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Nicht nur Superkräfte

Die Serie »Luke Cage« verneigt sich vor der afroamerikanischen Kultur

  • Von Waldemar Kesler
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es sei gleich gesagt: Mit dem Superhelden Luke Cage können auch Verächter des Genres »Superhelden«-Comics etwas anfangen. Luke Cage ist zwar ein Teil des Marvel-Universums, das Netflix schon in den Serien Jessica Jones und Daredevil bedient. In den ersten Folgen von Luke Cage vergisst man aber beinahe, dass übernatürliche Kräfte überhaupt eine Rolle spielen. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist nämlich das New Yorker Viertel Harlem, eines der Zentren afroamerikanischer Kultur.

Der Held fristet hier erst ein ärmliches Dasein als Hilfsarbeiter mit zwei Jobs. Ausstehende Gehälter und drückende Mietschulden plagen ihn. Von Lukes kugelsicherer Haut und seinen Herkuleskräften erfahren wir eher nebenbei in einem Gespräch mit seinem Mentor Pop, in dessen Friseurladen er arbeitet. Pop versucht Luke davon zu überzeugen, seine Stärke zum Wohl der schwarzen Community einzusetzen, aber Luke möchte kein Held sein, weil er noch mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hat.

Der typische Superheldentopos, dass besondere Kräfte eine besondere Verantwortung bedeuten, ist bei Luke Cage untrennbar mit Harlem verbunden. Pop, Lukes Antagonist Cottonmouth und dessen Cousine Mariah haben alle dort ihre Wurzeln, aber jeder von ihnen repräsentiert andere Wertvorstellungen. Pop steht für eine lebendige Nachbarschaft, in der alle einander zur Seite stehen. Cottonmouth ist ein kompromissloser, machthungriger Gangster und stolz auf seinen Erfolg und seinen mondänen Nachtclub »Harlem’s Paradise«. Cottonmouths Cousine Mariah ist in dessen Geschäfte verwickelt, obwohl sie eine aufstrebende Politikerin ist. Sie betont zwar öffentlich ihren Stolz auf das kulturelle Erbe Harlems, ist aber von dem Alltag der Menschen dort entfremdet. In diesem Geflecht definiert sich das Heldentum von Luke Cage: Es liegt nicht an seiner durchschusssicheren Haut (auch wenn das nach den aktuellen Vorfällen von Polizeigewalt in den USA eine besondere Note hat), sondern daran, dass er im Interesse der Benachteiligten kämpft, die dieselbe Hautfarbe wie er haben.

Das Setting dient als Resonanzboden für afroamerikanische Kultur, besonders die Musik: Charles Bradley, Faith Evans und Raphael Saadiq spielen live in Cottonmouths Nachtclub, der Soundtrack bietet lauter Größen des Blues, Soul und Hip-Hop auf, von Nina Simone bis zum Wu-Tang Clan. Die Gespräche im Friseurladen drehen sich um afroamerikanische Sportler, Bürgerrechtler und Schriftsteller. Cottonmouth steht für den Lebensstil, den jeder Gangsterrapper propagiert. In seinem Büro hängt darum ein großes Porträt von Biggie Smalls. Die Referenzen beschränken sich aber nicht auf die (Pop-)Kultur: Das Gebäude, in dem Mariah ihr Büro hat, ist nach der Anti-Skaverei-Ikone Crispus Attucks benannt, und Lukes charakteristischer Kapuzenpulli soll an den 2012 ermordeten Highschool-Schüler Trayvon Martin und die Black Lives Matter-Bewegung erinnern.

In diesem Rahmen lässt sich Luke Cage unabhängig vom Genre anschauen und funktioniert enorm gut. Selbst die vielen Bösewichte und zwielichtigen Gestalten sind viel komplexer gezeichnet, als man es von einer Superheldengeschichte erwarten darf. Gegen Ende dominiert leider die ungeschickt aufgebaute Konfrontation mit dem eindimensionalen Widersacher, mit einem albernen finalen Duell. Erst, wenn mitten in der Staffel eine Figur aus dem Marvel-Netflix-Universum als Deus ex machina auftaucht, wird man daran erinnert, dass man es mit einer Comic-Verwertungsmaschine zu tun hat. Luke Cage ist aber definitiv einer der interessantesten Auswürfe daraus.

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