Woyzecks Wahn

Klaus Kinski wäre 90

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.
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Es mutet seltsam an, die Schauspielkunst als lebensgefährliche Arbeit zu bezeichnen. Das ist zunächst so, als wolle man, nur weil der Dramatiker Ödön von Horváth von einem herabfallenden Ast erschlagen wurde, auch die schriftstellerische Existenz kurzschlüssig als lebensgefährlich bezeichnen. Aber wer Klaus Kinski sah, der wusste, was Lebensgefährlichkeit ist. Es geht dabei um den Bannstrahl, den ein Darsteller sendet. Kinski mit seinen Glotz- und Zauberaugen, mit diesem nach Skandal schnappendem Gefräßigkeitsmaul, dieser Berufsbösewicht und »Erdbeermund«-Prediger - er machte »Männern die Hölle, Frauen die Höhle heiß«, wie er selber potenzprotzte. Er übersprang wie kein Anderer die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, zwischen Wahn und Wahrheitsschärfe, zwischen Apathie und Ausbruch, zwischen schneidender Gemeinheit und armseliger Kreatürlichkeit; er spielte atemberaubende Varianten von Fiebrigkeit, Aggressivität und Erschöpfung. In besten Momenten blieb der Wahnsinn so hellsichtig, dass darin der Irrsinn der Welt aufleuchtete.

Der Woyzeck in Werner Herzogs Film: Nacktheit eines Ausdrucks, der die Trennwände aller Konvention einstürzen lässt. Die Sado-Maso-Arbeit speziell mit diesem Regisseur (»Aguirre - der Zorn Gottes«, »Fitzcarraldo«): ein gegenseitiges Aussaugen. »Mein liebster Feind« nannte Herzog sein Filmporträt über Kinski. Dem das Leben und die Kunst fortwährend zum Delirium tendierte. Der Exzentriker, jähzornbesetzt, der an Orten ziviler Sättigungen keine Heimat fand. Der auf der Bühne Bibeltexte bot und ausrastete, weil ihm das Gesicht eines Zuschauers nicht zusagte. Der in Edgar-Wallace-Filmen ein steinerweichender Schurke war.

Kinski denken heißt an jene denken, die mit gleichsam sehr selbstbewusster Verletzlichkeit und innerer Versehrtheit Löcher reißen in jene komplette Welt der Erklärungen und Gemeinplätze, die wir uns schaffen, um die Welt zu verfälschen, also: um sie erträglich und benutzbar zu machen. Weit gehen. Bis zum kältesten, glühendsten Punkt des Ausgesetztseins, des Verlorenseins. In den fünfziger Jahren hatte er mit Villon-Rezitationen begonnen, schon mal den einen oder anderen Gegenstand ins Publikum geschleudert.

1991 starb Klaus Kinski in Kalifornien. Ein Letzter war er, dessen Erfahrungen sich nicht ins Gemäßigte retten wollten. Mit Fantasie, die zum Extremismus des Körpers wurde, setzte er die Tatsachen des Gewöhnlichen ins Unrecht. An diesem Dienstag wäre der 1926 als Nikolausz Günther Nakszynski bei Danzig Geborene 90 Jahre alt geworden. Das Publikum labte sich an seiner ausgemergelten Fratzigkeit, an seinen Explosionen der Unverschämtheit. Noch wo dieses Publikum schockiert und verekelt wurde, genoss es den Schock, den Ekel. Später bezichtigten die Töchter Kinskis ihren Vater der Kinderschändung. Entsetzte Reaktionen. Er war nicht normal. Aber glaubt denn wirklich jemand, unsere Faszination über die extreme Verruchtheit dieses Künstlers, unser zwielichtiger Genuss an jener Hautlosigkeit, die so anzog, weil sie abstieß - ja glaubt denn wirklich jemand, so etwas sei umsonst zu haben?

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