Der rote Trommler

Martin Sabrow hat eine Biografie über die frühen Jahre von Erich Honecker verfasst

  • Von Siegfried Prokop
  • Lesedauer: 4 Min.

Schon oft wurden die Jugendjahre Erich Honeckers in Weimarer Zeiten beschrieben, jedoch noch nie mit wissenschaftlichen Mitteln detaillierter untersucht. Dies versucht nun Martin Sabrow. Er vergleicht akribisch die Selbstzeugnisse des späteren Ersten Mannes im Staate DDR mit den vielen anderen Überlieferungsspuren im Schriftgut der NS-Behörden und in den Unterlagen der Staatssicherheit, in den Kaderakten der SED und in den Schilderungen von Zeitgenossen.

Der Wissenschaftler vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam vermutet, dass die nähere Erkundung der Jugendvita Auskunft über das Gepäck zu geben vermag, das Honecker aus der Zeit vor 1945 in sein späteres Leben mitnahm. Kritisch hinterfragt der Autor die Deutungskämpfe um eine Person der Zeitgeschichte, die 1971 an die Spitze von Partei und Regierung der DDR aufstieg und nach 1989 zu ihrem »verächtlichsten Verantwortungsträger« herabsank. Die anachronistische Verfassung von Honeckers politischem Denken in der Endphase der DDR führt Sabrow u. a. darauf zurück, dass dieser zwischen dem 24. und 33. Lebensjahr, in denen andere Altergenossen politisch reifen konnten, von allen äußeren Einflüssen abgeschottet im Gefängnis verbrachte. Die Selbstverständlichkeit, mit der Honecker die politischen Ziele der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik mit denen der 1980er Jahre gleichsetzte, hatte auch damit zu tun, dass er in einer entscheidenden Entwicklungsphase von äußeren Impulsen fast völlig isoliert war.

Honeckers Jugendbiografie ließe sich als Legendenkritik und in einem Demaskierungsgestus präsentieren, indem dem über Jahrzehnte gebildeten Heiligenschein die Blässe der biografischen Wirklichkeit entgegen gehalten wird. Dieser Versuchung erlag Sabrow nicht, weil sich auch eine lebensgeschichtliche Gegenrechnung aufmachen lässt, die solcher Entzauberung von Honeckers Leben bis 1945 an Plausibilität keineswegs nachsteht. Honecker blieb als junger Mann der linken Familientradition treu, schloss sich der kommunistischen Bewegung an und stieg rasch zum Bezirksleiter Saar des kommunistischen Jugendverbandes auf. Er zögerte nach dem 30. Januar 1933 keinen Augenblick, sein Leben in den Dienst des Widerstandes gegen die NS-Herrschaft zu stellen. Er wurde in das ZK seines Verbandes berufen. Alle Bemühungen, ihm im Zuchthaus Identität und Lebenshoffnung zu nehmen, brachten seine Überzeugung nicht ins Wanken.

Nach Honeckers Sturz ’89 wurden unfaire Kampagnen auf den Weg gebracht. Der frühere DDR-Staatsanwalt Peter Przybylski behauptete, Honecker habe mit belastenden Aussagen die Position der Prager Kurierin Sarah Fodorová vor Freislers berüchtigtem »Volksgerichtshof« untergraben und sei möglicherweise für deren frühen Tod verantwortlich. Sabrow belegt, dass es sich dabei um eine Erfindung handelte. Die inzwischen verehelichte Sarah Wiener meldete sich seinerzeit aus Israel mit der Betonung, Honecker habe ihr vor Gericht das Leben gerettet. Die Medien, die die Verleumdung festgezurrt hatten, unterließen eine Berichtigung. Honeckers angeblicher Verrat an seiner Genossin veranlasste sogar noch die Bundesregierung, die Rücküberstellung des 1991 nach Moskau geflohenen Honecker mit allem Nachdruck zu betreiben.

Sabrow beleuchtet auch die Rolle einer anderen Frau in dieser Lebensphase von Erich Honecker. Dass es sich bei der Wachtmeisterin Charlotte Schanuel nicht um eine beliebige Aufseherin, sondern um Honeckers spätere Ehefrau handelte, hat dieser selbst stets geheim gehalten. Die Rolle, die Schanuel nach Honeckers Flucht aus dem Zuchthaus und bei dessen Rückkehr gespielt hat, wird von Sabrow detailliert und geradezu spannend geschildert.

Der Autor äußert sich auch zur DDR-Geschichtsschreibung. Diese hätte unbeirrt suggeriert, dass der Widerstand im »Reich« bis zum Kriegsende von Moskau aus angeleitet wurde, was eine bloße Chimäre gewesen sei. So monolithisch, wie Sabrow behauptet, agierten die DDR-Historiker jedoch nicht. Walter Bartel, Direktor des Deutschen Instituts für Zeitgeschichte, offenbarte schon 1961 auf dem I. Internationalen Kongress zur Erforschung des europäischen Widerstandskampfes in Mailand, im Widerspruch zu Walter Ulbricht, dass der antifaschistische Kampf von KP-Leitungen sowohl im Inland wie auch in Westeuropa und Moskau bestärkt wurde. Welchen Wellenschlag er damit in der DDR auslöste, kann im Heft 1 der »Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung« (BzG) und im Heft 2 der »Zeitschrift für Geschichtswissenschaft« (ZfG) des Jahres 1962 nachgelesen werden.

Alles in allem ist Sabrow eine sachliche und quellengesättigte Jugendbiografie gelungen. Eine zweite Auflage sollte die falschen Vornamen von Karl Schirdewan (Kurt), Horst Sindermann (Alfred) und Wilhelm Zaisser (Ernst) korrigieren.

Martin Sabrow: Erich Honecker. Das Leben davor 1912-1945. C.H. Beck, München 2016. 623 S., geb., 27,95 €.

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