schimpft Bockelmann, und »Eurodeal« zeigt, wie es geht. Keiner will auf Subventionen verzichten, jeder geht bei diesem Ansinnen sofort herzrasend zu Boden, bei »Wir schaffen das« fallen alle um, Deutschland dann separat beim Thema Auto. Europa sei eben für alle eine echte Herzensangelegenheit, bleibt als sarkastischer Kommentar.

Dann finden die Abgesandten doch noch etwas Gemeinsames in und an Europa: den Eurovision Song Contest. Und sogar eine Lösung der grassierenden Europamüdigkeit: eine vereinende Hymne. »Hey Jude« der Beatles singen sie Martin Schulz von der EU textlich variiert ins Ohr, der ganze Saal stimmt amüsiert ein, Europa scheint im Kleinen gerettet. Dazu beigetragen haben mit Stefan Schätzke, Matthias Felix Lauschus, Till Ritter drei Musiker der Sonderklasse, die behänd von Balkanfolklore zu Pop aller Couleurs wechseln. Das brillante Team der »Distel« hat mit dem »Gipfel«-Programm, dem 143. seiner Historie, Europa immerhin Hoffnung gegeben!

Kabarett-Theater »Distel«, Friedrichstr. 101, Mitte, Tel.: (030) 20 44 704, www.distel-berlin.de

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