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Nicht nur super: Goji, Chia & Co.

Exotischen Früchten werden wahre Wunderleistungen nachgesagt, nicht alles trifft zu

Super gesund sollen bestimmte Früchte und Samen sein, super teuer sind sie in der Regel auch. Die Versprechungen auf der Verpackung entpuppen sich jedoch oftmals als Marketingidee der Hersteller dieser »Über-Lebensmittel«. Ebenso oft treffen sie indes auf gläubige Patienten, die sich die ersehnten Wirkungen selbst zusammenreimen

Die Gojibeere ist so ein Produkt. Das Nachtschattengewächs aus China gelangte als Kulturpflanze über ganz Asien, Europa und Nordamerika zu weltweiter Verbreitung. Gelobt werden der hohe Gehalt an den Vitaminen A,B, C und E sowie an Eisen. Jedoch sind die speziellen Wirkungen dieser und weiterer Inhaltsstoffe nur in Laborstudien aufgetreten - also in einer künstlichen Umgebung. Manche war selbst dort nicht nachzuweisen, etwa eine krebsverhütende Wirkung. Zudem wurden in diesen Versuchen Extrakte des gemeinen Bocksdorns - so ein weiterer Name des Gojistrauchs - untersucht. Die gehypten Früchte enthalten auch Zeaxanthin, das die altersbedingte Degeneration von Augenzellen stoppen soll. Jedoch kommt dieser Farbstoff - in der EU übrigens als Futtermittelzusatzstoff zugelassen - auch und reichlich in Spinat und Kohl vor.

Insgesamt sind die Befunde zur chinesischen Wunderbeere eher ernüchternd, ihre gesundheitsfördernde Wirkung geht wohl nicht über die Wirkung anderer Obstsorten hinaus. Auch die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA konnte bei der Überprüfung einer Reihe von Studien noch nicht erkennen, dass die Beeren vor freien Radikalen und oxidativem Stress schützen würden.

Selbst chinesische Untersuchungen bis 2010, die hohen Anforderungen entsprachen - randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert - mussten am Ende unveränderte physiologische und klinisch-chemische Parameter bei den Gojiprobanden protokollieren. Diese eher zweifelhafte Faktenlage hindert die Vermarkter der Beeren nicht daran, höchste Preise zu verlangen. Ein Pfund getrocknete Gojibeeren aus China sind etwa für knapp 25 Euro zu haben, 100 Gramm in Bioqualität für 7,22 Euro, ein Liter Direktsaft für 17 Euro. Das Geschäft haben inzwischen auch Drogeriediscounter und Süßwarenhersteller erkannt. Ein neues Produkt aus dem Hause Ferrero - mit 60 Prozent Schokolade - enthält weniger als vier Prozent Gojisaftkonzentrat. Beworben wird es mit der Aufschrift »Goji & Himbeere auf Apfelbasis«. Aber nicht nur solche Bezeichnungen sollten kritisch aufgenommen werden, auch bei der Berichterstattung über Studien in Zusammenhang mit Lebensmitteln ist genaues Lesen angesagt: Treten die erwünschten Wirkungen tatsächlich auf, oder können oder sollen sie das nur?

Wurde das Ergebnis womöglich nur im Mausmodell erreicht - und was heißt das für die Wirkung beim Menschen? Eine weitere Frage ist, ob die nachgewiesenen Wirkstoffe dann auch tatsächlich über die menschliche Verdauung aufgenommen und verwertet werden können. Angesichts dieser zahlreichen Fragen würden Verbraucher die Ratschläge von Wissenschaftlern gut gebrauchen können, doch sie sind im Buchregal mit der Lupe zu suchen.

Unter den über 1100 erhältlichen Kochbüchern mit dem Begriff Superfood im Titel oder einer entsprechenden Zuordnung gibt es nur wenige kritische Ratgeber. Einer erschien unter dem Titel »Schwarzbuch Superfood. Heiße Luft und wahre Helden«. Die vier Autorinnen sind Ernährungswissenschaftlerinnen und widmeten den größten Teil des Büchleins der Vorstellung der einzelnen Pflanzen, jeweils mit den Themen gesundheitliche Wirkung, Anbau, Form der Verabreichung und Dosierung. Einige der aufgeführten Produkte sind schon seit Jahrhunderten fester Bestandteil des mitteleuropäischen Speiseplans. Zu den traditionellen Lebensmitteln gehören Brennnessel, Heidelbeere, Holunder, Meerrettich, Kürbiskern, Leinsamen, Sanddorn und Walnuss. Diesen das Attribut Superfood anzuheften, erscheint zunächst befremdlich. Einen Sinn ergibt es, weil sie nach der Konzentration bestimmter Inhaltstoffe ähnliches erwarten lassen wie ihre exotischen Konkurrenten.

Zu denen gehören bereits allgemein vertraute Früchte wie Avocado, Granatapfel, Kakao, Kokosnuss oder Olive. Sie können zuverlässig in guter, teils auch Bioqualität im Lebensmittelhandel erworben werden. Hinzu kommen exotische Neulinge, darunter die erwähnte Gojibeere, verschiedene Algen, Matchatee oder Chiasamen. Vor allem bei den außereuropäischen Produkten ist die Nachhaltigkeit selten garantiert. Die Buchautorinnen weisen auf die Problematik von langen Transportwegen, Flächenraub, schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigsten Löhnen in den Anbauländern hin und werben für fair gehandelte Produkte. Das ist ohne Zweifel verdienstvoll, andererseits geben sie auch zwölf heimischen »Superfoods« ihren Platz.

Dieser Aufzählung könnte man noch Klassiker wie Knoblauch, Mangold, Rucola, Spinat und Hirse hinzufügen. Allen genannten Pflanzen ist gemein, dass sie mit Goji, Chia & Co. erfolgreich konkurrieren können. Vorausgesetzt natürlich - und darauf weisen vom Hobbykoch bis zur Ernährungswissenschaftlerin viele begeisterte Nutzer hin - , dass sie frisch verarbeitet werden, um in den Genuss der wertvollen Inhaltsstoffe zu kommen.

Daniela Grach u.a.: Schwarzbuch Superfood. Heiße Luft und wahre Helden. Leopold Stocker Verlag Graz 2015. 87 S., Hardcover, 9,95 €

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