Von Caroline M. Buck

Nachts in Paris

Im Kino: »Théo und Hugo« von Olivier Ducastel und Jacques Martineau

Es ist Nacht in Paris, und zwei lernen sich kennen. Sie reden und sie küssen sich, sie fahren Fahrrad in Paris und sind überwältigt von der Entdeckung des anderen, von der Nacht, von der Zukunft, die plötzlich viel heller und interessanter aussieht. Weil man sich ja gefunden hat.

Vorher aber haben sie Sex. Mit anderen. Und miteinander. Denn »Théo & Hugo« ist ein Film über ein schwules Paar, und er beginnt in einem Darkroom. Womit nicht die photochemische Dunkelkammer gemeint ist, sondern einer dieser schwulen Sexclubs, in denen Fremde sich mit Fremden vergnügen. Und dabei gelegentlich, wie’s scheint, die Liebe finden. Bis Théo (Geoffrey Couët) und Hugo (François Nambot) ein allererstes Wort miteinander wechseln, haben sie sich schon ganz hautnah erfahren. Und es ist Théo gewesen, der, fasziniert vom Anblick Hugos in den Armen eines anderen, sich an ihn herangearbeitet hat, von einem nackten Körper zum anderen, bis Blicke und Lippen sich fanden.

Es ist eine relative Neuheit im regulären Mainstream-Kino, dass Sexszenen, ob hetero oder schwul, mit ungemimter Eindeutigkeit auf der Leinwand vorgeführt werden. Manchmal wurden Porno-Darsteller dafür verpflichtet, die das ja ohnehin vor der Kamera tun, wie in Catherine Breillats »Romance 2«. Manchmal Laien dazu überredet, sich im Interesse des Films bis in die letzte Konsequenz auf ihre Rolle einzulassen, wie in Michael Winterbottoms »9 Songs«. Und manchmal waren es altgediente Schauspieler, die ihrem Regisseur vertrauten und mehr als nur die Hüllen fallen ließen, wie in Patrice Chéreaus berlinale-preisgekröntem »Intimacy«. Couët und Nambot liegen irgendwo in der Mitte des Spektrums: Es ist für beide die erste Hauptrolle, aber beide haben Film- und Theatererfahrung.

In Abdellatif Kechiches Cannes-Preisträger »Blau ist eine warme Farbe« erreichte der für die Kamera vollzogene Sex auf der großen Leinwand die lesbische Liebe. Und in »Théo & Hugo« nun (nicht zum ersten Mal, aber mit doch immer noch ungewohnter Ausführlichkeit) auch die schwule. Wobei das Regie-Duo (und frühere Regie-Paar) Olivier Ducastel und Jacques Martineau sich auch vorher schon gern mit Sex in seinen Filmen beschäftigte. Und dafür regelmäßig ausgezeichnet wurde: »Théo & Hugo« gewann im Februar den Teddy-Publikumspreis auf der Berlinale.

Zwanzig Minuten also hält die Kamera sich zu Beginn des Films in diesem Darkroom auf, zwischen sich betrachtenden, sich umschlingenden, sich liebenden Körpern. Unter lauter nackten Männern in Socken und Sneakers, die Kleidermarke am Handgelenk, im roten Lichtschein auf der Suche. Aber auch in den blaugetönten Übergangszonen zum Alltag, am Tresen und beim Ankleiden. Es ist, weil er in anonymer Begierde und wilder Promiskuität beginnt, aber in sternenäugiger Verliebtheit endet, ein romantischer Einstieg, trotz der unverhohlen nackten Tatsachen. Kein Porno, sondern eine Befindlichkeitsstudie.

Und oben in der Dämmerung der Nacht, als die Jungs den Club gemeinsam verlassen, sich öffentliche Mietfahrräder suchen und nun auch gesprächshalber die Nähe des anderen suchen, wird es eine wirkliche Liebesgeschichte. Gedreht an den realen Orten und in langen Einstellungen, was schon aus Geldgründen einfacher war, mit den zufälligen Lichtquellen und ihren unterschiedlichen Farbwerten. »Théo & Hugo« spielt tatsächlich in Echtzeit, in dieser einen Nacht, in aneinandergrenzenden Bezirken im Nordosten von Paris: nicht auf den Grands Boulevards, nicht den bekannten Plätzen, sondern zwischen Notaufnahme und Döner-Buden und zwischen Pendlern, die jeden Tag die allererste Métro nehmen.

Und das ist nicht der einzige Einbruch rauer Wirklichkeit in diesem Film: denn ziemlich schnell sitzen Théo und Hugo, wie vom französischen Untertitel beschrieben, tatsächlich in einem Boot. In dem des erhöhten Aids-Risikos nämlich, das einer von beiden im Darkroom ganz naiv einging, sehr zum Entsetzen des anderen, der damit nicht gerechnet hatte. Wie sie mit dieser Entdeckung umgehen, das zeigt dann endgültig, dass es denn wirklich Liebe werden könnte, was diese beiden verbindet.

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