Abriss nicht geplant

Experten stellen sich gegen Ankündigung der Regierung

Der zunächst angekündigte Abriss von Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn sorgte in Österreich für Streit. Ein Abriss würde »einer Verleugnung der NS-Geschichte in Österreich gleichkommen«, sagten der Historiker Oliver Rathkolb und Ex-Verwaltungsgerichtshofpräsident Clemens Jabloner am Dienstag. Beide sind Mitglieder der von der österreichischen Regierung beauftragten Expertenkommission.

Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) hatte zuvor den Abriss des Hauses angekündigt und sich dabei auf die Expertenempfehlungen berufen. Das Haus dürfe »vor allem in der Außenform nicht mehr erkennbar sein«. Ob man das als Abriss bezeichne, darüber könne man diskutieren, ruderte Sobotka später zurück. Ziel sei es, eine Pilgerstätte für Neonazis zu verhindern.

Die Kommissionsmitglieder erklärten, sie hätten zwar mehrere Vorschläge zur Entmystifizierung des Ortes gemacht, eine Schleifung des Gebäudes werde aber nicht befürwortet. Im Bericht der Expertenkommission heißt es, eine grundlegende Veränderung oder auch völlige Entfernung des Gebäudes wäre zwar grundsätzlich geeignet, die »ideologische Besetzung« des Ortes und damit auch die emotionale Verbindung mit der Person Adolf Hitlers aufzulösen. Die Geschichte des Ortes dürfe aber nicht geleugnet werden. »Eine historische Kontextualisierung unter Einbeziehung der Öffentlichkeit bleibt erforderlich«, mahnen die Experten in ihrem Bericht.

Eine Reihe von Kulturorganisationen in der 16 000-Einwohner-Stadt hatte sich gegen den Abriss des Hauses in der Altstadt von Braunau gestellt, das unter Denkmalschutz steht. Wenn das in Privatbesitz befindliche Gebäude, in dem Hitler seine ersten Lebensmonate verbrachte, demnächst enteignet werden sollte, hätte die Regierung freie Hand bei der Nutzung. Das Gesetz zu der Enteignung wurde allerdings noch nicht beschlossen. Laut Sobotka könnte es Ende des Jahres in Kraft treten. nd/Agenturen

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