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Paukenschläge und leise Töne

Konzerthaus Berlin: Ensemble UnitedBerlin mit fünf Uraufführungen und drei Berliner Erstaufführungen

Ein Marathon. Gut besucht der Otto-Saal des Hauses. Vier Konzerte en Suite. Voll besetzt mit Instrumenten der Bühnenteil des Raumes. Fabelhaft disponiert der willenskräftige, in jeder Phase höchst aufmerksame Klangkörper, dazu Damen und Herren des Solistenensembles Phønix 16, dirigiert von dem höchst versierten Jonathan Stockhammer. Der junge Mann stammt aus Los Angeles und demonstriert derzeit in Europa sein Können. Unterschiedlichste Stücke kamen zur Aufführung. Vier Frauen stellten sich mit jüngsten Arbeiten vor, dazu vier Herren. Elektronik figurierte in mehreren Stücken, als wäre sie zusätzliches Instrumentarium. Klangregisseur Andre Bartetzki hatte alle Hände voll zu tun.

UnitedBerlin besteht seit über 25 Jahren. Ursprünglich genuin ostdeutsch geprägt, avancierte es zu einem nicht wegzudenkenden Teil des Berliner Betriebs. Dem mit all seinen Abartigkeiten und kommerziellen Schrullen zu entsprechen, will es keineswegs. UnitedBerlin unter Geiger und Manager Andreas Bräutigam löckt wider den Stachel wie kein anderes Ensemble in der Hauptstadt. Mit dem Komponisten und Posaunisten Vinko Globokar hat es beispielsweise zwei Mal gearbeitet; mit Musik, die Weltenwenden markiert. Da birst es bis hinauf in die Emporen der Elisabeth-Villa, in der die Abende stattfanden.

Auch beim seinem jüngsten Unternehmen verbreitete die Gruppe, - sie rekrutierte bis zu 16 Musiker und 8 Choristen - schöpferische Aktivität. Neu eingeführt: Gespräche mit den Komponistinnen und Komponisten als Video-Aufzeichnung jeweils vor den Aufführungen. Der sympathische Berliner Komponist Rainer Rubbert führte sie, etwas holprig bisweilen, aber stets freundlich, mit einem Lächeln.

Ein Paukenschlag das Stück von Maximilian Marcoll «Compound 7: Operation Enok»«. Es postiert die Gruppe und vier Lautsprecher, hochgestellt auf Stativen. Dazu seitlich eine Glasvitrine. Marcoll, geboren 1981, versteht sich als politischer Komponist. Er selber bediente die Vitrine, füllt sie mit allerlei Metall, Plastik, Nägeln, Schrauben, Büchsen, Becher, rührt, kloppt mit einem Holzstab darin rum, dauerhaft, so als würden sinnbildlich Kampfjets das, was sie ohnehin zertrümmerten, noch mehr zertrümmern. Das Ganze klingt wie Atmos aus einem Einsatzkommando, aus dem Drohnenabschüsse vorbereitet und aktiviert werden.

Elektronik bringt die Vorgänge zum Sieden. Der Text, den eine Choristin sprechfunkartig zitiert, stammt aus einem Computerspiel. Ensembleklänge sind hier lediglich Akzidenz. Dirigent unnötig. Der rigide Klangablauf darf nicht enden, er muss abreißen. Klar und höchst eindringlich dieses radikale Projekt.

Ganz anders drei Stücke, welche den Härten der Welt in Gestalt zurückgezogener, den Schönklang betonender Konzeptionen erwidern. Eines, komponiert von der jungen Britin Naomi Pinnock, heißt »that place we cannot stay ...« für Ensemble, drei Vokalisten und Klangschale. Leise, sensible Werte spricht das Stück an. Desgleichen Peter Koeszeghys »hidden waves« für Flöte, Klarinette, Streichtrio und sechs Vokalisten. Der Ungar galt bis vor gut fünf Jahren noch als ungestümer Klangradikalist, bevor er sich nicht ohne Erfolg den Gefilden der Innerlichkeit zuwandte. Mittels meditativer, blecherner Elemente anders gefärbt, aber ähnlich »Antarctic continent« für 15 Instrumente und Choroktett von der Moskauerin Olga Rayeva. Andere Stücke wie Martin Daskes »Wohin: gegen: wenn«, sodann Eres Holz’ »Nemeses« nahmen das Können des Ensembles weit energetischer in Anspruch.

Hohe Zustimmung fand »Groovulation« für Ensemble von Ying Wang aus Shanghai. Wahrlich ein Talent. Das Stück ist spannend vom ersten Takt an. Glissandi kreuz und quer, Trillerketten schießen durch die auch mittels raffiniert gesetzter Fermaten hochgetriebene Faktur. Das Stück schließt, als überschlüge sich der listige Harlekin mehrmals auf dem Drahtseil.

Die junge Aziza Sadikova aus Taschkent glänzte am Schluss des Marathons. Brisant ihre Komposition »Unititled« für Ensemble und Chor. Sujet: Russland, I. Weltkrieg, II. Weltkrieg. Etwas, das zu beackern eigentlich unmöglich ist für Musik, hier gleichwohl knapp, signalhaft, brutal ins Bild gesetzt. Soli von Geige und Bratsche tappen umher, instrumentale Duos siedeln zwischen peitschenden Bläsern und schweren Schlägen des Schlagwerks. Der ins Extrem getriebene Tuttischluss mit anschwellendem Chor und Glockenspiel wirkt wie ein Schrei in die Abgründe der Weltkrise.

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