Die Welt braucht Regeln

»Aus Liebe zur Welt: Die Umordnung der Dinge« - am Donnerstag startet die vierte Ausgabe des Monologfestivals im Theaterdiscounter

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Sie kündigen für neun Tage Reflexion zur Umordnung der Gegenwart an. Sind wir nicht schon von Regeln umzingelt?

Michael Müller: Ich denke, die Welt braucht Regeln. Aber die sollten nicht starr sein, sondern verhandelbar bleiben. Alles um uns herum verändert sich ständig. Da geht es eben auch um die Frage, wie jeder persönlich seinen Wunsch nach Veränderung umsetzen kann. Wie bringt er das an, wie geht er diese Wechselbeziehung ein?

Im Monolog?

Michael Müller: Diese Monologe sind ja keine Selbstgespräche, wie man sie so Zuhause ohne Gegenüber führt. Vielmehr wird der Kontakt mit dem Publikum stark sein. Unsere Raumkonzeption wird das befördern. Die Agierenden können gar nicht so tun, als wäre das Publikum nicht da. Das Publikum ist durchaus zum Diskurs gebeten, nachdem es den Prozess von der Selbstvergewisserung und den Modus des Zweifelns verfolgen konnte.

Janette Mickan: Wir wollen zeigen, was der Monolog heute im Theater bewirkt. Bei unseren Recherchen stießen wir bei alten Hasen wie bei Newcomern unter den Künstlern auf unterschiedlichste Positionen, auch auf Provokation. Wir nahmen uns viel Zeit, ehe wir uns auf die 15 künstlerischen Positionen festlegten. Vom Wort bis zum Tanz.

Wo sahen oder sehen Sie überzeugende Verhandelbarkeit bei Regeln?

Michael Müller: Ich denke da an Griechenland in der Schuldenkrise. Das Land konnte nicht zahlen und beharrte darauf. Die üblichen Regeln griffen nicht - und kurz schien etwas wie europäische Solidarität möglich. Dann hat man doch die alte Ordnung durchgepeitscht. Globale Regeln verändern sich aber, wenn man auf die Flüchtlingsentwicklung sieht. Europa ist damit zweifelsohne zur Umordnung herausgefordert. Unser Leben verändert sich. Ein anderes Beispiel ist, wie sich ein Mensch verhält, der in einer Religionsgemeinschaft aufwächst, ihren Regeln aber nicht entsprechen kann. Er muss für sich andere Regeln für die Beziehung mit dieser Gemeinschaft finden. Oder nehmen wir mal den Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte. Das Leben, eine jahrzehntelange Emanzipationsbewegung und schließlich gesellschaftliche Akzeptanz hebelten ihn aus.

Individuelle und gesellschaftliche Interessen kommen sich doch dauernd ins Gehege.

Janette Mickan: Der Widerspruch baut sich eben aus der Position auf, aus der man sie betrachtet. Das zeigt am einfachsten Beispiel das Verhalten im Straßenverkehr, der zauberhaft funktionieren könnte, hielte sich jeder an die Regeln. Aber wie denke ich im Auto über Radfahrer und umgekehrt? Manchmal erscheinen Regeln auch widersinnig, wie wenn man bei roter Ampel vor einer völlig leeren Straße ewig warten soll. Da ordnet man schnell Regeln um. Die Versuchung ist immer unterwegs. Michael Müller: Im Großen betrachtet, kann auch Alternativlosigkeit eine Chance zur Umordnung sein. Sieht man einmal, welche Entwicklung die Klimapolitik weltweit nimmt. Es ist schlichtweg notwendig geworden, zu einer anderen Sicht zu kommen.

Die Künstler spannen auch den Bogen vom Persönlichen zum Gesellschaftlichen.

Michael Müller: Wie im Leben eben. Da geht es gleich am ersten Abend mit der Choreografin und Lebenstrainerin Dragana Bulut und der Frage los, ob man sich völlig isoliert sein Glück durch Lebenstraining basteln kann. Die Politperformer der Gruppe »internil« präsentieren in »Aggroprolypse« das Handy-Selfie als Kulturgut. Und schließlich wird Peter Licht als Dichter und Musiker zum Lob der Realität ansetzen. Die drei werden schon in Auseinandersetzung miteinander sein und auf die Reaktion des Publikums prallen.

Meinen Sie, es wird da alles aus Liebe zur Welt so heiß gegessen wie es gekocht wird?

Janette Mickan: Bei der anspruchsvollen Unterhaltung und hoffentlich aufregenden Debatten könnte das passieren. In der Diskursküche, die wir zum Festival einrichten, muss man sich dann beim Essen nicht den Mund verbrennen. Es gibt auch Überraschungen. Beispielsweise ein Orakel. Und Musik wird die Abende beschließen. Trotz ernsthafter Themen soll alles eine gewisse Leichtigkeit behalten.

Monologfestival, vom 20.-30. Oktober im Theaterdiscounter, Klosterstraße 44, Mitte.

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